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Kirche

Pfeiffer: "Die Kirche hat dazugelernt"

Die Vereinten Nationen forderten den Vatikan unlängst auf, den Kindesmissbrauch durch Geistliche gründlich zu untersuchen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer scheiterte damit in Deutschland. Warum? Das DW-Interview.

DW: Herr Pfeiffer, die Vereinten Nationen haben den Vatikan aufgefordert, sich von überführten oder verdächtigen Priestern zu trennen. Kann das zum Erfolg führen?

Christian Pfeiffer: Ich denke, die Vereinten Nationen haben recht. Wir konnten bei der von uns begonnenen und dann später (auf Drängen der Deutschen Bischofskonferenz, Anm. d. Red.) abgebrochenen Forschung klar feststellen, dass in früheren Jahren, also in den 1950er, 60er, 70er Jahren offenkundig viele Priester weiter arbeiten durften mit veränderten Arbeitsinhalten. Sie wurden versetzt, aber sie wurden nicht unbedingt immer bestraft. In der Gegenwart sieht das anders aus. Wenn heute ein Priester einen sexuellen Missbrauch verübt, dann verliert er seinen Job und dann wird er kirchenrechtlich bestraft und vor allem bekommt er auch seine staatliche Strafe. Da hat es einen Wandel gegeben, aber im Hinblick auf die Altfälle, mag es noch viel aufzuarbeiten geben und von daher ist es absolut berechtigt, wenn die Vereinten Nationen die Kirche auffordern, weltweit mit klaren Regeln zu arbeiten.

Hat die Katholische Kirche das Thema ausreichend bis heute aufgearbeitet?

Die Kirche hatte die löbliche Absicht, das zu tun. Das mit uns angelegte Forschungsprojekt sollte sämtliche Fälle des Missbrauchs von 1945 bis zur Gegenwart analysieren. Aber dann mussten wir selber bald feststellen, dass dem dadurch schon Grenzen gesetzt waren, dass in vielen Fällen die Akten gar nicht mehr die unzerstörten ursprünglichen Inhalte hatten. Da war viel vernichtet worden und es gab leider keine Transparenz, in welchem Ausmaß uns denn überhaupt noch Akten für die Forschung zur Verfügung stehen werden, die eine lückenlose Aufklärung ermöglichen. Als wir das dann angemahnt haben, kam die Kündigung. Inzwischen hat die Kirche dazugelernt. Androhung von Zensur und ähnlichem, das wird es in Zukunft nicht mehr geben. Von daher stimme ich der Tendenz des UN-Berichtes zu, dass die Kirche dabei ist, aus Fehlern zu lernen, auch in Deutschland.

Der ursprünglichen Straftat folgten später weitere, dann wohl von Mittätern, die Akten vernichtet haben....

Von Mittätern? Nein, das ist Kirchenrecht, und diese kirchenrechtliche Bestimmung ist problematisch, dass die Kirche veranlasst ist, bei gestorbenen Priestern und bei solchen, wo die Tat mehr als zehn Jahre zurückliegt, den Teil der Akte zu vernichten, der detailliert beschreibt, was da alles vorgefallen ist. Und da muss sie für Klarheit sorgen und auch sich darum bemühen, diese Vorschrift ihren guten Absichten anzupassen, damit überhaupt Chancen bestehen, rückwärts aufzuklären, wie man in den 50er, 60er, 70er Jahren mit solchen Tätern umgegangen ist.

Aber das bedeutet doch, dass man das unterschiedlich handhaben kann. Es werden doch nicht automatisch alle Akten vernichtet worden sein von Priestern, die Straftaten begangen haben und gestorben sind, oder doch?

Nein, sie sind zum großen Teil nicht vernichtet worden. Wir haben nie Transparenz darüber bekommen, in welchem Ausmaß das stattgefunden hat, welche Chancen Forschungsaufklärung noch hat. Ich bin sicher, unsere Nachfolger werden das einfordern und auch erhalten und erst dann wird es möglich sein, zu sagen, wir sind in der Lage lückenlos rückwärts aufzuklären und auch festzustellen, wieviele Priester, obwohl sie eine massive Straftat begangen hatten, im Amt bleiben konnten und oft dann an einem anderen Ort, falls man sie versetzt hat, weiter gewirkt haben im negativen Sinne, erneut Missbräuche begangen haben. All diese Sünden der Vergangenheit sollten ja offenkundig werden.

Gibt es keine rechtliche Handhabe, dass die Kirche diese Akten herausgeben muss?

Niemand kann die Kirche zwingen, bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen.

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Der Kriminologe Christian Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V.

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