Peter Steudtner: ″Ich reagiere auf jedes Geräusch″ | Aktuell Europa | DW | 04.11.2017
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Menschenrechte

Peter Steudtner: "Ich reagiere auf jedes Geräusch"

Mehr als 100 Tage saß der deutsche Menschenrechtler in türkischer Haft. Jetzt spricht er im "Spiegel-"Interview über die Angst und die Hoffnungen in dieser dunklen Zeit. Der Prozess gegen Steudtner geht weiter.

Istanbul Türkei - Peter Frank Steudtner nach Freilassung aus Silivri Gefängniskomplex (Reuters/Y. Akgul)

Peter Steudtner wird von Reportern befragt, nachdem er Ende Oktober die Haftanstalt verlassen hat

Als am 5. Juli, einem heißen Sommertag in Istanbul, 20 bis 30 Zivilpolizisten mit Pistolen den Konferenzraum des Hotels stürmen, glauben Peter Steudtners türkische Kollegen zunächst an eine harmlose Razzia: Es gehe nur darum, sie einzuschüchtern, beruhigen sie den Deutschen, der dort mit seinem schwedischen Kollegen Ali Gharavi ein Seminar leitet.

Doch dann begann eine Zeit, die im Rückblick an einen Verschiebebahnhof erinnert - überschattet von wachsender Angst und Ungewissheit über die Zukunft. Station 1: die Polizeistation von Büyükada. Im Laufe der Nacht werden ihre Kollegen jeweils zu zweit weggebracht. Keiner wusste, wohin. "Da ahnte ich, dass das nicht schnell zu Ende geht", sagt Peter Steudtner im Interview des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel".

"Wer ist dein Kontaktmann beim BND?"

"Der Polizist, der mich vernahm, sprach fließend Deutsch. Er identifizierte sich nicht, er informierte mich nicht über meine Rechte. Er sagte: 'Du bist ein Spion. Wer ist dein Kontaktmann beim BND?'" Zu jenem Zeitpunkt hofft Steudtner noch, dass sich alles als großes Missverständnis erweisen und bald aufklären wird. "In Wahrheit ging es nur darum, mich einzuschüchtern."

Istanbul Türkei - Peter Frank Steudtner und Ali Gharavi nach Freilassung aus Silivri Gefängniskomplex (Reuters/O. Orsal)

Peter Steudtner (2. v. r.) mit seinem Seminarkollegen Ali Gharavi (2. v. l.) nach der Freilassung

Wenn Steudtner rückblickend von seinen Haftbedingungen erzählt, ist es schwierig, die Orte auseinanderzuhalten. Station 2: ein Polizeiboot. Station 3: eine unterirdische Zelle im Polizeihauptquartier in der Vatan Caddesi in Istanbul. "Dort blieben wir 13 Tage." Station 4: ein Zellentrakt nur für Terrorverdächtige im Gerichtspalast Caglayan, wieder unter der Erde. "Um sieben Uhr morgens teilte uns der Richter mit, dass sechs aus unserer Gruppe in Untersuchungshaft kommen und vier unter Auflagen freigelassen werden. Es war ein Schock."

Häftlinge verletzen sich selbst

Station 5: das Gefängnis im Istanbuler Stadtteil Maltepe, wo vor allem Ausländer festgehalten werden. Dann folgt die Verlegung an einen Ort, der in Deutschland längst zum stehenden Begriff geworden ist, weil die türkischen Behörden hier mehrere Bundesbürger aus politischen Gründen inhaftierten. Es ist Station 6: das Hochsicherheitsgefängnis Silivri, die größte Haftanstalt der Türkei.

Türkei Cumhuriyet Prozess (Reuters/O. Orsal)

Polizisten vor dem Hochsicherheitsgefängnis Silivri nahe Istanbul (Archivbild)

Die ersten vier Tage verbringen Steudtner und sein Seminarkollege Gharavi in Einzelhaft. Dann kommen sie - getrennt - in Zweierzellen. "Ich bekam in den drei Monaten dort außer meinem Mitgefangenen so gut wie keinen anderen Gefangenen zu Gesicht", berichtet Gharavi im "Spiegel"-Interview. Die Isolation wirke "enorm belastend". Sie führe dazu, dass viele Insassen sich aus Verzweiflung selbst verletzten.

Über seinen Verteidiger erfährt Steudtner, dass seine Berliner Kirchengemeinde jeden Abend eine Andacht für ihn abhält. Er setzt sich zur selben Zeit in den Hof und singt die Lieder, die sie auch singen: "Wachet und betet", "We shall overcome".

"Ich verstand ihn nicht - aber die Anwälte jubelten"

Der Prozessauftakt Ende Oktober dauert fast 13 Stunden. Alle Beobachter müssen schließlich den Gerichtssaal verlassen. Der Richter spricht Türkisch. "Ich verstand ihn nicht", erinnert sich Steudtner, "aber die Anwälte jubelten. Sie flüsterten uns zu: 'Ihr seid frei.'"

Wenn er heute über die mehr als 100 Tage in türkischer Haft spricht, denkt der Menschenrechtler an Situationen, in denen andere Gefangene von Misshandlungen durch die Sicherheitskräfte sprachen. Er selbst wurde angeschrieen, psychisch unter Druck gesetzt - aber nicht geschlagen. Doch die inneren Verletzungen sind bis heute nicht verheilt. Er sei nach wie vor unruhig, zumal der Prozess am 22. November fortgesetzt wird. "Mein Körper befindet sich immer noch in einem Zustand ständiger Wachsamkeit. Ich reagiere auf jedes Geräusch."

jj/mak (epd, kna, spon)

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