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Kultur

Pergamentmail

Oma Kasulke ist eine nette ältere Dame, und keinesfalls von gestern. Deshalb schraubt sie auch gerne, zusammen mit ihrem Enkel Kevin, an ihrem PC herum - alles im Dienste der Sicherheit im Internet.

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Eigentlich ist Oma Kasulke eine coole Frau. Beim Zeitschriftenhändler lässt sie sich nicht von den Hinweisen des Verkaufspersonals irritieren, die "Vergoldete Frau mit Herz ohne Verstand" sei doch in dem anderen Regal da drüben, und stöbert ungerührt in den Fächern mit Computerzeitschriften. Und wenn sie auf Krawall gebürstet ist, geht sie in den so genannten Multimedia-Fachabteilungen ihres örtlichen Kaufhauses den so genannten Fachverkäufern mit Fragen nach den Datenraten der verschiedenen "Wireless Access Points" im Angebot auf die Nerven.

Doch manchmal ist auch Oma Kasulke nervös. In solchen Fällen ist sie froh, ihren Enkel Kevin zu haben. Den hatte sie kürzlich gebeten, ihr beim Update ihres Windows-PCs mit dem aktuellen Service Pack 2 zu helfen. Nicht, dass Oma Kasulke das nicht selbst hingekriegt hätte - aber bei einem derart tief greifenden Update, das noch dazu, den Berichten in den Computerzeitschriften zufolge, gewaltig in die Hose gehen kann, ist es doch ganz gut, einen anderen unter der Verantwortung schwitzen zu sehen.

Und so schwitzt Kevin Kasulke nun, während das CD-Laufwerk massenweise Daten von der CD, die Oma in einer ihrer Zeitschriften gefunden hatte, auf die Festplatte schaufelt. Und die beiden (Oma und Kevin, nicht die CD und das Laufwerk) kommen ins Plaudern.

Pergament-Mail

Kevin hat Oma nämlich angeboten, nach dem Update ein schickes "Briefpapier" in ihr Mailprogramm zu installieren. Oma muss verständnislos geguckt haben, denn nun ist Kevin eifrig dabei, ihr zu beschreiben, wie schön ihre Email mit einem simulierten Pergament-Hintergrund und in Frakturschrift aussehen würde.

Nun mag Oma Kasulke ihren Enkel sehr, kann es sich aber nicht verkneifen, kurz einzuwerfen, dass sie in ihrer Jugend die Beatles und die Rolling Stones gehört habe, nicht Walther von der Vogelweide. Doch Kevin lässt sich nicht irritieren; in seiner Weltsicht haben auch Lennon/McCartney ihre Kompositionen auf Pergament notiert oder so - jedenfalls nicht in einem Computer.

Also muss Oma Kasulke deutlicher werden. Und sie erklärt ihm - immer betont mühsam nach Fachausdrucken suchend, damit Kevin nicht merkt, wie gut sie sich wirklich auskennt - die Risiken von bunter, wie sagt man doch gleich, "HTML-formatierter" Email.

Diese Risiken, erklärt Oma Kasulke, liegen nämlich nicht nur im geschmacklichen Bereich - obwohl einige der Emails, die sie von ihren alten Schulfreundinnen erhält, tatsächlich Augenkrebs auslösen können.

Und die Oma listet die Probleme auf, die durch HTML-Mail entstehen. Ihre Freundin Wilma beispielsweise könne mit solch bunter Email nichts anfangen; Wilma ist blind und lässt sich die Nachrichten von einem Text-to-speech-Programm vorlesen. HTML-Nachrichten ergeben ein wüstes Durcheinander von Text und Kommandos, und so etwas schätzt Wilma nicht besonders. Andere nutzen Mail-Programme, die mit HTML-Mail nichts anfangen können, und wieder andere, darunter auch Oma Kasulke selbst, haben ihrem Mailprogramm verboten, HTML-Mail so anzuzeigen, wie die Absender es für richtig halten. Der Grund: Nicht alle Email dieser Welt kommt von den gutherzigen Mitgliedern des Abi-Jahrgangs 1955 des Werner-Seelenfänger-Gymnasiums für Knaben und Mädchen, ganz im Gegenteil: die Mehrheit HTML-formatierter Nachrichten kommt von Menschen, die HTML ausnutzen, um Dinge auf dem Rechner des Empfängers zu treiben, die sich nicht gehören.

Webwanzen in der Mailbox

Vor den Gefahren durch nachgeladene Viren ist Oma Kasulke geschützt, seitdem sie ein Mailprogramm nutzt, das derartigen Code einfach nicht ausführt. Nicht geschützt ist sie dagegen vor so genannten Web-Bugs, winzigkleinen, quasi unsichtbaren Grafiken in einer Email, die nach dem Öffnen der Nachricht geladen werden. Wozu werden solche Grafiken geladen, wenn sie dann keiner sieht? Ganz einfach: durch das Nachladen weiß der Absender, dass Oma Kasulke seine Nachricht geöffnet hat. Und das, findet die Oma, geht den Saukerl eigentlich nichts an.

Das erklärt Oma ihrem Kevin und sieht mit einer gewissen Befriedigung, wie bei ihm langsam der Groschen fällt. Inzwischen ist auch der Update zu Ende, und der PC von Oma Kasulke startet fehlerfrei. Die Firewall wird erkannt, das Antivirus-Programm auch, und auch sonst gibt es keine Fehlermeldungen. Kevin ist erleichtert. Und gelernt hat er auch wieder was.

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