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Afrika

Per SMS zum Erntehelfer

Mobiltelefone sind eine der beliebtesten Technologien, die je erfunden wurden. Heute gibt es weltweit mehr als vier Milliarden dieser kleinen handlichen Geräte – auch in sehr armen und abgelegenen Regionen der Welt.

Handy Bananenstaude (Foto: DW/Barbara Gruber)

Jeder Strauch, jede Bananenpflanze wird mit dem Handy dokumentiert

1990 gab es in ganz Afrika gerade mal 14.000 Handys. Heute sind es weit mehr als 300 Millionen, und die Zahlen steigen Tag für Tag. In Uganda haben sieben Millionen Menschen Zugriff auf solch ein Telefon und Experten schätzen, dass sich diese Zahlen in den nächsten drei Jahren verdoppeln werden. Wohin man auch schaut, das Mobiltelefon ist allgegenwärtig und die Branche wächst schnell. Auch die ugandische Werbung sei geprägt von Mobilfunkbetreibern, sagt Eric Cantor von der Grameen Foundation und MTN, Ugandas größtem Mobilfunkanbieter. Er ist davon überzeugt, dass durch das Mobiltelefon in Uganda vieles einfacher werden wird. "Wir können soviel tun, um nicht nur das Telefonieren zu erleichtern, sondern auch den Menschen zu helfen, ihr Leben zu verbessern, zum Beispiel im Bereich Gesundheit, Landwirtschaft oder Bildung." Eric tüftelt leidenschaftlich gerne an neuen Applikationen fürs Mobiltelefon. Ihn fasziniert die Technik, aber eigentlich noch mehr die Frage, wie das Handy zur ländlichen Entwicklung beitragen kann. Er und seine Kollegen haben in den letzten 18 Monaten viel experimentiert. Sie waren im ganzen Land unterwegs und haben mit vielen armen Bauern gesprochen. "Wir müssen herausfinden, wie wir das Mobiltelefon nutzen können, um einerseits Informationen zu liefern, und andererseits Informationen zu sammeln, die Geldgeber, Regierung und Privatwirtschaft benötigen, um diesen Menschen besser helfen zu können."

Ausbildung zum "Wissensvermittler"

Mit dem Handy auf der Plantage (Foto: DW/Barbara Gruber)

Mit dem Handy bei der Arbeit- Die Community Knowledge Worker

Mit finanzieller Unterstützung der Bill und Melinda Gates Stiftung und vielen lokalen ugandischen Organisationen hat die Grameen Foundation ein Netzwerk sogenannter Community Knowledge Worker aufgebaut. Diese Community Knowledge Worker sind führende Persönlichkeiten in ihren lokalen Gemeinden. Seit mehreren Monaten nehmen sie nun an Aus- und Fortbildungskursen teil, denn sie sollen Wissensvermittler werden für die ländliche Bevölkerung und insbesondere der Bauern. Als Kommunikationsmittel steht dabei natürlich immer das Mobiltelefon im Mittelpunkt. Ausgestattet mit neuesten Handys leiten die Community Knowledge Worker wichtige landwirtschaftliche Informationen an die Bauern weiter und vernetzen sie mit Märkten. Außerdem sammeln sie wichtige Informationen über die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung, zum Beispiel welche Probleme sie mit ihren Ernten haben.

Um keine Antwort verlegen

Fiona ist eine von drei jungen Frauen, die in Appfricas Call-Center arbeitet. Sie sitzt an einem Computer und recherchiert Anfragen im Internet. Ihr knallgelbes Telefon klingelt im Fünf-Minutentakt. In der Leitung sind die Community Knowledge Worker, die Fragen der Bauern weiterleiten. Die Fragen sind vielfältig: Es geht um Landwirtschaft und Gesundheit, Politik und Geschichte und sogar Sport. Der nächste Anrufer, ein Bauer aus Bushenyi, dem Westen Ugandas, möchte wissen, wann die Bananen-Welke-Krankheit zum ersten Mal in Uganda aufgetaucht ist und in welcher Region. Kein Problem für die junge Frau, die, wie sie selbst sagt, auf alle Fragen gefasst ist. "Wenn ich die Antwort weiß, hat der Anrufer die Antwort in zwei Minuten, wenn ich ein bisschen recherchieren muss, in etwa einer Viertel Stunde, und wenn ich nicht weiterkomme, leite ich die Frage an eine Landwirtschaftsexpertin weiter." Ein kurzer Blick in die Datenbank im Internet und Fiona hat die Antwort über die Bananenkrankheit.

Seit März 2009 arbeitet das Call-Center und hat in den ersten drei Monaten über 2000 Fragen beantwortet, erzählt der Gründer der Firma Appfrica, Jonathan Gosier. "Wir bekommen alle möglichen Fragen, vom Fußball bis hin zu den Präsidenten Ugandas. Für uns ist es interessant zu sehen, was die Menschen wissen wollen." Am häufigsten werde nach dem Spielplan von Manchester United gefragt, oder Tipps zur Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten und Insekten eingeholt, sagt Gosier.

Der Kampf gegen die Bananenkrankheit

Fen Beed, Bananenplantage (Foto:DW/Barbara Gruber)

Fen Beed hat der Bananenkrankheit den Kampf angesagt

Da viele Bauern Bananen züchten, betreffen die häufigsten Fragen im Call-Center Bananenkrankheiten. Schließlich ist Uganda der größte Produzent von Bananen in Afrika. Und die krumme Frucht ist auch das Hauptnahrungsmittel der Ugander. Doch Pflanzenkrankheiten gefährden immer mehr Ugandas Bananen-Produktion und in den letzten Jahren ist sie um 50 Prozent zurückgegangen. Im Kampf gegen diese Krankheit soll nun das Mobiltelefon helfen. In Mbale, im Osten des Landes besuchen wir ein Pilotprojekt der Grameen Foundation und treffen Computerspezialisten, Wissenschaftler und 19 Community Knowledge Worker.

Fen Beed ist einer der führenden Bananen-Wissenschaftler in Ostafrika. Er erklärt uns, dass es hauptsächlich drei große Bananenkrankheiten gibt. Eine davon hat noch nicht auf Uganda übergegriffen, lauert aber schon an der Grenze zum Kongo und zu Rwanda. Insekten könnten sehr leicht den Erreger einschleppen, auch Menschen, die Setzlinge und Werkzeug transportieren, sind ein Risikofaktor. Beeds Ziel ist es, die Ugander frühzeitig auf diese neuen Krankheiten aufmerksam zu machen. "Wir kontrollieren präventiv und wollen eine große Epidemie vermeiden, denn diese könnte für Uganda sehr teuer werden", sagt er.

Wertvolle Informationen für die Bauern

Nach der Theorie geht es für die Community Knowledge Worker vom Workshop auf die Bananenplantage. Die Teilnehmer sind mit neusten Nokia Handys und GPS-Messgeräten ausgerüstet. George Shiondo, einer der Bauern, ist sehr stolz auf das, was er hier lernt. Er habe keine Ahnung gehabt, wie gefährlich die Bananen-Welke-Krankheit sei, sagt Shion. "Jetzt wo ich ausgebildet wurde, werde ich gemeinsam mit den Bauern in meiner Gemeinde diese Krankheit bekämpfen." Mary Mukiti ist Landwirtin in Mbale. Sie nimmt auch an dem Ausbildungsprogramm teil. Die Mittsechzigerin grinst über beide Ohren und erzählt, wie dieses Projekt schon in kürzester Zeit ihr Leben verändert hat. Viele Jahr wurde sie diskriminiert, weil sie keine Kinder bekommen konnte. Heute allerdings, sagt sie, sei sie fast so etwas wie ein Star in ihrer Gemeinde. Sie genieße es, den Bauern Informationen und Ratschläge zu geben, die diese auch in die Tat umsetzten. "Ich bin jetzt bekannt, die Bauern wissen, dass sie dank mir ihre Anbaumethoden verbessern können. Ich habe neue Technologien eingeführt und bin für die Bauern Gold wert."

Arbeiter mit Handys auf Bananenplantage (Foto:DW/Barbara Gruber)

Alle Informationen werden mit dem Mobiltelefon gesammelt, gespeichert und dann an die Bauern weitergegeben

Wissenschaftliches Experiment

Informationen weiterleiten, das ist ein Aspekt des Projektes. Informationen sammeln der andere, und so werden die Community Knowledge Worker darin trainiert, Umfragen durchzuführen. Mary und ihr Kollege befinden sich bis zu den Knöcheln in der matschigen Bananenplantage und führen eine Probe-Umfrage durch. Abgefragt werden persönliche Daten, Informationen über die landwirtschaftliche Produktion der Bauern und spezielle Probleme mit den Bananen. Mary fotografiert die kranken Bananenpflanzen und stellt die genauen GPS-Koordinaten fest, die dann in der Hauptstadt in eine große Karte eingegeben werden. Dieses Experiment sei einzigartig, denn die Daten werden drahtlos übers Internet zu einem Team von Wissenschaftlern nach Kampala weitergeleitet, sagt Saurin Nanavati, Projektkoordinator der Grameen Foundation. "Auf Grundlage dieser Informationen gehen die Wissenschaftler dann wöchentlich ganz gezielt wieder aufs Land und können so die Ergebnisse weiter verfolgen und weitere Analysen machen." Für die Wissenschaftler bedeutet dies einen großen Fortschritt. Außerdem kann das Projekt sehr einfach auf die Bekämpfung anderer Tier- und Pflanzenkrankheiten ausgeweitet werden.

Die Revolution der Kommunikation

Hand mit Schriftzug (Foto:DW/Barbara Gruber)

Statt Notizen SMS - Google wirbt für die schnelle Informationübertragung

Informationsgigant Google hat das Potenzial des Mobiltelefons auch in Afrika entdeckt. Ende Juni wurden in Uganda mehrere neue Google-Applikationen lanciert. So zum Beispiel Google SMS. Die Idee ist sehr einfach: Wenn man Auskünfte zum Thema Landwirtschaft oder Gesundheit möchte, tippt man seine Frage ins Handy und schickt sie per SMS an die Nummer 6001. Fiona Lee hat diese neue Applikation für Google entwickelt. Wenn man keinen Zugang zum Internet habe, sei das die nächstbeste Option zum mobilen Recherchieren, sagt Lee. "Die Nutzer können selbst entscheiden, welche Auskünfte sie per SMS erhalten wollen. "Kann ich mich zum Beispiel beim Küssen mit HIV/AIDS infizieren, oder was mache ich, wenn meine Kuh Zecken hat? Einfach eine SMS schicken, und Google durchsucht diverse Datenbanken und schickt die beste Antwort zurück." Auch das nächste Krankenhaus kann man so ausfindig machen, inklusive Adresse und Telefonnummer. Der Zugang zu Information sei wichtig für den Entwicklungsprozess eines Landes, sagt Ugandas Informations- und Kommunikationsminister Aggrey Siryori Awori, während der Präsentation der neuen Google-Applikationen. Denn so seien die Bauern zukünftig auch in der Lage, adäquate und zeitnahe Auskünfte zum Thema Landwirtschaft oder Handel zu erhalten.

Das Handy - Retter aus der Not?

Handy (Foto:DW/Barbara Gruber)

Armutsbekämpfung mit Hilfe des Handys?

Owere Masho ist Bauer und seit einigen Monaten auch ein Community Knowledge Worker. Für die Präsentation der neuen Google-Applikationen ist er den weiten Weg von Mbale nach Kampala gefahren. Vor wenigen Monaten, habe er keine Ahnung gehabt, wie man eine SMS verschickt. Heute ist er der stolze Besitzer eines Nokia Smart Phones. "Das Mobiltelefon hat ein riesiges Potenzial: Es verändert unsere Art zu kommunizieren, du kannst Nachrichten von Menschen erhalten, die am anderen Ende des Landes wohnen." Früher sei das aus Zeit- und Kostengründen gar nicht möglich gewesen, sagt Masho, der sein Handy täglich nutzt, um sich über die Marktpreise und das Wetter zu informieren. So könne er in Zukunft auch besser planen. Besonders gut gefällt Owere die neue Applikation Google Trader, ein virtueller "Marktplatz", die Käufer und Verkäufer vernetzt, und das per SMS. Denn eines der größten Probleme von Kleinbauern ist der Zugang zu Märkten. Wenn sie nämlich die gängigen Marktpreise ihrer Produkte nicht kennen, werden sie häufig von Zwischenhändlern abgezockt. Google und seine zahlreichen Partner hoffen, so den Bauern in armen und abgelegenen Regionen zu helfen. Bei Google Trader könne der Nutzer eintragen, was er auf dem Markt anbieten wolle und zu welchem Preis, sagt Fiona Lee. In Uganda stecken diese neue Applikationen noch in den Kinderschuhen, doch das Potenzial dieses Pilotprojekts ist klar zu erkennen. Wenn es landesweit angenommen wird, besteht kein Zweifel: das Mobiltelefon ist ein Erfolg versprechendes Instrument im Kampf gegen die Armut - in Uganda und auf dem gesamten Kontinent.

Autorin: Barbara Gruber

Redaktion: Michaela Paul