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Fokus Osteuropa

Per Aufzug in den Kalten Krieg – Tallinns Hotel Viru und der KGB

20 Jahre nach der estnischen Unabhängigkeit ist der kalte Krieg in Tallinn Geschichte. Wieder lebendig wird er im Hotel Viru. Dort kann man sich durch die ehemals vom Geheimdienst KGB genutzten Räume führen lassen.

Hotel Viru in Tallinn, KGB, Museum. Das Bild wurde vom Hotel Viru zur Verfügung gestellt.

Rotes Telefon, Abhörwanzen und Werbematerial - die Sowjetära wird lebendig

Alles ist noch genau so wie im August 1991, als die KGB Agenten sprichwörtlich über Nacht verschwanden. Die vollen Aschenbecher auf den Schreibtischen, die technischen Zeichnungen und das elektronische Gerät – zu groß, als dass man es hätte unauffällig abtransportieren können. Ein mit Abhörtechnik und Tonbandmaschinen vollgestopfter Raum bildet den Höhepunkt der Ausstellung: "Das Hotel Viru und der KGB".

Nicht immer war der Besuch dieses Zimmers so problemlos möglich wie heute. Argo Kasela erzählt gerne die Geschichte des Hoteldirektors der einmal den Abhörraum betrat, als die Agenten ihn nicht verschlossen hatten. Dort habe der Direktor vier Männer mit Kopfhörern gesehen. Einer von denen habe dann aber seine Waffe genommen und dem Direktor gedroht, ihn zu erschießen, sollte er nicht schleunigst verschwinden.

Kasela, ein smarter Este mit grauen Haaren, ist der Führer auf einer Zeitreise in die Ära des kalten Krieges. Als Zeitmaschine genügt hier der Aufzug. Der bringt die Besucher in die 22. Etage. Die letzten Meter auf die 23. Etage müssen die Zeitreisenden die Treppe nehmen. Knapp 20 Jahre lang war die oberste Etage gesperrt. Von der Eröffnung des Hotels Viru 1972 bis zur Unabhängigkeit Estlands im August 1991 war hier das Reich des sowjetischen Geheimdienstes KGB.

Antennen lauschten bis nach Finnland

Hotel Viru. Aufnahmeort ist Tallinn, Datum Juni 2011. Zugeliefert durch Matthias von Hein am 28.6.2011. Copyright: DW / Matthias von Hein

Ein Blickfang auch nach vier Jahrzehnten: Hotel Viru

Noch heute ist das Viru Hotel mit seinen 516 Zimmern das größte Hotel Tallinns –auch wenn inzwischen andere Häuser höher in den Himmel über Estland ragen. Vor 40 Jahren aber war das Viru das erste Hochhaus Tallinns. Mit den hochempfindlichen Antennen auf dem damals höchsten Haus der Stadt ließ sich sogar der Funkverkehr der Taxifahrer im 85 Kilometer entfernten Helsinki belauschen.

Gedacht war Prestigebau aber als Aushängeschild der ehemaligen Sowjetunion gegenüber Touristen aus dem Westen. "Dieses Hotel sollte für das Leben in der Sowjetunion werben", erklärt Kasela. "Das Hotel, die Inneneinrichtung, der Service – hier sollte das Beste aus der Sowjetunion geboten werden, um es den westlichen Gästen vorzuführen."

Möbel aus der DDR

Der Abhörraum - 20 Jahre lang Zutritt verboten. Aufnahmeort ist Tallinn, Datum Juni 2011. Zugeliefert durch Matthias von Hein am 28.6.2011. Copyright: DW / Matthias von Hein

Bei der Flucht zurück geblieben - KGB Technik

Das gesamte Mobiliar des Hotels zum Beispiel kam aus der früheren DDR. Möbel aus Deutschlands Osten galten innerhalb der Staaten Osteuropas als Spitzenprodukt. Gebaut wurde das Haus in der für den damaligen Ostblock rekordverdächtigen Zeit von nur drei Jahren – von finnischen Vertragsarbeitern. Nach Fertigstellung und vor der Eröffnung wurde das gesamte Hotelpersonal für drei Tage weggeschickt. "Während dieser Zeit hat der KGB seine Kabel im Hotel verlegt" weiß unser Führer.

Insgesamt 60 Zimmer waren verwanzt. Mikrophone waren in Telefonen versteckt, in Aschenbechern, in Vasen. Der Reiz der Ausstellung besteht aber nicht allein in der Ausstellung von Abhörtechnik. Es sind die vielen kleinen Broschüren aus den 1970er und 80er Jahren, die aberwitzig erscheinenden Vorschriften, die Souvenirs und das Werbematerial. Als Fülle kleiner Mosaiksteine machen sie die Umstände in der ehemaligen Sowjetunion noch einmal erlebbar.

Der Widerspruch zwischen dem Wunsch, dem Ausland seine beste Seite zeigen zu wollen und gleichzeitig jede Form von möglichen Problemen schlicht zu leugnen erzeugt dabei fast zwangsläufig Komik. Das ist erwünscht, erklärt Jana Sampetova, ebenfalls Führerin im Hotel Viru: "Wir versuchen hier zu zeigen, wie absurd das Leben war, wie viele unsinnige Regeln es für alles gab."

Mangel verwalten durch Lagerhaltung

Aufnahmeort ist Tallinn, Datum Juni 2011. Zugeliefert durch Matthias von Hein am 28.6.2011. Copyright: DW / Matthias von Hein

Direktleitung zur estnischen KP Zentrale

Jana Sampetova war zehn Jahre alt, als Estland unabhängig wurde. Sie kann sich noch gut an die Mangelwirtschaft in der Sowjetunion erinnern. Daran, wie die Menschen stundenlang vor den Geschäften für die einfachsten Waren anstehen mussten. Im Hotel Viru hat man den Mangel durch Lagerhaltung verwaltet. Die Lagerräume im Keller seien früher zehnmal so groß gewesen wie heute, erzählt Argo Kasela. Weil das Hotel im Herbst den gesamten Jahresbedarf an Kartoffeln einlagerte.

Besonders vielseitig war das Essen im Aushängeschild des Sozialismus nicht: Die Köche mussten mit drei Arten von Grundstoffen auskommen: Kartoffeln, Schweinefleisch und eingelegtes Gemüse. Meeresfrüchte, Gewürze, Weine: Fehlanzeige. "Es war eine ärmliche Wirtschaft in der Sowjetunion" lautet das Fazit von Argo Kasela. Immerhin wurde das Hotel bestens mit tschechischem Bier versorgt. Und in der Hotelbar ertönten ansonsten verbotene westliche Songs – beschafft von Seeleuten mit Zugang zu ausländischen Märkten.

Das Program der diesjährigen europäische Kulturhauptstadt Tallinn läuft unter dem Motto "Geschichten am Meer". Und das "Hotel Viru und der KGB" ist eine spannende Facette dieses Programms. Denn der Widerstreit zwischen dem Bedürfnis nach den Devisen westlicher Touristen und dem unerbittlichen Kontrollanspruch ergibt immer noch Stoff für eine Menge Geschichten.

Autor: Matthias von Hein
Redaktion: Sonila Sand