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Welt

Pentagon möchte Selbstmordrate reduzieren

154 Selbstmorde in den ersten 155 Tagen: Damit starben 2012 mehr US-Soldaten durch eigene Hand als im gleichen Zeitraum im Krieg in Afghanistan. Das Pentagon ist besorgt, Experten aber sind nicht überrascht.

Die Kritik war umfassend: Es war die Rede von "verpassten Gelegenheiten, um Hilfesuchende zu ermutigen", die "diskriminierende und entwürdigende Behandlung von Militärangehörigen" wurde genauso angeprangert wie die "Herabsetzung der allgemeinen Fitness und Einsatzbereitschaft der Truppe" durch mehrfache Kampfeinsätze.

Ein Jahr lang hatten die 14 Mitglieder der Arbeitsgruppe zur Selbstmordprävention im US-Militär Fakten gesammelt und ausgewertet. Ihr Fazit, das sie im August 2010 vorlegten, lautete: Das Militär bemühe sich zwar, dem Problem Herr zu werden, aber die Maßnahmen seien unkoordiniert und ungenügend. Die Arbeitsgruppe sprach 76 Empfehlungen aus und forderte vor allem ein systematischeres Vorgehen. Und wenn Soldaten Hilfe für psychische Probleme suchen, dürfe das nicht länger als ein Makel angesehen werden.

Das Pentagon hatte 2009 auf den damaligen Anstieg der Selbstmordrate unter den rund 1,4 Millionen Militärangehörigen mit der Einrichtung der Arbeitsgruppe reagiert, die sich aus zivilen und militärischen Experten zusammensetzte. Als Reaktion auf den Abschlussbericht der Gruppe wurde unter anderem ein Büro zur Selbstmordvorbeugung im Pentagon eingerichtet. Der Psychologe Dr. Alan Berman hält dies für den richtigen Schritt: "Man braucht ein Gehirn, das das System steuert", sagt er im Interview mit DW. Der Direktor des Amerikanischen Suizidologie-Verbands war Mitglied der Arbeitsgruppe des US-Militärs. Nicht alle Empfehlungen der Arbeitsgruppe seien umgesetzt worden, erklärt Berman, und er könne auch nicht sagen, wie effektiv das Büro arbeitet. Eine Interviewanfrage der DW an das Selbstmordpräventions-Büro des Pentagon wurde nicht beantwortet.

Änderungen brauchen Zeit

Portrait von Alan Berman (Foto: privat)

Psychologe Alan Berman

Der erneute Anstieg der Selbstmordrate in diesem Jahr, die zwischenzeitlich wieder gesunken war, überrascht den Psychologen Berman allerdings nicht: "Es dauert eine Weile, bis Empfehlungen umgesetzt, Änderungen herbeigeführt und Präventionsprogramme entwickelt werden und dann die gewünschte Wirkung zeigen." Vor allen Dingen das Umdenken im Umgang mit psychischen Problemen geht nicht von heute auf morgen. Berman nennt als Beispiel die Tatsache, dass bestimmte Aufgaben innerhalb des Militärs mit einer höheren Bezahlung verbunden sind. Wer einen solchen Job hat, scheut sich, psychologische Hilfe zu suchen, weil er dann den Job und damit die finanziellen Vorteile verlieren würde. "Das System verstärkt also die Vorstellung, man müsse seine Probleme für sich behalten", sagt er. Das müsse sich ändern, fordert Dr. Berman, der Betroffene müsse nach einer Behandlung wieder seine alte Aufgabe übernehmen dürfen.

"Wir wissen, dass es bedauerlicher Weise ein Stigma in Bezug auf mentale Probleme gibt",  gab Oberst John Kirby, Pressesprecher des Verteidigungsministeriums, Anfang des Monats in einer Pressekonferenz zu. Verteidigungsminister Leon Panetta hatte in einer internen Mitteilung im letzten Monat geschrieben, die Selbstmorde seien eines der kompliziertesten und drängendsten Probleme des US-Militärs. Im Vergleich zu vor zehn Jahren haben sich die Selbstmordzahlen verdoppelt. Selbstmordprävention, so Panetta, sei zuallererst eine Führungsaufgabe. "Deswegen", schrieb der Verteidigungsminister nach Angaben des Pentagon, "müssen Vorgesetzte in allen Führungsebenen aktiv für eine konstruktive Atmosphäre sorgen, die den Zusammenhalt stärkt und den Einzelnen ermutigt, Hilfe zu suchen, wenn er sie benötigt."

Militär unter großer Belastung

Ein Faktor in der hohen psychischen Belastung der Soldatinnen und Soldaten ist die Tatsache, dass das US-Militär in den letzten zehn Jahren in zwei Kriegen gekämpft hat. "In letzter Zeit waren sowohl die Zahl als auch die Art der Einsätze für die Soldaten in Uniform wirklich grausam, sie sind einfach völlig fertig und aufgerieben", sagt der Psychologe Jonathan Shay im Interview mit DW.

Ein US-Soldat sitzt in einem Wartebereich und schaut zu Boden (Foto: AP)

Viele US Soldaten leiden unter den psychische Folgen eines Kriegseinsatzes

Shay beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den psychologischen Folgen von Kampfeinsätzen. Jeder Einsatz zehrt an den Kräften der Soldaten, erklärt er. Und die Belastung im Kampf gegen Aufständische wie in Irak und Afghanistan, die sich unter der Zivilbevölkerung verstecken, sei höher als im Kampf gegen klar identifizierbare Soldaten einer gegnerischen Armee. Wenn ein Scharfschütze seinen Gegner nur ausschalten kann, wenn er beispielsweise ein Baby tötet, das dieser zum Schutz vor sich trägt, dann verletzt das seine ethischen Grundsätze zutiefst und hinterlässt "moralische Wunden".

Dass der Krieg in Afghanistan Ende 2014 beendet sein soll, hilft nicht, so Shay. "Ein Krieg der zu Ende geht bringt eine eigene Art von Horror mit sich: Wer will der letzte sein, der im Irak stirbt, der letzte, der in Afghanistan stirbt?" Auch die Diskussion um den Zweck des Krieges oder ob der Zeitplan sich nach politischem Kalkül richtet, verstärkt den psychologischen Druck.

Viel ist noch unbekannt

In diesen wirtschaftlich angespannten Zeiten kommt hinzu, dass die Soldaten zusätzlich - wie ihre zivilen Landsleute auch - finanzielle Probleme haben, etwa nicht wissen, wie sie das Haus finanzieren sollen oder nach dem Dienst in der Armee nur wenig Aussicht auf einen zivilen Job haben. Wenn dann noch private Probleme hinzukommen, ist das wie ein sozialer Tod, erklärt Shay, "und der physische Tod folgt dem sozialen Tod in der Regel schnell."

Erstaunlicherweise, so erklärt Dr. Berman, bedeuten mehrere Kampfeinsätze nicht eine verstärkte Zahl an Selbstmorden. "Wir haben genau das Gegenteil festgestellt, dass die Mehrzahl der Selbstmorde unter denen zu finden ist, die nicht ein einziges Mal im Kampfeinsatz waren." Eine Erklärung könnte sein, so Berman, dass niedrige Rekrutierungsstandards dazu führen, dass mehr Menschen in der Armee sind, die für psychische Probleme anfällig sind. Es sei also vor allem wichtig, so Berman, möglichst genau zu erforschen, wo die Ursachen der Selbstmorde im US-Militär liegen. "Vieles ist noch unbekannt." Bermans Institut ist gerade dabei, Selbstmorde im Marine Corps zu untersuchen, und er verspricht sich davon wertvolle Erkenntnisse. Doch auch das braucht Zeit, sagt er: "Die Zahlen werden wahrscheinlich noch eine ganze Weile besorgniserregend bleiben."

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