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Asien

Peking tanzt den Regentanz

Die Pekinger Regierung lässt Regen machen gegen Smog und Wassermangel. Dauerhaft steuern lässt sich die Natur dennoch nicht, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

In Peking gelten andere Regeln für den täglichen Wetterbericht. Kündigt der Pekinger Wetterbericht Regen oder starken Wind an, reagieren die Menschen anders als in Deutschland: Sie sind erleichtert. Als die Regierung zuletzt Anfang Februar Smogalarm ausrief, wurde ein kurzer Regen von den Menschen begrüßt wie ein Naturwunder. Denn der Regen reinigt die Luft von den giftigen Kohlenstoff-Partikeln. So auch am Freitag (28.03.). Der Tag begann mit dickem Smog, ihm folgte leichter Regen und am Nachmittag kam bei deutlich besseren Luftwerten sogar die Sonne raus.

Und noch aus einem anderen Grund freuen sich die Menschen über den Niederschlag. Vor allem die nördlichen Provinzen Chinas leiden während der Wintermonate unter extremem Wassermangel. Sogar Peking, die Hauptstadt Chinas, gehört zu den wasserärmsten Städten der Welt. Der Grundwasserpegel sinkt stetig. Immer mehr Flüsse, die den Bewohnern Pekings einst als Wasserquelle dienten, vertrocknen zu schmalen Rinnsalen. Dabei fällt in der Hauptstadt allein jährlich etwa die gleiche Regenmenge wie in ganz Deutschland. Allerdings stürzen fast dreiviertel der Menge in nur zwei Sommermonaten vom Himmel und verursachen dann Überschwemmungen. Seit September letzten Jahres hat es praktisch nicht mehr geregnet. Peking liegt zudem im Wüstenrandgebiet und wird im Frühjahr immer wieder von Sandstürmen heimgesucht, die über die Wüsten der Inneren Mongolei hinweg bis nach Peking fegen. Der Sand legt den Flugverkehr lahm und hüllt die Stadt in ockergelben Staub. Dazu kommt der übliche Smog, der in den letzten Jahren verheerende Ausmaße annahm.

Künstlicher Regen

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

China ist Weltmeister im Regenmachen, sagt Frank Sieren

Die Lage ist so ernst, dass China gar nichts anderes übrig bleibt, als künstlichen Regen zu erzeugen, auch wenn er die Folgen der Umweltprobleme nur kurzfristig lindert. In den 50er Jahren fand man das Wundermittel zum Regenmachen: Silberjodid, ein einfaches gelbes Salz, dass aus den chemischen Elementen Silber und Jod besteht. Versprüht man diese Chemikalie in den Wolken, werden Wasser anziehende Salze frei - schließlich fängt es an zu regnen.

Das sogenannte "cloud seeding", also das "Impfen der Wolken" ist eine Methode, bei der das Silberjodid mittels Flugzeugen oder Raketenwerfern in die Wolken versprüht wird, um ihnen das Wasser zu entziehen und so Niederschlag zu erzeugen. Und zwar genau dort, wo er gebraucht wird. Richtig dosiert ist Silberjodid im gefallenen Niederschlag in nur so geringer Menge nachweisbar, dass es als unschädlich für Mensch und Tier gilt. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine chinesische Technik. Die gezielte Wetterbeeinflussung wird seit Jahrzehnten rund um den Globus praktiziert, um Regen und Schnee aus Menschenhand hervorzubringen.

Auch der in der Landwirtschaft gefürchtete Hagel, der immer wieder schwere Schäden verursacht, wird so verhindert. Selbst Deutschland und Österreich verfügen über mehrere Hagelflieger, also speziell ausgerüstete Cessnas, die bei gefährlichen Wetterlagen eingreifen. Die Wetterflieger versuchen die Sprühladung so zu dosieren, dass sich die Wolken ausregnen, bevor die Hagelkörner Schäden erzeugen können. Im Landkreis Rosenheim, einem der am meisten betroffenen Gebiete Deutschlands, gibt es weitaus weniger Hagelschäden, seit die Einsätze geflogen werden. Nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl 1986 versuchte die damalige Sowjetunion auf die gleiche Art, den radioaktiven Regen von Moskau fernzuhalten.

Weltmeister im Regenmachen

China ist jedoch unangefochtener Weltmeister im Regenmachen. Das chinesische Wetteramt hat bereits vor zwei Jahren einen Plan veröffentlicht, der vorsieht, bis 2015 mit künstlichem Regen den Smog zu reduzieren. Die Regierung stellte für lokale Regenprojekte 16 Millionen Yuan (1,9 Millionen Euro) zur Verfügung. Bis zu fünf Prozent mehr Niederschlag sollen so jährlich in Problemregionen fallen. So sollen pro Jahr dann rund 50 Milliarden Tonnen künstlicher Regen erzeugt werden. Das ist etwa so viel, als würde man den Bodensee über China auskippen. Das wäre schon ein Fortschritt. Insbesondere im trockenen Norden, wo häufig Wassermangel herrscht - oder der Smog. gesundheitsschädliche Rekordwerte erreicht.

Doch genau hier liegt die Krux des menschlichen Eingriffs. So sehr sich das Wetteramt auch bemüht, sind diese Maßnahmen ist nicht zuverlässig berechenbar. Das zeigt beispielsweise der verheerende Schneesturm 2009, bei dem 16 Millionen Tonnen künstlich erzeugter Schnee Peking drei Tage lang im Chaos versinken ließ. Und: Der umgeleitete Regen fehlt anderswo. Und nicht immer ist die Lage so günstig, wie in Peking, wo die regenbeladenen Wolken über die Hauptstadt hinweg ziehen und erst über dem Meer abregnen. Und: um es regnen zu lassen braucht es Wolken. Und die können selbst die chinesischen Kommunisten nicht künstlich erzeugen.

Unser Korrespondent Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.