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Asien

Peking speckt ab

Chinas Hauptstadt platzt aus allen Nähten. Um Peking zu entlasten, sollen Regierungsämter und Firmen ausgelagert werden. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Seit Wochen ist es Stadtgespräch: Peking will abspecken und Teile seines Regierungsapparates verlegen. Sie sollen in die Nachbarstädte Baoding und Langfang abwandern, meldete vor kurzem das chinesische Wirtschaftsmagazin Caijing. Die Immobilienpreise beider Städte schnellten erstmal in die Höhe. Von Chinas Regierung kam aber prompt ein Dementi. Warum nur so schnell, fragt man sich? Denn bei den Pekingern würde es sicher gut ankommen, wenn es in der Hauptstadt nicht mehr ganz so eng zuginge. Die Autos auf den Straßen kommen oft nur im Schritttempo vorwärts. Die Luftqualität wird von Jahr zu Jahr schlechter, die Wasserressourcen immer knapper. Zu den 21 Millionen Menschen, die bereits hier leben, kommen jährlich 430.000 neue hinzu, die ihr Glück in der Großstadt suchen. Selbst eine von der Regierung beauftragte Expertenkommission bezeichnete Peking kürzlich als „nicht lebenswerte“ Stadt. Um Abhilfe zu schaffen, müssten mindestens fünf Millionen Menschen raus aus der Hauptstadt. Entlastung täte Peking also gut.

Debatte ein Testballon?

Vieles deutet darauf hin, dass das Dementi der Regierung nicht ihr letztes Wort war. Das Volk diskutiert jedenfalls weiter darüber, welche Ministerien betroffen sein könnten und wie viele Menschen demnächst wohl umziehen müssen. Auffällig dabei ist, dass sich auch einige staatliche Zeitungen fleißig an der Debatte beteiligen. Ein Thema, das die Regierung tatsächlich vom Tisch haben will, würde dort sicher nicht immer wieder aufs Neue so prominent platziert werden. Ist die Diskussion also am Ende vielleicht sogar ein Testballon für die Regierung? Denn Anfang März beschloss der Volkskongress ohnehin, die Urbanisierung der ländlichen Regionen zu fördern. In den nächsten sieben Jahren sollen 100 Millionen Menschen in neue Städte umgesiedelt werden. Ein Teil dieses Plans ist der Ausbau der Jin-Jin-Ji Region im Norden, also des Gebietes Peking-Tianjin-Hebei. Dazu gehören auch die Städte Baoding und Langfang. Staatschef Xi Jinping will Nordchina komplett umkrempeln und zu einem großen Wirtschaftsraum vernetzen. In Baoding geht es um 115.000 Hektar Bauland für neue Firmen, Forschungseinrichtungen und Bildungsinstitute. Laut Ma Yufeng, dem Bürgermeister von Baoding, sollen dazu 34 neue Stadtviertel entstehen. Sicher ist dort auch Platz für einige Regierungsämter.

DW-Kolumnist Frank Sieren (Foto:privat)

Sieren: "China hat bislang seine Hauptstadt nur verlegt, wenn eine neue Dynastie an die Macht kam."

Hauptstadt verlagern aus ökologischen Gründen

Die Diskussion um Chinas Hauptstadt ist nicht wirklich neu. In den letzten Jahren schlugen chinesische Wissenschaftler immer wieder eine Verlagerung oder gar den Bau einer neuen Hauptstadt vor, hauptsächlich aus ökologischen Gründen. Und damit wären die Chinesen nicht die ersten. Nicht nur Deutschland, auch Nigeria, Brasilien oder Laos verlagerten ihren Regierungssitz. Und auch China wechselte schon oft seine Hauptstadt – allerdings immer nur dann, wenn auch eine neue Dynastie die Macht übernahm. Der komplette Umzug der Regierung wäre dem Volk deshalb schwer zu vermitteln.

Eine vernetzte Metropolregion Peking, die Städte wie Baoding und Langfang integriert, wäre da schon die bessere Lösung. Schafft man es, diese Städte für die Bevölkerung durch Jobs und ein entsprechendes Kultur- und Freizeitangebot attraktiver zu machen, werden die Menschen freiwillig dorthin umsiedeln. Denn vor allem junge Leute wollen in Großstädte, weil sie hohe Lebensqualität bieten.

Momentan weiß zwar niemand, was genau die Regierung in Baoding plant. Fest steht jedoch: Würde ein Teil des riesigen Regierungsapparates ausgelagert, wäre zumindest ein Anfang gemacht. Dass es in Peking so nicht weiter geht, steht außer Frage. Bisher bewältigten die Planer den Menschenansturm stets damit, dass sie die Stadt durch den Bau von immer neuen Ringstraßen ausdehnten. Mittlerweile ist der siebte Ring in Bau. Wenn er fertig ist, wird er eine Länge von 900 Kilometern haben, was der Strecke von Hamburg nach München entspricht. Sein Name: Letzter äußerer Ring.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.