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Politik & Gesellschaft

Peer Steinbrücks Fehlzüge

Peer Steinbrück geht in die Offensive und erklärt, wie es zu dem peinlichen Lapsus auf dem Buchcover von "Zug um Zug" gekommen ist. Mit seiner Medienschelte dabei liegt er allerdings völlig daneben, meint Michael Gessat.

Themenbild Kommentar Grafik Symbolbild

"Schach" kommt vom persischen Wort "Shah", und das heißt "König". Nicht nur wegen dieser Wortherkunft, sondern auch wegen seiner Komplexität gilt Schach als das "königliche Spiel" oder auch als das "Spiel der Könige". Aber auch in einer Demokratie kann ein Politiker beim sachgemäßen Hantieren mit den Spielfiguren; mit König, Dame, Türmen, Springern, Läufern und Bauern Punkte sammeln: Wer sich nämlich auf den 64 schwarzen und weißen Feldern in den Disziplinen "Taktik und Strategie" versiert zeigt, von dem darf man wohl ähnliche Fähigkeiten auch in der Kunst des Regierens erwarten: Geduld, Konzentrationsfähigkeit, Intellekt und sorgfältige Berechnung, dann aber auch wieder Wagemut, Intuition und das Zuschlagen zum rechten Zeitpunkt – all dies sind Tugenden, die einem König, einem Heeresführer, aber auch gewiss einem Bundeskanzler gut zu Gesicht stehen.

Peer Steinbrück und Altbundeskanzler Helmut Schmidt bedienen sich in ihrem Buch "Zug um Zug" ausdrücklich der Schachmetaphorik – im Titel und auf dem Cover: Die vorhandene oder vermeintliche Könnerschaft am Brett ist eben nicht ein irgendwo im Buchinneren in der Rubrik "Hobbys" verstecktes Detail, sondern ein zentraler Aspekt einer Image-Botschaft – genauso wie das Buch in diesem Moment kein harmloses Kamingeplauder zweier Parteifreunde ist, sondern der Anker einer Medienkampagne.

Dass Peer Steinbrück jetzt beim "ZEIT Forum" in Hamburg in die Offensive gegangen ist und gleich zu Beginn der Veranstaltung über das verdrehte Brett und verkehrte Spiel Auskunft gegeben hat, war ebenso richtig wie notwendig – ein Schweigen hätte das PR-Desaster noch verschlimmert. Vielleicht hätte er aber besser daran getan, so wie sein Schachfreund und Ko-Autor Helmut Schmidt einfach noch etwas deutlicher "die Hälfte der Verantwortung" auf sich zu nehmen.

Im Hamburger Publikum sorgten Steinbrücks Erläuterungen, man habe es dem gehbehinderten Altkanzler nicht zumuten können, "mit dem Rollator um den Tisch herumzuradeln und sich neu hinzusetzen" für zustimmende Heiterkeit – so recht überzeugend sind sie aber letztendlich nicht. Da hätte nämlich ein "um die Ecke herumrutschen" schon gereicht – oder eben natürlich das Verdrehen des Schachtisches um 90 Grad. Und das dürfte entgegen der Behauptung von Steinbrück nahezu so problemlos möglich gewesen sein wie das Drehen eines Schachbrettes – das Möbel ist nämlich, wie man auf den Fotos wunderbar sehen kann, weder festgeschraubt noch aus Marmor oder Blei.

Es ist Steinbrück sicherlich sehr recht, wenn die Medien über seine Kanzlerkandidatur-Kampagne berichten. Es ist ihm sicherlich auch sehr recht, wenn in den Berichten über das Buch "Zug um Zug" das Image des "Denkers und Lenkers" am Schachbrett weitertransportiert wird. Wenn er sich jetzt über die Pannen-Berichterstattung mokiert und meint, "manche Journalisten" könnten wichtig nicht mehr von unwichtig unterscheiden, dann liegt er falsch. Wer in exponierter Form Kompetenz zur Schau stellt, der sollte sie auch tatsächlich haben; wer posiert und dabei auffliegt, der hat erst einmal eine schlechte Presse.

Es spricht eben gerade nicht für den strategischen Scharfsinn des Kandidaten, an einer solchen zentralen Stelle der eigenen Image-Metaphorik den falsch aufgestellten Tisch einfach stehen zu lassen. Schachspielen erfordert, Reaktionen vorauszusehen. Und da musste Steinbrück eigentlich völlig klar sein, dass man sich Brett und Spiel genauer ansehen würde. "Selbst Matt gesetzt", wie es in manchen Kommentaren heißt, hat sich Steinbrück mit der verqueren Partie und den nachgeschobenen Erklärungen vielleicht noch nicht. Aber die Eröffnung seiner Kampagne ist ihm gründlich missraten.

Autor: Michael Gessat
Redaktion: Hajo Felten