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Digitales Leben

Peach rettet Mario: Starke Frauen in Videogames

Kopfgeldjägerinnen, Parkour-Läuferinnen und Kämpferinnen: Frauen in Games sind längst nicht mehr nur Opfer und Sexobjekt. Das Computerspielemuseum Berlin zeigt, dass auch Spiele mit Heldinnen funktionieren.

John Marston löst das Lasso vom Gürtel, schwingt es und trifft sicher sein Ziel. Er fesselt seine Beute, wirft sie auf sein Pferd und reitet davon, hinüber zur Bahnstrecke. Dort legt er sie ab und wartet gelassen auf den Zug. Seine Beute windet sich zwischen den Gleisen. Vergeblich. Der Zug kommt und fährt über sie hinweg. Blut spritzt. Auf dem Bildschirm erscheinen die Worte: Erfolg freigeschaltet. Die Szene stammt aus dem Spiel "Red Dead Redemption". Wer hier eine Frau vom Zug überfahren lässt, bekommt dafür eine Trophäe. Wer einen Mann auf die Schienen legt, geht leer aus.

Auch wenn dies ein krasses Beispiel ist: Für Frauen in Videospielen scheint es nur eine begrenzte Zahl an Rollen zu geben: Die einen dienen als Opfer, das der Held retten muss, als eine Art Motivationshilfe, so wie man mit Karotten einen Esel über die Straße lockt. Die anderen laufen als dauerwillige Sexobjekte durch die Spielewelt.

Schwach und unfähig

Die Medienwissenschaftlerin Anita Sarkeesian beschäftigt sich mit der Darstellung von Frauen in Popularmedien. In ihrem Videopodcast "Feminist Frequency" seziert sie die verschiedenen Frauenrollen in Computerspielen, etwa die "Jungfrau in Nöten"-Rolle, in der Frauen stets als schwach, unfähig und ineffektiv dargestellt werden.

Ihre Videoserie finanzierte sie via Crowdfunding. Sie erhielt großen Zuspruch und nahm über 150.000 Dollar ein - erntete aber auch einen Shitstorm. In ihren Wikipedia-Eintrag wurden Pornobilder eingebunden, ein User entwickelte sogar ein "Spiel", bei dem man Sarkeesian ins Gesicht schlägt. Kritiker halten sie für unglaubwürdig, weil sie sich schminkt und angeblich Spiele nicht mag. Manche finden die Diskussion über Sexismus in Games überzogen - Spiele sollen doch nur Spaß machen.

Huch, ich habe eine Frau gespielt!

Die Macher der Ausstellung "Leading Lady" vom Computerspielemuseum Berlin gehen andere Wege und zeigen Spiele, in denen starke Frauen das Sagen haben: "Es werden immer Negativ-Beispiele gebracht. Ich denke, es ist spannend, den Blick unabhängig auf die Frauen zu lenken und einfach mal zu zeigen: Welche Frauenrollen gibt es überhaupt?", sagt Co-Kuratorin Mascha Tobe. Und tatsächlich gibt es genug Games, in denen Frauen nicht die Opferrolle spielen.

Die Ausstellung zeigt insgesamt acht Spiele aus unterschiedlichen Ländern und Genres. Der Ego-Shooter "No One Lives Forever" mit der Geheimagentin Cate Archer steht hier neben dem Action-Adventure "Beyond Good and Evil" um die mutige Reporterin Jade.

Poster zur Ausstellung Leading Lady im Computerspielemuseum Berlin (Foto: Philipp Frei)

Mit diesem Poster lockt das Museum interessierte Gamer in die Ausstellung

Das älteste Spiel ist zugleich auch das spannendste: Metroid aus dem Jahr 1986. Darin steuert der Spieler Kopfgeldjäger Samus Aran durch eine Pixelwelt. Doch erst im Abspann setzt die Figur ihren Helm ab und enthüllt: Samus ist eine Frau! "Ich hätte gern Kameraaufnahmen von den Männern, die vor ihren Konsolen saßen und hinterher festgestellt haben: 'Oh, ich habe eine Frau gespielt!'" Tobe lacht, wird aber gleich wieder ernst: "Das ist ja auch das Interessante daran, dass man sich fragt: Warum bin ich eigentlich automatisch davon ausgegangen, einen Mann zu spielen?"

Alte Lara, neue Lara

Vielleicht weil Mut zum Risiko und Kampfgeist eher Männern zugeschrieben wird? Genau diese Eigenschaften besitzt auch die wohl berühmteste Videospielheldin: Lara Croft. Seit 1996 streift sie in der "Tomb Raider"-Serie durch alte Tempel und wilde Dschungel, fährt Motorradrennen, kämpft, erschießt Gegner und wilde Tiere. Sie beweist, dass Spiele mit einer Protagonistin erfolgreich sein können. Auch bei Männern kommt sie gut an - was anfänglich vielleicht an ihrem Aussehen lag: sexy. Immerhin wurde ihre Darstellung in den letzten Jahren immer naturalistischer, der Busen schrumpfte, statt Hot Pants trägt sie lange Jeans. Doch die alte Lara hat mehr Fans: Zwei Plastiken stehen im Eingang des Museums. Die alte und die neue Lara nebeneinander, in Lebensgröße. "Die neue Lara kommt bei den männlichen Besuchern nicht so gut an", erzählt Tobe. "Alle wollen Fotos mit der alten machen."

Gleichzeitig gibt es auch um die Rolle der neuen Lara Streit. Die ist anfangs noch eine verletzliche, junge Frau, die sich erst im Laufe des Spiels zur toughen Lara entwickelt. Laut Produzent Ron Rosenberg soll der Spieler dabei das Gefühl haben, Lara beschützen zu wollen. "Das ist sicher kontraproduktiv", gibt Tobe zu. "Aber das kommt ja erst im neusten Teil auf. Wir befassen uns mit der ganzen Reihe und nicht nur mit dem einen Teil."

Jungfrau rettet Helden

Zwei Jungs beim Computerspielen (Foto: Computerspielemuseum Berlin)

Die ausgestellten Spiele dürfen natürlich ausprobiert werden

Die vornehmlich männlichen Besucher sehen die Ausstellung eher pragmatisch: "Das ist sehr gut, um der Frauenwelt diese Spielewelt nahe zu bringen", glaubt einer. Ihm selbst sei es egal, ob er nun eine Frau oder einen Mann spiele. Hauptsache, die Geschichte sei gut. Allerdings verkaufte sich beispielsweise "Beyond Good and Evil" trotz guter Kritiken eher mäßig. Auch das Science-Fiction-Game "Remember me", in dem die Rebellin Nilin gegen Gedankenmaipulation kämpft, fand zunächst keinen großen Anklang: Das französische Entwicklerstudio Dontnod musste lange suchen, bis es endlich einen Publisher für das Spiel fand. Viele Firmen fanden, eine Frau als Hauptcharakter könne nicht funktionieren.

Am Ende aber schafft es sogar eine in die Ausstellung, die eigentlich das Urbild einer Jungfrau in Nöten ist: Prinzessin Peach aus der Super Mario-Reihe. Seit über 30 Jahren wird sie von Donkey Kong gekidnappt und Mario eilt zu ihrer Rettung. 2006 kam der Rollentausch: Mario und Luigi werden entführt, Peach muss sie befreien, wenn auch im gewohnt mädchenhaften, rosa Kleidchen. Auch Prinzessinnen können toughe Frauen sein.

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