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Kultur

Patriotische Waffenschau – das war gestern

Seit Oktober letzten Jahres hat Dresden eine neue Sehenswürdigkeit. Das Militärhistorische Museum ist schon von außen spektakulär. Innen überrascht es mit einem kriegskritischen Konzept.

"Früher war's schöner", sagt der Taxifahrer , "da gab es mehr Technik, Panzer, Raketen, jetzt muss man so viel lesen." "Früher", das war zu DDR-Zeiten, da gehörte das "Armeemuseum" in Dresden zur Nationalen Volksarmee und hatte einen klaren Auftrag: die wehrpolitischen Erziehung der Bevölkerung. Eine patriotische Waffenschau, die schon auf dem Vorplatz des Museums begann. Der ist jetzt leer. "Einen Sinnstiftungsauftrag gibt es nicht mehr", sagt Matthias Rogg, Historiker und Leiter des Militärhistorischen Museums, wie es jetzt heißt. Dr. Rogg ist Oberst und für eine Führungskraft der Bundeswehr tritt er mit sympathisch wenig militärischem Schneid auf. Ganz klar, hier weht ein neuer Geist seit der Neueröffnung des Museums im Oktober 2011. Das Militär wird nicht länger glorifiziert, sondern historisch eingeordnet und sogar hinterfragt. Die Auswirkungen von Kriegen, die Frage nach der "Gewalt in uns" werden hier ebenso thematisiert wie die aktuellen Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan. "Wir wollen mündige Soldaten und mündige Bürger, aber wir sind auch kein Anti-Kriegs- oder pazifistisches Museum", so Oberst Rogg.

Ein Blitzschlag durchs Gebäude

Der Unterschied zu früher könnte kaum größer sein. Ein Bruch, der schon außen sichtbar wird. Ein gewaltiger Keil aus Glas und Beton geht mitten durch das historische Gebäude, das im 19. Jahrhundert bis Ende des Ersten Weltkrieges als Waffenarsenal der sächsischen Armee diente. Entworfen hat ihn der für seine radikalen Schnitte bekannte Stararchitekt Daniel Libeskind. Die pfeilförmige Spitze ist eine begehbare Aussichtsplattform. Sie ragt in die Stadt hinaus. Dorthin, wo die traumatische Bombardierung Dresdens am Ende des Zweiten Weltkrieges begann. Eine großartige symbolische Architektur, sagen die Fachleute, eine "Verschandelung des alten Gebäudes", sagt die Kioskfrau am Bahnhof.

***Achtung: Nur zur Berichterstattung über dieses Museum verwenden!*** Chronologie 1300-1914 eingestellt im Juni 2012

Eine Geisterarmee, Schatten der Vergangenheit

Gespenster des Schlachtfeldes

"Wir sind kein leichtes Museum", sagt Alexander Georgi, zuständig für Presse- und Öffentlichkeit, nicht ganz ohne Stolz. Der Besucher soll sich seine eigene Meinung bilden, soll entscheiden, wie tief er in die 700 Jahre deutsche Militärgeschichte eintaucht. Ob er den chronologischen Rundgang verlässt und sich mehr mit der Ökonomie des Krieges, mit den Opfern, der Technik beschäftigen will oder, ob er die immer wieder eingestreuten Themenbilder auf sich wirken lässt. Da ist zum Beispiel die Gruppe von Rüstungen aus dem Mittelalter, die wie Gespenster einer Schlacht aus dem Dunklen auftauchen. Da sind 60 Schuhe aus dem Konzentrationslager Majdanek, nicht wie sonst aufgeschichtet als Symbol der Vernichtung präsentiert, sondern einzeln aufgehängt. Große, kleine, Männer-, Frauen- und Kinderschuhe, und plötzlich denkt man an Menschen.

Ein Militärmuseum für alle Sinne

"Wir gehen vom Menschen aus", auch das gehöre zum neuen Konzept, erklärt Oberst Rogg. Wie sich ein 20-Kilo-Feldtornister auf dem Rücken anfühlt, wie wohl ein Schützengraben aus dem Ersten Weltkrieg gerochen hat, all das kann man in Dresden ausprobieren und auf sich wirken lassen.

Karussellfahrzeuge und Panzer im Militärhistorischen Museum. Foto: Andrea Kasiske

Kriegsfahrzeuge für den Rummelplatz

Die Besucher sollen anfassen, entdecken, Querverweise herstellen, dazu ermuntert die Ausstellung ausdrücklich. Da hängen mit MGs bestückte Karussellwagen an den schrägen Wänden des Neubaus. Da ragt eine unter Hitler entwickelte V2-Rakete zur Decke und bildet mit einer sowjetischen Raumfahrtkapsel eine Sichtachse auf ein Puppenhaus aus dem Zweiten Weltkrieg. Krieg und Alltag, Kriegsspielzeug im Kinderzimmer, all das gehört zu einer  "Kulturgeschichte der Gewalt". Ein Themenbereich, der viel Platz im Museum einnimmt. Ist Gewalt anerzogen, geschlechtsspezifisch? Fragen, die weit über das hinaus gehen, was ein Militärmuseum üblicherweise ausstellt.

Hunde als Selbstmordattentäter

"Was machen denn die Tiere hier", fragt ein etwa zwölf Jahre alter Junge, Auge in Auge mit einem präparierten Schaf. Der Vater muss auch erst mal nachlesen, denn wer weiß schon, dass Schafe gezielt als "Minenräumer" eingesetzt wurden und dressierte Hunde als "lebende Bomben". Perversionen der Kriegsführung, die hier nicht verschwiegen werden, sondern ebenso wie die Folgen von Krieg zur Diskussion gestellt werden. Kein Wunder, dass immer mehr Schulklassen das Museum für fächerübergreifenden Unterricht nutzen. Geschichte, Ethik, Politik, hier gibt es Anschauungsmaterial genug.

300.000 Besucher zählt das Museum seit der Eröffnung und viele werden noch einmal kommen. Über eine Million Objekte, das ist einfach nicht zu schaffen an einem Tag.

An einer museumspädagogischen Kinderführung wird gerade gearbeitet. Nicht ganz leicht, meint Alexander Georgi, die Frage sei schließlich, ab wann ist man alt genug für den Krieg? Die Antwort wird wohl offen bleiben.

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