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Europa

Patriotische Filme und Spiele in Polen

Nationalstolz statt "Scham-Pädagogik", staatlich geförderte Geschichtsfilme und patriotische Brettspiele: Dieser Trend ist typisch für die neue Geschichtspolitik der national-konservativen Regierung in Warschau.

Der Bürgermeister und die Veteranenverbände im ostpolnischen Ostroleka können sich freuen: Ihr "Museum der verstoßenen Soldaten" hat gerade finanzielle Unterstützung aus dem Kulturministerium in Warschau bekommen. Mit den "verstoßenen Soldaten" sind polnische antikommunistische Partisanen gemeint, die während des Zweiten Weltkriegs nicht an der Seite der Russen gekämpft hatten und sich nach dem Krieg gegen den starken sowjetischen Einfluss in Polen wandten.

"Doch nach der Wende von 1989 waren sie immer noch verstoßen, weil die Regierungen im freien Polen diese Helden auch nicht gewürdigt haben", beklagt Museumsleiter Jacek Karczewski. Von diesen "Verstoßenen" soll auch der neue Spielfilm "Die Geschichte von Roj" erzählen, in dem sogar Staatspräsident Andrzej Duda einen "Schlüssel" zur polnischen Identität sieht. Die Produktion wird staatlich mitfinanziert.

"Aktives Erzählen über Nation und Staat"

Die neue Geschichtspolitik der national-konservativen Regierung in Warschau brauche "Instrumente zum aktiven Erzählen über sich selbst, über die Nation und den Staat", sagt der stellvertretende Kulturminister Jaroslaw Sellin im Gespräch mit der DW.

Seiner Meinung nach ist es "seltsam", dass der Spielfilm über das Flugzeugunglück von Smolensk, bei dem der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski ums Leben kam, keine staatliche Unterstützung bekommen hat. Das solle sich jetzt ändern: "Durch die attraktive Form eines Spielfilms kann man die eigene Geschichte ausführlicher erzählen - auch für andere Nationen," sagt Sellin.

Es gebe viele mögliche geschichtliche Themen, die für Verfilmungen geeignet seien: zum Beispiel die Geschichte von Witold Pilecki, der freiwillig als Häftling nach Auschwitz ging, um nach seiner Flucht über die dortigen Gräueltaten zu berichten. Ein Film über Marschall Jozef Pilsudski, der den polnischen Staat 1918 nach 123 Jahren Teilung neu gründete, könne auch mit einer staatlichen Finanzierung rechnen. Auch das Leben und Werk von Polens Nationaldichter Adam Mickiewicz sei eine Verfilmung wert, so Sellin.

Marschall Jozef Pilsdudski, historische Darstellung (Foto: Archiv)

Ein Film über Marschall Pilsudski soll vom Staat mitfinanziert werden

"Sie machen kaputt, worauf Polen stolz sein kann"

Als Vorgängerin des heutigen Europa sieht Sellin die erste polnisch-litauische Republik vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, "ein tolerantes Land vieler Nationen", wo verfolgte Andersdenkende aus dem Ausland Zuflucht gefunden hätten. "Darauf soll Polen stolz sein, das soll man auch im Ausland bekannt machen", meint Sellin.

Das sieht der polnische Geschichtsprofessor Andrzej Friszke kritisch: Denn dieses alte Polen "vertrat gerade die Werte, die die National-Konservativen jetzt zerstören - die Meinungsfreiheit, die Kompromissbereitschaft", beklagt er. Außerdem werde gerade die Geschichte des modernen Polen und dessen Helden von der konservativen Regierung in Warschau diffamiert: "Sie zerstören den polnischen Freiheitsmythos, indem sie zu beweisen versuchen, dass die antikommunistische Opposition von Geheimdienstagenten durchsetzt war. Neulich beschuldigen sie auch den Solidarnosc-Anführer Lech Walesa, dass er Agent war. Sie machen das kaputt, worauf Polen stolz sein kann", so Friszke.

Heldentum auf dem Spielbrett

Sellin betont, man solle die eigene Geschichte nicht übertrieben kritisch behandeln - einen solchen Zugang bezeichnet er als "Scham-Pädagogik". Vor allem die Jugend habe "ein starkes Bedürfnis, stolz auf die eigene Geschichte zu blicken".

Den Patriotismus der Jugend zu stärken ist eines der Ziele des staatlichen Instituts für Nationales Gedenken. Mit dem Spiel "Der kleine Pole" lernen die Kinder nationale Symbole und Lieder. In Brettspielen können sie in die Rolle von tapferen polnischen Soldaten oder Piloten im Zweiten Weltkrieg schlüpfen.

Die Leiterin der Bildungsabteilung des Instituts, Kamila Stachnowska, erklärt im Gespräch mit DW, dass die Geschichte besonders wichtig sei für Länder, die Erfahrungen mit Diktaturen gemacht haben. Denn während des Kommunismus habe man über viele Themen geschwiegen oder gar gelogen: Zum Beispiel wurde vor der Wende nicht öffentlich über die Ermordung polnischer Offiziere in Katyn durch die Sowjets gesprochen.

Jetzt soll die Bildungsarbeit des Instituts noch wichtiger werden als bisher: Denn die Geschichtspolitik sei die "Aufgabe des Staates", so Vizekulturminister Jaroslaw Sellin. Welche Denkmäler man baut, welche Jahrestage man feiert und wie die Straßen benannt werden - über all das soll Warschau entscheiden.