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Deutschland

Patriarch aus Beirut im politischen Berlin

Das Flüchtlingsdrama im Mittleren Osten trifft den Libanon viel stärker als die Europäer. Doch der wichtigste christliche Repräsentant des Landes bleibt zuversichtlich für die Zukunft nach dem Konflikt.

Kardinal Bechara Pierre Rai (C) picture-alliance/AP Photo/S. Scheiner

Der höchste christliche Geistliche des Libanon: Kardinal Bechara Pierre Rai

Er sagt es so deutlich wie selten ein hochrangiger Kirchenmann oder wie ein Politiker. Der Konflikt in Syrien und Teilen des Irak, so Kardinal Bechara Pierre Rai, sei ein "politischer Grundkonflikt zwischen zwei Regionalmächten, dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran". Beide kämpften um die Vorherrschaft mit klaren politischen und wirtschaftlichen Interessen, auch um die Frage religiöser Dominanz. "Und die Menschen in der Region zahlen den Preis."

Nun ist der Libanese Rai kein Politiker, sondern angesehener Kirchenmann. Als Patriarch der maronitischen Christen, die in Kirchengemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche stehen, sieht sich der 75-Jährige in der Tradition von fast 2000 Jahren Kirchengeschichte. Und bei einem Deutschlandbesuch in diesen Tagen warnt er vor einem Niedergang oder einem Ende der christlichen Tradition im Mittleren Osten, die so alt sei wie das Christentum selber.

Millionen Flüchtlinge

Dabei führt Rai gerade sein eigenes Land, den Libanon, als Beispiel an. Das Land mit einer Verfassung, die die drei höchsten Staatsämter je einem Christen, einem Sunniten, einem Schiiten zuspricht - und das seit Monaten um die Wahl eines maronitischen Präsidenten streitet. Das Land, das bei gut vier Millionen Libanesen seit langem Flüchtlinge beherbergt - eine halbe Million Palästinenser, mehr als 1,5 Millionen Syrer, erläutert der Geistliche.

Libanon Flüchtlingslager (C) picture-alliance/dpa/T. Rassloff

Etwa zwei Millionen Flüchtlinge leben im Libanon

"Stellen Sie sich vor, wenn Deutschland 40 Millionen Flüchtlinge aufnehmen müsste, die Hälfte der angestammten Bevölkerung", sagt Rai. Man will es sich angesichts vieler deutscher Debatten gar nicht vorstellen. Aber Rai schildert ganz sachlich die Herausforderung des Libanon. Dass ihm von Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen verschiedener religiöser Gruppen oder Ethnien im Libanon nichts bekannt sei. Dass die Lage der Flüchtlinge "sehr risikobehaftet" sei.

Und dann äußert sich Rai in seinem schönen Französisch auch zur Aufnahme von hunderttausenden Flüchtlingen in Deutschland. Das Land habe "den Mut besessen, humanitär zu handeln. Solidarität mit Flüchtlingen ist das Gebot der Stunde." Und der Kardinal ist zuversichtlich, dass der Großteil der Flüchtlinge wieder in den Mittleren Osten zurückkehren werde, wenn es Sicherheit gibt und Perspektiven, Unterstützung für den Hausbau.

Konflikt nach 1400 Jahren

Rai weilte länger in Berlin - am Montag empfing ihn Außenminister Frank-Walter Steinmeier, am Abend sprach er auf einem Podium mit Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Am Dienstag traf er Abgeordnete in der Parlamentarischen Gesellschaft - und der hochangesehene Kardinal berichtete von der langen Zeit des Nebeneinanders von einheimischen Christen mit Muslimen im Mittleren Osten. "Wir leben seit 1400 Jahren mit dem Islam zusammen. Das sind sicher zwei sehr verschiedene Religionen, aber das Zusammenleben hat im großen und ganzen funktioniert." Und nun? Rai beklagt "Theoterrorismus" und Fundamentalismus. "Wie durch einen Zauberstab" sei nach dem arabischen Frühling die Stimmung gekippt. Fremde und terroristische Gruppen hätten sich "draufgesattelt und die Bewegung gekapert". Nun gebe es "einen echten Krieg". Einen Krieg, der die kulturelle Identität der Länder in der Region zerstöre.

Deutschland Veranstaltung der Deutschen Bischofskonferenz +++(C) DW/C. Strack

Der Patriarch im Gespräch mit Volker Kauder (in der Mitte Moderator Dirk Ansorge)

Bei zumindest einem Detail des Konzepts, das Rai fordert, gibt es Widerspruch von politischer Seite. Der Kardinal fordert Schutz für die noch verbliebenen Christen in der Region, gesicherte Schutzzonen für Christen, die nicht nach Europa fliehen wollten. Da hält Volker Kauder - auch unter Verweis auf den Balkan - dagegen: "Sicherheitszonen wären sicher eine Fehlentwicklung, dann hätten wir eine Teilung des Landes." Aber eine Lösung in Syrien werde es nur geben, "wenn es keine Sieger und keine Verlierer gibt".