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Kriminalität

Patientenmörder Niels Högel soll 84 weitere Menschen getötet haben

Ex-Krankenpfleger Niels Högel sitzt bereits wegen mehrfachen Mordes an Patienten in Haft. Doch das Ausmaß seiner Verbrechen kam erst allmählich ans Licht. Jetzt stellten die Ermittler eine neue Schreckensbilanz vor.

Deutschland Prozess um ehemaligen Krankenpfleger Niels H. (picture alliance/dpa/I. Wagner)

Der Angeklagte Niels H. während des Prozesses in Oldenburg (Archivbild)

Der verurteilte Patientenmörder Niels Högel soll 84 weitere Menschen auf dem Gewissen haben. Damit werden ihm bisher insgesamt 90 Morde vorgeworfen, wie der Leiter der Sonderkommission "Kardio", Arne Schmidt, in Oldenburg nach fast dreijährigen Untersuchungen bekanntgab. Der heute 40 Jahre alte ehemalige Krankenpfleger musste sich vor Gericht bereits für sechs Taten auf der Delmenhorster Intensivstation verantworten und verbüßt derzeit eine lebenslange Haftstrafe. Würde er auch für die 84 weiteren Tötungen für schuldig befunden, würde es sich um eine der größten Mordserien in der deutschen Kriminalgeschichte handeln.

Die Dimension der Verbrechen mache "fassungslos", sagte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme. Es handle sich nur um die Fälle, bei denen die Beweislage so eindeutig sei, dass eine Anklage wahrscheinlich sei. Viele weitere könnten nicht mehr nachweisbar sein, etwa weil verstorbene Patienten feuerbestattet worden seien, was eine Obduktion verhindert habe. Die Taten von Högel ereigneten sich demnach zwischen 2003 und 2005 in zwei Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg.

Niels Högel hatte nach gerichtlichen Feststellungen Patienten im Krankenhaus Medikamente gespritzt, die Herzversagen oder einen Kreislaufkollaps auslösten. Dann belebte er die Schwerkranken wieder, um als heldenhafter Retter vor seinen Kollegen dazustehen. Das gelang jedoch nicht immer. Auch an seiner früheren Arbeitsstelle am Klinikum Oldenburg soll er Patienten getötet haben. In sechs Fällen hatte sich der Ex-Pfleger bereits vor Gericht verantworten müssen. Die Richter verurteilten ihn wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft. Im Prozess hatte er sogar gestanden, für den Tod von bis zu 30 Menschen verantwortlich zu sein.

100 Leichen ausgegraben

Bei einem Zwischenfazit im vergangenen Sommer waren die Ermittler davon ausgegangen, dass Högel 33 Patienten am Klinikum in Delmenhorst zu Tode gespritzt hat. Wie viele Menschen er tatsächlich auf dem Gewissen hat, versuchte über drei Jahre eine Sonderkommission der Polizei zu klären. Die Ermittler werteten Hunderte Patientenakten aus, nahmen mehr als 200 Verdachtsfälle unter die Lupe und ließen mehr als 100 Leichen ausgraben, um diese auf Rückstände von Medikamenten zu testen.

Der Pfleger flog erst auf, als ihn eine Kollegin 2005 auf frischer Tat ertappte. Das gesamte Ausmaß seiner Taten kam jedoch erst zehn Jahre später ans Licht. 

Weil auffällig viele Patienten während der Schichten von Högel starben, gab es an beiden Kliniken Gerede. In Delmenhorst lagen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft aber auch konkrete Hinweise vor, dass er Patienten tötete. Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen. Die Ermittlungen gegen Verantwortliche am Klinikum Oldenburg laufen noch. "Die Morde hätten verhindert werden können", sagte Kühme. Die damals Verantwortlichen hätten aus Sicht der Ermittler schneller handeln und Unterstützung suchen sollen. "Im Klinikum Oldenburg wusste man um die Auffälligkeiten", sagte Kühme.

Patientenschützer fordern Konsequenzen

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte inzwischen schärfere Konsequenzen aus der Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers. "Noch immer machen wir es Tätern in Krankenhaus und Pflegeheim zu leicht. Denn wirksame Konsequenzen wurden bis heute nicht gezogen", betonte Vorstand Eugen Brysch in Dortmund mit Blick auf die jüngsten Erkenntnisse der Sonderkommission.

Eugen Brysch (Deutsche Stiftung Patientenschutz)

Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz (Archivbild)

In vielen der bundesweit 2.000 Krankenhäuser seien die Kontrollmechanismen nach den ersten Ermittlungsergebnissen nicht verschärft worden, kritisierte Brysch. So fehlten für die meisten Kliniken weiterhin ein anonymes Meldesystem und ein umfassendes Alarmsystem. Anonyme Informanten müssten ihre Beobachtungen aber einer unabhängigen und externen Stelle melden können, ohne Angst vor beruflichen Konsequenzen zu haben.

Notwendig seien auch amtsärztliche Leichenschauen, eine umfassende Sterbestatistik und eine exakte Kontrolle der Medikamentenausgabe in allen Krankenhäusern und Pflegeheimen, forderte Brysch. "Zudem gilt es, eine Kultur des Hinschauens auf allen Ebenen im Krankenhaus zu verankern – von Pflegekräften über Ärzte bis hin zum Management", sagte er. Im Fall Niels Högels hätten Kollegen, Arbeitgeber, aber auch Polizei und Justiz zu lange weggeschaut.

kle/sti (dpa, afp, epd, kna, ape)

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