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Kultur

Pater Nikodemus: "Ich bin unfähig, im Nahost-Konflikt einseitig zu sein"

Pater Nikodemus Schnabel ist Mönch im Benediktinerkloster Dormitio auf dem Zionsberg in Jerusalem. In seinem Buch "Zuhause im Niemandsland" erzählt er fesselnd von Hass, Gewalt, Versöhnung und der Suche nach Gott.

DW: Pater Nikodemus, die Lage im Heiligen Land, also in Israel und den Palästinensergebieten, aber auch in Jerusalem selbst scheint verworren, wenn man von außen darauf blickt. Sie sind seit zwölf Jahren mittendrin. Was ist Ihre innere Sicht der Dinge?

Pater Nikodemus Schnabel: Sie wird von innen nicht entwirrter. Es ist wirklich so kompliziert, weil jeder Bewohner des Heiligen Landes ein Identitätsmix ist. Es gibt nicht nur hier die Juden, dort die Muslime. Es gibt auch auf beiden Seiten Christen –israelische Christen, palästinensische Christen, hebräisch sprechende Christen, arabischsprachige Christen. Dann sind da noch Minderheiten wie Drusen und Tscherkessen oder Bahai, die kaum im Fokus stehen. Das heißt: Dieses Land ist wirklich sehr kompliziert und auch aus der Nahsicht wird es nicht unkomplizierter.

Gerade auch die neuerlichen Gewaltausbrüche überfordern mich in meinem Verständnis. Meine Reaktion ist Schmerz und Trauer, weil ich auf beiden Seiten, bei Israelis und Palästinensern gute Freude habe und auf beiden Seiten tagtäglich wunderbare Menschen erlebe. Ich bin traurig, dass die Scharfmacher, die Extremisten, die Minderheit derer, die Gift sprühen, jetzt wieder die Nachrichten beherrschen. Die große Mehrheit wird da mit hineingezogen. Die meisten Menschen wollen Frieden und gemeinsam leben.

Sehen Sie Chancen dafür, dass sich die Religionen und ihre Repräsentanten erfolgreicher für den Frieden engagieren könnten als die Politiker?

Ich meine, das sind zwei völlig verschiedene Aufgaben. Die Politik muss ihr Geschäft machen, wo es darum geht, wie die Steuermittel eingesetzt werden und wie das Gemeinwesen organisiert wird.

Die Religion hat andere Aufgaben, da geht es um die Gottsuche. Es geht darum, die Beziehung zu Gott zu leben, zu intensivieren. Religion kann eigentlich nur die Menschen befähigen, ein intensiveres Leben zu führen, um so den Blick auf andere Menschen zu schärfen, sodass ich erkenne, der andere Mensch ist ebenso ein Abbild Gottes, genauso von Gott geliebt. Also: Religion bewirkt, dass ich Respekt gegenüber anderen bekomme. Das ist für mich eine gesunde Religion. Aber Religion kann nicht Politik machen und sollte es auch nicht.

Israel Brandanschlag deutsches Benediktinerkloster Tabgha

Pater Nikodemus Schnabel stellte im DW-Funkhaus Bonn sein Buch vor

In Ihrem aktuellen Buch "Zuhause im Niemandsland" beklagen Sie die "Hooligans der Religion", wie Sie sie nennen, also Extremisten, die ihren Glauben falsch verstehen? Wie könnte man genau diese Menschen zum Nachdenken bringen?

Diese Art von Hooligans sind für mich auch suchende Menschen, die aber in der globalisierten Welt, die immer komplizierter wird, irritiert sind und nach ihrer Identität suchen. Sie sind leider oft demagogischen Religionsführern aufgesessen, die sie eben nicht dorthin geführt haben, Gott zu suchen, um dann diesen positiven Blick zu bekommen, den ich vorhin beschrieben habe, nämlich im anderen Menschen einen Mitmenschen zu erkennen, der genauso wertvoll ist, wie ich selbst.

Ihre Identität wurde erklärt durch ein klares Schwarz-Weiß-Schema. Was ist gut, was ist böse? Wer gehört umarmt, wer vernichtet? Die Hausaufgabe für alle religiösen Führer wäre, die Menschen nicht mit billigen Antworten abzuspeisen – in drei Minuten die Welt zu erklären – und ihnen auf diese primitive Art und Weise eine klare Identität zu geben, sondern sie anzuleiten, zur Schönheit der Gottesbeziehung, zur Schönheit der Religion, die dann auch Frieden stiftet. Außerdem müssten die religiösen Führer noch klarer gegenüber der Politik auftreten, dass Politik nicht dann, wenn sie mit ihren politischen Argumenten am Ende ist, plötzlich religiös argumentiert und sagt: Gott will das so. Es geht auch darum, politische Konflikte nicht religiös zu verbrämen.

Das deutschsprachige Benediktinerkloster Dormitio liegt am Rande der Jerusalemer Altstadt auf dem Berg Zion. Das Gelände ist völkerrechtlich Niemandsland. Im Laufe der Zeit gab es dort immer wieder Begegnungen der verschiedenen Religionen. Außerdem treffen sich dort Politiker, Diplomaten und Korrespondenten aus aller Welt. Was können sie und ihre Glaubensbrüder bewirken?

In diesem Land, in dem es sehr viele Mauern und Grenzen gibt, besonders in den Köpfen, sind wir eigentlich ein Ort der offenen Arme und der offenen Herzen. Uns ist jeder willkommen, egal ob Jude, Christ, Moslem, Atheist. Unsere Konzerte, unsere Vorträge, die "Tage des offenen Klosters" sind für jeden da, um einfach zu zeigen: Wir wollen eine Oase sein, in der Menschen als Mensch behandelt und nicht kategorisiert werden.

Unsere Hauptaufgabe ist und bleibt natürlich das Gebet. Das mag für viele Ohren naiv klingen, dass wir uns mehrere Stunden am Tag vor Gott hinstellen und ihn anflehen, dass er den wunderbaren Menschen dieser so geplagten Stadt Frieden schenke. Und natürlich versuchen wir auch zu unserem Glauben Rede und Antwort zu stehen, wenn wir danach gefragt werden.

Sie und ihr Brüder machen das Kloster also zu einem Ort, von dem Frieden ausgeht. Gefeit gegen religiös motivierte Anschläge sind Sie trotz der Vermittlerrolle nicht, wie die Vergangenheit beweist.

Deutsche Welle Besuch von Pater Nikodemus Schnabel mit Buch

Das Benediktinerkloster Tabgha nach dem Brandanschlag

Das ist richtig. In unserem speziellen Fall gibt es einen ganz kleinen Sektor des nationalreligiösen Judentums, der uns Christen hasst. Ihre Mitglieder spucken vor- und hinter uns aus, attackieren uns verbal, sprühen Graffitis, zerstören unsere Autos. Sie haben auch schon zwei Brandanschläge verübt. Einen 2014 auf unsere Abtei in Jerusalem und einen im Juni 2015 auf unser Priorat in Tabgha am See Genezareth, der einen Schaden von 1,6 Millionen Euro verursacht hat. Es ist eine Realität, dass es Menschen gibt, die uns abgrundtief hassen. Es gibt aber, und das ist die andere Seite, sehr viele Menschen, die uns wirklich lieben. Ich denke, Gott kann auf krummen Zeilen gerade schreiben. Diese Menschen wollten Hass und Zerstörung säen. Was wir jetzt ernten dürfen, ist viel Solidarität, viel Liebe und auch viel Freundschaft mit Juden, Christen und Muslimen.

Sie sind Theologe, Seelsorger für deutschsprachige Katholiken in ganz Israel und Palästina, Ostkirchenexperte, Pressesprecher ihrer Abtei und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft, einer der ältesten deutschen Wissenschaftsgesellschaften. Was von dem machen Sie am liebsten?

Die Kombination aus den Aufgaben ergibt so ein Profil wie "Außenminister des Klosters". Vieles geht fließend ineinander über. Am liebsten ist mir die Seelsorge, bei den Menschen zu sein, sie begleiten zu dürfen auf dem Weg der Suche nach Gott. Es wird vielleicht nicht jeder so nennen, aber ich beschreibe das mal so. Da sind Menschen, die ihren Glauben neu entdecken oder vertiefen. Andere werden damit konfrontiert, weil das Heilige Land, Israelis wie Palästinenser, selbstverständlich religiös sind. Der religiös "Unmusikalische" ist nicht wirklich vorgesehen. Und so gehen viele wieder ran an den eigenen Glauben; und da stehe ich gerne bereit.

Dormitio-Abtei in Jerusalem

Die Dormitio-Abtei in Jerusalem

Als Benediktiner gilt die Berufung lebenslang für ein und dasselbe Kloster. Nach menschlichem Ermessen, werden Sie also in Jerusalem noch einiges erleben. Was erhoffen Sie sich?

Ich erhoffe zuerst einmal, dass wir Brüder in allen Höhen und Tiefen zusammenhalten auf diesem Weg der Gottsuche, uns gemeinsam in allem stärken.

Und ich hoffe, das ist mein großer Wunsch, dass bei den Menschen, mit denen ich in Kontakt bin, ein Wachsen beginnt, das die Menschen nicht ausschließlich auf ihr Leid, auf ihre Verletzungen schauen, sondern den Mut haben auf die Wunden, die gebrochenen Biografien der anderen zu schauen. Das ist auch für mich das Friedensrezept, wenn man so will: Im Heiligen Land gibt es zu viel Selbstmitleid, zu wenig Selbstkritik und viel zu wenig ein Wahrnehmen der Leidensgeschichte der anderen. Jeder will immer das größte Opfer sein. Wenn da ein Umdenken passiert, dann kann wirklich sehr viel geschehen.

Das Gespräch führte Klaus Krämer.

Pater Nikodemus Schnabel ist 1978 in Stuttgart geboren. Er wuchs in einer Künstlerfamilie auf und studierte Theologie. 2003 trat er in die Dormitio-Abtei der Benediktiner auf dem Berg Zion ein und wurde 2013 zum Priester geweiht. Der promovierte Theologe und Ostkirchenexperte ist Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft. Sein Pfarrgebiet als Seelsorger für deutschsprachige Katholiken umfasst ganz Israel und Palästina. Außerdem ist er Pressesprecher seines Klosters.

Sein aktuelles Buch "Zuhause im Niemandsland – Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina" ist im Herbig-Verlag erschienen und hat 175 Seiten. (ISBN 978-3-7766-2744-2)