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Afrika

Pater Gregor Schmidt: "Das Verlangen nach Rache kennt im Südsudan keine Grenzen"

Der katholische Pater Gregor Schmidt arbeitet im Bürgerkriegsland Südsudan als Missionar. Viele Menschen flüchten vor den Kämpfen in das Gebiet, das Schmidt betreut. Menschen verzweifeln, Nahrungsvorräte werden knapp.

DW: Ihre Pfarrei ist im Bundesstaat Jonglei mitten im Rebellengebiet bei den Nuer. Wie ist die Situation vor Ort?

Pater Gregor Schmidt: Unsere Pfarrei liegt im Bezirk Fangak, im nordwestlichen Teil des Bundesstaats Jonglei. Es gibt keine Straßen, die in unseren Bezirk führen. Aber es gibt einen Fluss, einen Nebenfluss des Nils, über den Händler Güter zu uns transportieren können. Wir haben also einen kleinen Markt und eine Klinik. Aber davon abgesehen ist das ganze Gebiet des Bezirks ziemlich isoliert. Überall ums uns herum wird gekämpft, Menschen wurden vertrieben und viele von ihnen fliehen in unsere Region, weil sie davon ausgehen, hier in Ruhe gelassen zu werden.

Es gibt keine Kämpfe in unserem Dorf, obwohl die Hauptstadt des Bezirks gleich im Norden liegt, neben dem Nil. Auf der anderen Seite des Flusses gibt es Soldatenunterkünfte, deren Besitzer öfter mal wechselt - mal ist die Unterkunft im Besitz der Regierung, mal im Besitz der Rebellen. Als die Regierungstruppen im März dort waren, haben sie die Bezirkshauptstadt mit Raketen beschossen und 40.000 Menschen - 20.000 Einwohner und 20.000 Flüchtlinge - mussten aufs Land fliehen. Es gibt keine Brücke, die über den Fluss führt, was es unmöglich macht, den Fluss mit schwerer Artillerie zu überqueren. Deshalb gab es noch nie einen Versuch, in unseren Bezirk einzudringen.

Wie ist die Beziehung zwischen der lokalen Bevölkerung und den Rebellen unter Führung von Riek Machar?

Es gibt keinen persönlichen Kontakt mit Riek Machar, er war noch nie in dieser Gegend. Die Nuer unterstützen mehr oder weniger alle die Rebellion. Ihr Ziel ist, den Präsidenten zu stürzen.

Es ist schwierig, in diesem Konflikt zu unterscheiden zwischen der lokalen Bevölkerung und den Rebellen, weil es keine Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kämpfern in unserem Sinne gibt. Das liegt daran, dass Viehhalter immer auch eine Maschinenpistole besitzen, um sich gegen Viehdiebstahl verteidigen zu können. Jedes Jahr gibt es eine Vielzahl an ethnischen Auseinandersetzungen - tausende Menschen sterben in diesen Konflikten. Es gab noch nie ein friedliches Jahr, auch vor diesem Bürgerkrieg nicht. In jeder Region gibt es unterschiedliche Gründe, warum die Menschen kämpfen wollen, oder warum sie die Notwendigkeit sehen, sich verteidigen zu müssen.

Was erzählen Ihnen Bürger, die zu Ihnen in die Pfarrei kommen?

Wir haben ein kleines Krankenhaus, weswegen das Rote Kreuz unser Dorf auserkoren hat, um Hilfe auf Rebellengebiet anzubieten. Wir haben viele Flüchtlinge, die aus anderen Teilen des Landes kommen. Weil wir eine Nuer-Gemeinde sind, kommen nur Nuer zu uns. Sie haben dort Familie, entfernte Verwandte, bei denen sie unterkommen können. Sie alle mussten fliehen, weil ihre Dörfer geplündert wurden, ausgeraubt, niedergebrannt oder anderweitig zerstört.

Ich muss sagen, dass das auf beiden Seiten passiert. Es ist die tragische Folge einer ethnischen Logik, die in Gewalt umgeschlagen ist. Nun kann man die Rachemorde nicht mehr stoppen. Dieses Gefühl von Vergeltung ist sehr stark. In dem traditionellen ethnischen System der Stämme muss jeweils für eine Person, die umgebracht wurde, eine auf der anderen Seite sterben. Und jetzt, in einem Konflikt, in dem man die Toten nicht mehr zählen kann, kennt das Verlangen nach Rache und Vergeltung keine Grenzen.

Wir wissen nicht, wie unsere Zukunft aussieht. Wegen des Krieges kommen keine Händlerboote mehr, und die Vorräte auf dem Markt sind fast verbraucht. Verschiedene Lebensmittel wie Reis und Zucker gibt es schon nicht mehr. Was wir noch haben, sind lokal angebaute Nahrungsmittel wie Hirse und natürlich Fisch aus dem Fluss und Milch von den Kühen. Das sind die letzten Nahrungsmittel, mit denen die Menschen versuchen auszukommen.

Gibt es ein besonderes Ereignis in diesem Konflikt, dass Sie am meisten berührt hat?

In einer anderen Pfarrei, in der unsere Missionare arbeiten, gibt es eine Soldatenunterkunft, in der verschiedene Stammesangehörige leben - Dinka, Nuer und andere Gruppen. Die Nuer planten, die anderen Soldaten zu töten, die Pfarrei niederzubrennen, die Autos zu stehlen und sich der Rebellion anzuschließen. Dieser Plan wurde vorher aufgedeckt. Die zehn Nuer-Soldaten wurden als Strafe getötet. Dann wollten sie auch deren Ehefrauen und Kinder töten. Denn in diesem ethnischen System gilt: Wenn dein Vater getötet wurde, nimmst du vielleicht später Rache. Und sie wollten deren Söhne nun daran hindern, Dinkas zu töten, wenn sie älter werden. Das war eine sehr angespannte Situation, aber die lokale Bevölkerung schaffte es, diese Kinder zu beschützen.

Das zeigt die tragische Beziehung zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, wie sie in Generationen denken. Auch wenn wir jetzt eine Lösung finden - in ein paar Jahren könnten Konflikte wieder aufbrechen. Das zeigt das Ausmaß der Tragödie, dass diese Menschen ihrer Situation nicht entkommen können.

Ich möchte aber auch noch eine positive Erfahrung von unserer Region schildern. Im benachbarten Bezirk lebt eine Untergruppe der Dinka, die dort seit Jahrhunderten in Frieden mit den Nuer leben. Die Ältesten beider Bezirke haben sich getroffen und gesagt, dass dieser Konflikt nicht ihr Konflikt ist, und dass sie weiterhin friedlich nebeneinander leben werden. Die Dinka kommen auch zu uns ins Krankenhaus und lassen sich dort als Patienten behandeln. Für mich ist das ein sehr hoffnungsvolles Zeichen, dass es möglich ist, friedlich innerhalb verschiedener Gruppen im gleichen Bezirk zu leben und vielleicht auch den Bezirk gemeinsam zu gestalten.

Pater Gregor Schmidt arbeitet als Comboni-Missionar im Bezirk Fangak im Bundestaat Jonglei im Südsudan. Der Südsudan wurde 2011 unabhängig; Schmidt lebt seit 2009 in dem Gebiet. Dort arbeitet er hauptsächlich mit der lokalen Bevölkerungsgruppe der Nuer. Comboni-Missionare arbeiten seit über einem Jahrhundert im Sudan - sie folgen damit den Lehren von Daniel Comboni, einem katholischen Heiligen, der als Missionar im Sudan um 1800 wirkte.

Das Interview führte Isaac Mugabi.

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