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Kultur

"Paten??"

Von Pfarrer Gerhard Richter, Bibra

Pfarrer Gerhard Richter, Bibra

Pfarrer Gerhard Richter, Bibra

In drei Wochen wird getauft. Zwei Kinder meiner Tochter sollen unter lebendigem Wasser in die weltweite christliche Gemeinschaft aufgenommen werden. Da das auch ein Familienfest ist, muss es geplant werden. Der Gastraum ist bestellt, eine Grobplanung für Versorgung und Gestaltung gibt es auch schon. Beim Pfarrer waren wir, um den Gottesdienst anzumelden. Viel an Formalitäten gibt es ja nicht. Geburtsurkunden, eigene Mitgliedschaft in der Kirche. „Haben Sie einen Wunsch für den Taufspruch?“ fragt der Pfarrer, „Ja und natürlich Paten – Paten brauchen wir auch, wenn wir Kinder taufen!“ „Haben wir alles – bis auf … Sagen Sie, müssen die Paten auch in der Kirche sein?“ fragt meine Tochter.

Ich kannte diesen Satz ja schon aus meiner Praxis in Taufgesprächen, die ich mit jungen Eltern geführt hatte. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich selbst einmal auf der anderen Seite mit dem gleichen Problem sitzen würde. „Ja, in der Kirche sollten sie schon sein.“ sagt der Pfarrer. „Egal ob evangelisch oder katholisch.“ Und will damit uns entgegen kommen. Meine Tochter wird zunehmend unruhig. Sie hat zwar gute Freunde, die sie in jeder Situation unterstützen würden. Sie mögen die beiden Täuflinge und wollen gern für sie da sein, aber – sie sind eben nicht in der Kirche. Schon gar nicht aktiv. Wir leben in Thüringen.

Meine Tochter teilt damit das Schicksal eines Großteils der Generation, die nach 1975 geboren ist. Die meisten ihrer Altersgenossen sind in der zweiten Generation nicht kirchlich. Sie kennen Kirche hauptsächlich als moralische Institution mit einer merkwürdigen Außenwirkung. Christlicher Glaube wird für ihre Lebensgestaltung nicht notwendig gebraucht. Mit anderen Worten: Kirche kommt in ihrem Alltag nicht vor. Bestenfalls noch die Werte, die sie vertritt: Liebe ganz vorn dran, gegenseitige Achtung und bestimmte Prinzipien des Miteinanders, wie der Respekt vor dem Leben, Achtung des Eigentums und Aufrichtigkeit.

Das ist für viele auch in Ordnung. Die kirchlichen Formen sind ihnen jedoch fremd und haben obendrein den Geruch von altertümlich. Was soll meine Tochter da machen, sie will doch ihre Kinder unter Gottes Segen stellen. Warum reicht es nicht, dass ihre Freunde gute Menschen sind, die sich bemühen, ihr Leben nach hohen humanistischen Idealen auszurichten?

Es ist das Problem einer Kirche, die irgendwann einmal anfing, die Reihenfolge umzukehren. Während die Taufe ursprünglich ein deutliches Zeichen der Hinwendung zu Gott war – eine bewusste Entscheidung Erwachsener also – wurde sie später zum zwangsläufigen Kennzeichen der mitteleuropäisch-christlichen Kultur. Eine Selbstverständlichkeit in unseren Breiten, über die keiner mehr nachgedacht hat. Alle waren getauft und zwar schon als Kinder. Beinahe ohne Ausnahme. Und die Ausnahme war etwas Besonderes, Fremdes. Juden zum Beispiel oder Ausländer – Ungetaufte, also „Heiden“.

Heute ist das anders. Wo ich wohne, sind die Christen die Ausnahme. Die Taufe wird wieder zu einer bewussten Entscheidung. Wenn Kinder getauft werden, müssen sie auch begleitet werden, damit sie lernen, welche Kraft dieser Glaube im Alltag verleiht. Hilfe zum Leben soll er sein. Sinnvoll und stärkend. Und wie immer lernen Kinder am besten am Vorbild der anderen – der Paten zum Beispiel. Natürlich sollten die auch wissen, dass der gemeinsame Weg die Kinder zur eigenen Entscheidung für den Glauben führen soll. Die Bestätigung in der Konfirmation.

Was aber, wenn wir keine Paten finden, die das wollen? „Wir können die Kinder auch in einem Gottesdienst segnen.“ schlägt der Pfarrer vor. „Dann können sie später ihre Entscheidung selbst treffen. Am Ende ist das sogar ehrlicher, als so manche Taufe aus falsch verstandenem Traditionsbewusstsein.“ Möglicherweise hat er recht: Die Zeiten haben sich geändert und wir müssen Wege finden, verantwortungsvoll damit umzugehen.

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