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Welt

Paten des Terrors: Saudi-Arabien und der IS

Die Ideologie der Terrororganisation "Islamischer Staat" ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Sie inspiriert sich vor allem am Wahhabismus, der offiziellen Religion Saudi-Arabiens. Doch es gibt weitere Verbindungen.

König Fahd bin Abdul Aziz Saudi Arabien Foto: Getty Images/J. Barrak

Der saudische König Fahd bin Abdul Aziz

Hass auf Andersgläubige. Ein bizarres Weltbild, das den Islam auf vielerlei Weise bedroht sieht. Misstrauen gegenüber allen, die nicht so denken und glauben wie man selbst: Das sind zentrale ideologische Elemente der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Der aber hat dieses Weltbild nicht erfunden, zumindest nicht allein. Wenn der IS gegen Schiiten, Jesiden, Christen und Juden hetzt, dann weist er enge Parallelen zum Weltbild des Wahhabismus auf, der radikal-konservativen Auslegung des sunnitischen Islam, die im Königreich Saudi-Arabien Staatsreligion ist.

Tatsächlich sind Parallelen zwischen IS und Wahhabismus unverkennbar. Deutlich belegt das ein Blick in jene Textbücher, aus denen die Schüler des saudischen Königreichs zumindest bis vor einigen Jahren noch ihr religiöses Weltbild bezogen.

"Jede andere Religion als der Islam ist falsch", lasen sie in dem einführenden Textbuch. Auch kleine Aufgaben mussten die Schüler lösen. So galt es etwa den folgenden Satz zu vervollständigen: "Wer außerhalb der Religion des Islam stirbt, kommt ..." Das nach Vorgaben des Lehrbuchs richtige Wort lautete "... in die Hölle". Eine andere Aufgabe lautete: "Nenne Beispiele falscher Religionen, wie etwa Judentum, Christentum, Heidentum usw."

"Glaube ist nicht nur ein Wort"

Für ältere Schüler waren die Aufgaben etwas anspruchsvoller: Sie wurden in die nach Auffassung des Königreiches angemessen Aufgaben eines Muslims eingewiesen. Das las sich dann so: "Glaube ist nicht nur ein Wort, das eine Person ausspricht. Glaube besteht aus Sprache, Überzeugung und Handeln." Auch wurden die Schüler darüber aufgeklärt, was "echter Glaube" bedeutet: "Dass du Polytheisten und Ungläubige hasst, sie aber nicht ungerecht behandelst." Die Frage, was "ungerecht" bedeutet, lässt das Schulbuch offen. Stattdessen gibt es Handlungsanweisungen für den Fall, dass Muslime auf Nichtmuslime treffen: "Es ist einem Muslim verboten, loyaler Freund eines Menschen zu sein, der nicht an Gott und seinen Propheten glaubt oder der die Religion des Islam bekämpft."

Die genannten Beispiele stammen aus saudischen Schulbüchern des Jahres 2005. Der zur amerikanischen Stiftung "Freedom House" gehörende Thinktank "Center for Religious Freedom" hatte ein Dutzend saudischer Schulbücher untersucht. In seiner 2006 veröffentlichten Studie kam er zu einem ernüchternden Schluss. Die Analysen saudischer Schulbücher hatten ergeben: Saudi-Arabien "sät sowohl im öffentlichen Religionsunterricht und anderen Erziehungsmaterialien – wie etwa Sammlungen religiöser Gutachten (Fatwas) - Feindschaft gegen den Westen." Bewusst sprach der Think Tank vom saudischen Staat als Verantwortlichem dieser Politik. Denn die Bücher würden vom Staat herausgegeben, und die mit der Redaktion befassten Imame bezögen ihr Gehalt von der Regierung.

Irak Kämpfer mit IS-Flagge Foto: Getty Images/AFP/A. Al-Rubaye

IS-Kämpfer im Irak: Es gibt direkte und indirekte Verbindungen nach Saudi-Arabien

Zweifelhafte Reformen

Zu einem ähnlichen Ergebnis, berichtet "Freedom House", sei auch eine Studie aus Saudi-Arabien selbst gekommen. Präsentiert im Dezember 2003, habe sie folgenden Befund erhoben: Der Religionsunterricht des Königreiches "ermutigt Gewalt gegen andere und verführt die Schüler zu dem Glauben, dass sie, um ihre eigene Religion zu schützen, den anderen mit Gewalt unterdrücken oder sogar physisch vernichten müssten."

Offiziell hat Saudi-Arabien auf den Bericht von "Freedom House" nie reagiert. Allerdings erklärte der saudische Außenminister Saud al-Faisal im Jahr 2006, das gesamte Erziehungssystem des Königreiches würde gründlich überarbeitet. Inwieweit das tatsächlich geschehen ist, ist unklar. In den Jahren 2012/2013 ließ das amerikanische Außenministerium eine weitere Studie zu saudischen Schulbüchern durchführen. Deren Ergebnisse sind bis heute noch nicht veröffentlicht.

Geld und Glauben

Saudi-Arabien exportiert seine Lesart des sunnitischen Islam in aller Konsequenz. Im letzten Vierteljahrhundert, schätzte ein ehemaliger US-Botschafter in einer 2007 veröffentlichten Studie, habe das Königreich mindestens 87 Milliarden US-Dollar in religiöse Propaganda weltweit investiert. Diese Summe, nimmt er an, dürfte danach aufgrund des für längere Zeit gestiegenen Ölpreises noch größer geworden sein. Das Geld fließt in den Bau von Moscheen, Madrassen und religiösen Institutionen; mit ihm werden Imame ausgebildete, Verlage finanziert, wahhabitische Textbücher gedruckt.

Ein Großteil dieses Geldes geht in ökonomisch schwache, aber bevölkerungsreiche islamische Staaten in Süd- und Südostasien: Pakistan, Indonesien, die Philippinen, Malaysia. Auch in Teilen Afrikas wird für den Wahhabismus geworben . Für viele der in diesen Teilen der Welt lebenden Menschen sind diese Einrichtungen die einzigen Möglichkeiten einer Schulbildung. Dort lernen sie Lesen und Schreiben – und werden zugleich mit der wahhabitischen Lehre vertraut gemacht. Aber auch im Westen gibt es von Saudi-Arabien finanzierte Institutionen.

Treffen der Außenminister von Russland Saudi Arabien den USA und der Türkei Foto: Getty Images/AFP/B. Smialowski

Bemühungen um ein Ende des syrischen Bürgerkrieges liefen bisher ins Leere: Außenminister Russlands, der USA, Saudi-Arabiens und der Türkei, (v.l.) Lawrow, Kerry, al-Jubeir, Sinirlioglu

Finanzierung des Terrors

Die ideologische Nähe zum "Islamischen Staat" (IS) findet ihre Entsprechung auch in konkreter ökonomischer Hilfe. Wie hoch die dem IS zugespielten Summen sind, lässt sich schwer sagen: Das Geld wird über das so genannte Hawala-System überwiesen, ein informelles Überweisungssystem, bei dem das Geld nicht über offizielle Bankkonten, sondern über Vertrauenspersonen transferiert wird. Auch ist offen, inwieweit der saudische Staat den IS direkt oder indirekt unterstützt.

US-Vizepräsident Joe Biden geriet im Herbst 2014 in die Schlagzeilen, als er die Entscheidungen der amerikanischen Verbündeten im Kampf gegen den IS – Biden nannte die Türkei, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – für ihre wenn nicht bewusste, so zumindest doch fahrlässige Unterstützung des IS kritisierte: "Sie waren so entschlossen, Assad zu stürzen und einen sunnitisch-schiitischen Krieg zu führen, – was also taten sie? Sie schütteten jeden, der gegen Assad kämpfen wollte, mit Hunderten Millionen Dollar und Tausenden Tonnen Waffen zu. Allerdings belieferten sie auch Leute von al-Nusra und al-Qaida und die extremistischen Elemente der Dschihadisten aus allen Teilen der Welt."

"Terroristen sind die größten Feinde des Islams"

Inzwischen hat sich Saudi-Arabien vom Terror des IS distanziert. Im August 2014 erklärte der Großmufti des Königreichs unter direktem Bezug auf Al-Kaida und den IS, extremistische, radikale und terroristische Ideen hätten nichts mit dem Islam zu tun. "Und ihre Urheber sind der größte Feind des Islam."

Saudi-Arabien, schreibt der französische Islamwissenschaftler Pierre-Jean Luizard in seinem Buch "Le piège Daech" ("Die IS-Falle"), bezeichne heute Phänomene als terroristisch, die es vor einigen Jahren oder gar Monaten als die verlässlichsten Stützen des Wahhabismus in der Region angesehen habe. "Es scheint, als habe sich das saudische Regime in Rekordzeit von Bindungen getrennt, die dieses politische System legitimieren konnten – ein System, das mit seinem Export der wahhabistischen Ideologie einerseits und seiner Unterwerfung unter die amerikanischen Interessen andererseits für politische Gegensätze stand, wie sie in dieser paradoxen Art nur wenige Regime in der Welt vertreten.“

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