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Kultur

Passionsspiele unter muslimischer Co-Leitung

Der Muslim Abdullah Kenan Karaca wird zweiter Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele. Nach heftigen Diskussionen einigte sich der Gemeinderat auf den 26-jährigen Regisseur türkischer Abstammung.

Ratsmitglied Markus Köpf, Chef der CSU-Fraktion in dem bayerischen Städtchen, ereiferte sich in der Debatte um die Personalie Karaca: "Mich stört, dass ich in einem Zeitungsartikel zehnmal lesen muss: 'der junge Türke' oder 'der Muslim'. Der Abdullah ist ein Oberammergauer."

Ähnlich sieht das Christian Stückl, unter dessen Regie die Oberammergauer Passionsspiele schon dreimal aufgeführt wurden. Der Ort brauche neben ihm einen zweiten Spielleiter, sagte er und betonte: "Abdullah ist der einzige im Ort, der das gelernt hat." Nach einer hitzigen Debatte stimmte der Rat mit 13 zu 5 Stimmen zugunsten von Karaca ab. Für Stückl werden die 42. Passionsspiele im Jahr 2020 die vierten sein, für Karaca ist es eine Premiere.

Einstellungskriterien von 1634

Szene aus den Passionsspielen

Die Passionspiele haben eine Jahrhunderte alte Tradition

Wer bei den Passionsspielen mitmachen will, muss in Oberammergau geboren sein oder mindestens 20 Jahre dort gelebt haben. Diese Einstellungsbedingung stammt noch aus dem Jahr 1634, dem Gründungsjahr der Spiele, und trifft eindeutig auf Abdullah Kenan Karaca zu. Er erblickte in dem oberbayerischen Dorf nicht nur das Licht der Welt und wuchs dort auf, sondern hatte als Zehnjähriger schon eine Statistenrolle bei den Passionsspielen.

Laut der Zeitung "Münchner Merkur" hat sein Vater ihm das damals mit den Worten erlaubt: "Aber mach mich nicht katholisch." Seitdem hat Karaca im Theatergewerbe viel dazugelernt. Er ging als Regieassistent an das Münchner Volkstheater, erlernte das Handwerk bei Christian Stückl und feierte schon mehrere Regieerfolge, darunter Fitzgeralds "Der Große Gatsby" und Büchners "Woyzeck". Unter Stückl inszenierte Karaca auch "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen. Die deutsche Staatsbürgerschaft blieb ihm allerdings bislang verwehrt. Er soll dafür einen Sprachtest machen, obwohl er das bayerische Abitur in der Tasche hat. Das ist dem Oberammergauer zu dumm.

Erhitzte Gemüter

"Für uns ist die entscheidende Frage: Schaffen wir es, die Kernbotschaft der Passion auf die Bühne zu bringen und das glaubwürdig den Gästen zu vermitteln?", hatte Ratsmitglied Ludwig Utschneider Stückls Favoriten Karaca in der Besetzung als zweiten Spielleiter zunächst abgelehnt. Doch nicht nur an seiner Person erhitzten sich die Gemüter, auch die Einbindung der Dorfgemeinschaft in die Gestaltung der Passionsspiele und das Bühnenbild bot Anlass für heftige Auseinandersetzungen.

Die Passionsspiele von Oberammergau werden seit 1634 fast lückenlos aufgeführt. Damals wollten die Dorfbewohner Gott davon überzeugen, ihr Dorf von der Pest zu befreien. Seither steht das Leiden Christi alle zehn Jahre auf dem Programm. Von den gut 5.000 Einwohnern steht dann fast jeder zweite auf oder hinter der Bühne, die Darsteller sind Laien.

suc/sti (dpa, bz)