1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Reise

Partymarathon beim Kölner Karneval

Die ganze Stadt feiert - sechs Tage lang! Das muss man live erleben. DW-Reporter Gabriel Borrud wuchs in den USA auf. In einer karnevalfreien Welt. An seinen ersten Besuch kann er sich noch gut erinnern.

Haben Sie schon mal mit Jesus getanzt, Siefried und Roy, Cleopatra, Harry Potter, Batman, einer Banane und fünf Hulk Hogans? Und zwar gleichzeitig? Oder sind Sie schon einmal in eine Massenhysterie hineingeraten, deren Soundtrack aus sechs bis sieben Liedern besteht, die immer und immer wieder gesungen werden - und damit sie ja keiner versteht auch noch in kölscher Mundart? Nein? Dann waren Sie definitiv noch nicht beim Kölner Karneval.

Karneval ist eine Tradition, die es auf der ganzen Welt gibt. Es ist die letzte Chance so richtig zu feiern und zu völlern, bevor an Aschermittwoch für die christliche Welt die Fastenzeit beginnt. Gläubige verzichten bis Ostern auf üppige Speisen und Genussmittel. Insgesamt 40 Tage dauert das Fasten, genauso lang wie Jesus in der Wüste gefastet haben soll.

Im katholischen Köln scheint vorher jeder noch mal ein Dampf ablassen zu wollen. 40 Tage fasten stehen sechs Tage Party ohne Ende gegenüber. Von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch. Tag und Nacht.

Frauen verteilen Küsse

Für Rheinländer ist Karneval Teil ihres Lebens, so wie Weihnachten oder Ostern. Karneval ist für sie die fünfte Jahreszeit. Die Partyzeit. Alles, was man dafür braucht, ist Kondition und ein Kostüm. Das kann man von der Stange kaufen. Aber ein Kölner, der auf sich hält, bastelt sich selbst ein Gewand und lässt der Phantasie freien Lauf.

Für Menschen wie mich, die in einer karnevalfreien Welt aufgewachsen sind, ist dieses Verhalten erstaunlich. Vor zehn Jahren kam ich zum ersten Mal mit Karneval in Berührung - es sollte eine bleibende Erinnerung werden. Ich war 21 Jahre jung und studierte Philosophie in Berlin. Mein Freund Max hatte mich nach Köln eingeladen, er sagte, das müsse ich erlebt haben. Er holte mich am Flughafen ab. Es war Donnerstag, Weiberfastnacht. Ich war ahnungslos und ließ mich von Max einweisen. Der schleppte mich direkt in Kölns Studentenviertel, in die Zülpicherstraße, wo sich eine Kneipe an die andere reiht.

Die ganze Straße ein einziger Tumult, kostümierte Menschen in den Kneipen, vor den Kneipen. Kaum stiegen wir aus unserem Auto, waren wir umringt von einer Horde Frauen, verkleidet als Piraten und Clowns. Jede von ihnen - es waren etwa zehn - drückte mir ein Küsschen auf die Wange. Was für ein Empfang! "Das ist völlig normal", beruhigte mich Max. Ich lernte, dass das "Bützen", das Küssen fremder Männer, an Weiberfastnacht Tradition hat. An diesem Tag übernehmen die Frauen symbolisch das Regiment - und das äußert sich dann unter anderem in Kussattacken.

Auf der Zülpicherstraße stapelten sich Menschenmassen! Ich lernte mich schunkelnd durch die Menge zu bewegen. Nur so kam ich vom Fleck. Es war der Beginn der längsten und heftigsten Partynacht, die ich jemals erlebt habe. Meine Erinnerung ist lückenhaft, was am Alkohol liegen mag, dem Kölsch, ein leichtes Bier, das in schlanken, schmalen Gläsern ausgeschenkt wird. Was ich nicht wusste, dieses Bier muss man nicht bestellen, sondern abbestellen! Ständig hatte ich ein frisches Glas in der Hand.

Der nächste Morgen war hart. Mein Kopf dröhnte, neben einigen andern Dingen hatte ich auch meinen rechten Zehnagel verloren. Und meine Haare waren angesengt. Wie war das alles passiert? Keine Ahnung.

"Du musst deine Kräfte einteilen", ich erinnerte mich an Max' Worte, als er mich vom Flughafen abgeholt hatte. Langsam dämmerte mir, was er damit meinte. Ich war schon nach einer Nacht völlig hinüber. Und ich hatte noch fünf vor mir.

Es gibt kein Entkommen

Als ich aufwachte, waren die Kölner schon wieder - oder immer noch - am Feiern. Sie hatten eine bessere Kondition als ich. Und so war es auch am Samstag und am Sonntag und am Montag und am Dienstag. Es ging einfach immer weiter.

Als Philosophie-Student hatte ich Dantes "Die göttliche Komödie" gelesen. Und mir fiel die Inschrift über dem Tor zur Hölle wieder ein: "Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren."

Ich saß fest. Und alles was ich tun konnte, war mitfeiern. Ein Stadtbummel, oder irgendwo in Ruhe was essen gehen - Fehlanzeige. In jedem Restaurant, in jeder Kneipe, waren sämtliche Tische zur Seite geräumt und kostümierte Menschen tanzten zu einem Höllenlärm.

Die wenigen Lieder, die ich immer wieder zu hören bekam, klangen langsam vertraut. Ich schöpfte Hoffnung. Aus mir konnte doch noch ein Karnevalist werden. Dann kam Rosenmontag, die Festwagen, der Umzug.

Ich mochte Paraden noch nie. Aber dieser Umzug war anders. Wieder Menschenmassen am Straßenrand, alle bunt kostümiert und auf der Jagd nach Kamellen, also Bonbons, die von den Festwagen in die Zuschauermenge geworfen werden. Ob Kinder oder Erwachsene, die Begeisterung, mit der die Leute dabei waren, wirkte ansteckend auf mich.

Irgendwann begriff ich, Karneval ist in Köln ein allumfassendes Phänomen. Alle machen mit: Junge, Alte, Fremde, Einheimische, Kinder, Eltern, Reiche und Arme, Hulk Hogan und Jesus - Karneval ist für alle da.

Flucht nach vorn

Jetzt lebe ich im Rheinland. Und mittlerweile weiß ich, es gibt auch Karnevalhasser. Es gibt nur zwei Optionen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch: mitmachen oder wegfahren. Auch Letzteres machen viele Kölner.

In Köln sind viele Firmen am Rosenmontag und Karnevalsdienstag sowieso geschlossen, wer kann nimmt also frei. Und dann bietet sich Karneval wunderbar für ein verlängertes Wochenende an: ein kurzer Tripp in die Sonne nach Mallorca oder einen anderen Ort, Hauptsache mit Sonnenschein. Den ganzen Tumult, die Ausschweifungen, die Betrunkenen und den Müll einfach hinter sich lassen. Müll sammelt sich in den sechs Partytagen bergeweise an. Aber wenn man am Mittwoch von einer Reise wieder kommt, sind die Straßen sauber als wäre nichts gewesen.