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Politik & Gesellschaft

Paris-Berlin: So fern und doch so nah

Zwischen den beiden Hauptstädten bestehen vielfältige Verbindungen. Wie wertvoll und bewegend sie sein können, erlebte Marcel Fürstenau nach den Attentaten vom 13. November auf ganz persönliche Weise.

Auch ich habe den Knall gehört. "Ein Kanonenschlag", war mein erster Gedanke. Einer von der Sorte, die Silvester an jeder Ecke explodieren. Es war aber der 13. November im Pariser Stade de France, abends gegen halb zehn. Fußball-Länderspiel Frankreich gegen Deutschland. Ich guckte mir den Klassiker in einer Berliner Kneipe an. Der Knall irritierte mich überhaupt nicht. Ich kenne das aus dem Olympiastadion, wo der Bundesligist Hertha BSC zu Hause ist. Spinner, die glutrote Fackeln oder eben Kanonenschläge entzünden, gibt es auch bei uns.

Mein Stammplatz ist im Oberring der Ostkurve. Im Unterring stehen die ganz Harten. Das sind die mit den Trommeln, dem unerschöpflichen Reservoir an Fan-Gesängen und Schmähungen des Gegners. Mitunter werden auch Parolen skandiert. "Pyrotechnik ist kein Verbrechen" lautet die Antwort auf das Verbot, mit bengalischem Feuer auch optisch für Stimmung zu sorgen. Natürlich brennen trotzdem immer wieder ein paar ins Stadion geschmuggelte Fackeln. Die sind zwar nicht ganz ungefährlich, sehen aber schön aus. Plötzlich explodierende Knallkörper hingegen sind eine dumme Angewohnheit. Damit werden die Zuschauer für einen kurzen Moment völlig unnötig aufgeschreckt.

Wir hatten gerade Besuch aus Frankreich

Dass in Paris an jenem 13. November eine Bombe explodiert ist, kam mir zunächst überhaupt nicht in den Sinn. Erst als der TV-Kommentator Andeutungen über mögliche Anschläge machte, ahnte ich, was der Knall bedeuten könnte. Das fürchterliche Ausmaß der Attentate zeichnete sich ja erst später ab. Ich blieb dann länger als beabsichtigt in dem Lokal und verfolgte die Live-Berichterstattung aus Paris. Nationalspieler und Funktionäre in den Katakomben des Stade de France, die genauso viel oder wenig wussten, wie wir im fernen Berlin. Ängstliche Zuschauer, die auf das Spielfeld strömten.

Stade de France am 13. November 2015: Tausende Zuschauer suchen Schutz auf dem Spielfeld

Stade de France am 13. November 2015: Tausende Zuschauer suchen Schutz auf dem Spielfeld

Meinem journalistischen Reflex folgend rief ich den Kollegen an, der an diesem inzwischen späten Abend Bereitschaftsdienst hatte. Dabei war klar, dass es noch keine Reaktionen aus dem Regierungsviertel geben konnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel trat erst Samstagmorgen vor die Presse. Mich beschäftigte derweil eine ganz andere Frage, die auf schicksalhafte Weise in einer besonderen Beziehung zu den Attentaten stand: Was wird aus dem Konzert, das am selben Tag in meiner Kirchengemeinde stattfinden sollte? Meine Frau singt in der Frohnauer Kantorei, die zum ersten Mal einen Chor aus dem Pariser Vorort Antony zu Besuch hatte.

Empathie zeigen, ohne die professionelle Distanz zu verlieren

Die Gäste waren privat untergebracht, wir beherbergten Anne und Francoise. Beim gemeinsamen Frühstück am Samstag dämmerte uns langsam, welche Dimension die Ereignisse vom Vorabend hatten. Eine Absage des Konzerts wäre nur allzu verständlich gewesen. Doch daran dachte niemand - allem Entsetzen, aller Fassungslosigkeit zum Trotz. Und plötzlich kam mir die Idee, über dieses Konzert zu berichten. Ein Ereignis, dass ohne die Attentate von Paris bestenfalls für die lokale Presse ein Thema gewesen wäre. Für mich war es nach dem Berliner Mauerfall einer der bewegendsten Einsätze meines Berufslebens. Bei aller Betroffenheit musste ich natürlich professionelle Distanz wahren.

Am Sonntag hieß es, Abschied zu nehmen von unseren neuen Freunden. Ihre Maschine startete am frühen Abend in Berlin und landete nach anderthalb Stunden im 880 Kilometer Luftlinie entfernten Paris. Der Chor aus Antony kehrte in eine traumatisierte Heimat zurück. Vor dem Abflug besuchten wir noch gemeinsam mit Anne und Francoise die französische Botschaft am Pariser Platz. Bei strömendem Regen harrten wir vor dem Blumenmeer aus. Hunderte Menschen vereint im stillen Gedenken. Fremde, die eine Nähe spürten, die wohl nur in solchen Momenten der Trauer entstehen kann.

Das Olympiastadion leuchtete Blau-Weiß-Rot

In den Tagen danach trafen mehrere Mails aus Frankreich ein. Von unseren abgereisten Gästen, aber auch von Freunden aus Vitry-sur-Seine. In diesem Pariser Vorort hat unser älterer Sohn vor einiger Zeit sechs Monate als Austauschschüler verbracht. Der Kontakt zu seiner Gastfamilie blieb über die Jahre bestehen, im vergangenen Sommer trafen wir uns zum Wandern in den Pyrenäen. Und nun diese Nachricht: Ihr Sohn Adrien wollte am 13. November zu dem Konzert in den Pariser Club "Bataclan" gehen, wo die Attentäter 89 junge Leute erschossen haben. Adrien hatte kein Ticket mehr bekommen - ausverkauft… Als er 2009 ein halbes Jahr bei uns lebte, fuhren wir mal zu einem AC/DC-Konzert nach Leipzig. "Auch dort hätte eine Bombe explodieren können", dachte ich nun unter dem Eindruck der Pariser Attentate.

Die Spieler von Hertha BSC (blau-weiß) und Hoffenheim (gelb) gedenken der Toten von Paris

Die Spieler von Hertha BSC (blau-weiß) und Hoffenheim (gelb) gedenken der Toten von Paris

Wie groß die Angst vor Terroranschlägen plötzlich auch in Deutschland war, zeigte sich beim abgesagten Fußball-Länderspiel Deutschland-Niederlande am 17. November in Hannover. Vier Tage später spielte Hertha BSC im Berliner Olympiastadion gegen Hoffenheim. Die Kontrollen an den Eingängen waren intensiver als sonst. Zum Glück blieben die Leute gelassen. Es kamen 37.000 Zuschauer an einem kalten Novembertag gegen den Tabellenletzten. Mehr wären es auch im Sommer bei schönem Wetter nicht gewesen. Ein gutes Zeichen.

Vor dem Anpfiff wurde auf dem Rasen eine riesige Tricolore entrollt. Die elektronischen Werbebanner am Spielfeldrand und die Video-Tafeln unter dem Stadiondach leuchteten in den Farben Blau-Weiß-Rot. Schweigeminuten in dieser Arena habe ich schon mehrmals erlebt - für verstorbene Spieler und Funktionäre. Doch diese Schweigeminute für die Opfer der Pariser Attentate werde ich nie vergessen. Absolute Stille im Olympiastadion.