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Hintergrund

Papst trifft Evangelische Kirche

In Erfurt sprachen der Papst und die Evangelische Kirche über eine Annäherung der seit 500 Jahren getrennten Konfessionen. Konkrete Fortschritte in der Ökumene gab es nicht, aber beide Seiten sind zufrieden.

Papst Benedikt XVI. (l.) und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, gehen am Freitag (23.09.11) in Erfurt zu einem oekumenischen Gottesdienst im Augustinerkloster. Foto: Matthias Rietschel/dapd

Aus Berlin reiste Benedikt XVI. weiter in die ostdeutsche Provinz, nach Erfurt, der Landeshauptstadt von Thüringen. In der herausgeputzten Altstadt hatten einige Ladenbesitzer gläserne Papst-Bierseidel, Sondermünzen und Postkarten in die Schaufenster gelegt. Allerdings fehlten die Käufer, denn die Innenstadt rund um den Domplatz war während des Besuchs hermetisch abgeriegelt: Zugang nur mit Passierschein. Hunderte von Polizisten bewachten die Absperrgitter. Anwohner sollten möglichst die Fenster nicht öffnen. Gully-Deckel und Kabelschächte sind amtlich versiegelt worden. Auch in Erfurt galt an diesem Freitag für den Papst Sicherheitsstufe eins. Normale Erfurter Bürger konnten kaum einen Blick auf den Besucher aus Rom erhaschen. Die meisten haben allerdings auch kein Interesse am Papst, sondern empfinden die Verkehrsbehinderungen eher als lästig. In Thüringen sind nur sieben Prozent der Bevölkerung katholisch. Der Mehrheit der Menschen sind Atheisten.

Papst: Gemeinsam gegen Verweltlichung

Papst Benedikt XVI. (r.) wird am Freitag (23.09.11) in Erfurt am Augustinerkloster vor Beginn eines oekumenischen Gottesdienstes vom Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, begruesst. Foto: Matthias Rietschel/dapd

Freundschaftlich: Papst Benedikt und Präses Schneider

Zum ersten Mal seit Martin Luthers Reformation, die die Spaltung der Kirche vor fast 500 Jahren begründete, kommt ein Papst in das Kernland der protestantischen Bewegung. Als Ort der Begegnung wurde das Augustinerkloster gewählt, in dem Luther als Mönch wirkte. Schon allein das ist für Kirchenfachleute spektakulär.

Papst Benedikt XVI. sagte dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, man müsse in Zukunft die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede betonen: "Es war ein Fehler des konfessionellen Zeitalters, dass wir weithin nur das Trennende gesehen und gar nicht existentiell wahrgenommen haben, was uns mit den großen Vorgaben der Heiligen Schrift und der altchristlichen Bekenntnisse gemeinsam ist.“ In einer Welt, die sich mehr und mehr vom Glauben abwende, müsse man gemeinsam für das Christentum eintreten. Der Papst warnte zugleich vor neuen Formen des Christentums, die den Glauben mit missionarischer Dynamik in aller Welt verbreiten und denen die klassischen Konfessionskirchen ratlos gegenüberstehen.

Der oberste Vertreter der evangelischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider, sagte dem Papst, die Kirchen sollten "ihren Eigensinn überwinden können und getrennt gewachsene Traditionen als gemeinsame Gaben verstehen.“ Danach sehnten sich viele Menschen in allen Regionen Deutschlands, vor allem die Gläubigen, die mit einem Partner der jeweils anderen Konfession verheiratet seien. "Für uns alle wäre es ein Segen, ihnen in absehbarer Zeit eine von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu ermöglichen“, sagte Schneider. Er meinte das gemeinsame Abendmahl während des Gottesdienstes.

Wenig Konkretes

In einer anschließenden Predigt erteilte Benedikt XVI. allen Hoffnungen auf konkrete Ergebnisse der ökumenischen Gespräche eine Absage. In Glaubensfragen könne es keine politisch verstandenen Kompromisse geben, so der Papst: "Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung von Vor- und Nachteilen. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, besuchte am 30. August die Deutsche Welle. Foto DW/Matthias Müller

Erzbischof Zollitsch ist zufrieden

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sagte der Deutschen Welle, der Papst habe den Reformator Martin Luther weit mehr gewürdigt, als er das erwartet habe. Der Papst habe Luthers zentrale theologische Frage, wie man Gott findet, aufgegriffen und zum gemeinsamen Fundament von Katholiken und Evangelischen gemacht. Der evangelische Präses Schneider gab sich im Gespräch mit der Presse auch zufrieden. Man mache sich jetzt gemeinsam auf den Weg, das sei durchaus auch anstrengend. Beide Seiten müssten aufeinander zugehen. Schneider hatte den Papst eingeladen, das 500 jährige Jubiläum der Reformation, der Geburtsstunde der evangelischen Kirche, im Jahr 2017 neu zu verstehen. "Wenn wir da weiter kommen, ist Weiteres durchaus denkbar“, sagte der Präses mit Blick auf eine Beteiligung der katholischen Kirche an den Gedenkfeiern. "Aber der Papst kommt 2017 sicher nicht nach Wittenberg“, so Schneider weiter. Dort hatte sich Luther 1517 von der katholischen Kirche losgesagt.

Der wesentliche Unterschied zwischen den Konfessionen besteht im unterschiedlichen Amtsverständnis der Priester. Die katholische Kirche sieht ihre Geistlichen in der direkten Nachfolge der Apostel mit dem Papst, dem Bischof von Rom, als Stellvertreter Christi an der Spitze. In der evangelischen Kirche gibt es keine Weihe der Priester, sie werden von den Gemeinden beauftragt. Die Kirche ist weniger hierarchisch gegliedert.

Zu Fuß nach Etzelsbach

Die Sonne scheint am Mittwoch (21.09.2011) auf die Wallfahrtskapelle Etzelsbach bei Steinbach (Thüringen). Papst Benedikt XVI. hält hier am 23. September 2011 eine Marianische Vesper. Foto: Uwe Zucchi dpa/lth

Wallfahrtskapelle Etzelsbach

Am späten Nachmittag feiert der Papst an der Marien-Kapelle in Etzelsbach eine Vesper. Rund 60.000 Menschen werden erwartet. Während der Papst mit dem Hubschrauber einschwebt, sind die Gläubigen stundenlang mit Bussen und zu Fuß unterwegs, um zu der abgelegenen Kapelle zu gelangen, die vor 500 Jahren erbaut wurde. Peter Kittel vom Organisationskomitee Etzelsbach ist sicher: "Die Vesper in der Dämmerung und die anschließende Wanderung der Pilger wird sicherlich der Höhepunkt des Deutschlandbesuches des Heiligen Vaters.“ Proviant, Decken und Stühle muss man mitbringen, dafür braucht man in Etzelsbach keine Eintrittskarte, um den Papst zu sehen.

Mit seinem Besuch des Landstrichs Eichsfeld, in dem Etzelsbach liegt, ehrt der Papst die Verdienste der Katholiken in der DDR in ihrem Widerstand gegen die kommunistische Diktatur. Das Eichsfeld blieb auch zu DDR-Zeiten eine geschlossene katholische Insel in der ansonsten evangelischen oder mehrheitlich atheistischen DDR. Eingeladen hat den Papst der heutige CDU-Landrat Werner Henning. Er schrieb einen Brief an den "hochverehrten Papst“. Die korrekte Anrede "Eure Heiligkeit“ kam ihm damals nicht in den Sinn. Werner Henning gehörte zu den wichtigsten Köpfen der Wendezeit in der DDR im Jahr 1989. Er sprach auf den Montags-Demonstrationen und half mit das Regime zu Fall zu bringen.

Hülfenskreuz auf dem Hülfensberg bei Geismar - bedeutendster katholischer Wallfahrtsort im Eichsfeld. Foto DW/Uwe Hessler 27.07.2007

Wallfahrtsort im Eichsfeld: Der Hülfensberg

"Religion ist bei uns im Eichsfeld unsere eigene Sache, die muss nicht groß von der Kirche vorangetrieben werden“, sagt Werner Henning über das etwas eigenbrötlerische Lebensgefühl der Eichsfelder. Heute bekennen sich sieben Prozent der Menschen im Bundesland Thüringen zum katholischen Glauben, die meisten davon leben im Eichsfeld.

Wie in der Hauptstadt Berlin trifft der Papst auch in Erfurt auf Widerstand, allerdings in bescheidenen Ausmaßen. Am Freitagabend ist eine Demonstration unter dem Motto "Heidenspaß statt Höllenangst“ geplant. Etwa 300 Teilnehmer werden erwartet. Während auf dem Domplatz die große Messe vom Papst zelebriert wird, wollen die Protestler in Erfurt am Samstag (24.09.2011) eine religionsfreie Zone in der Innenstadt ausrufen.

Autor: Bernd Riegert
Redaktion: Silke Wünsch

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