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Kultur

Papst-Predigt: "Ich verpflichte mich, keine Verletzung zu tolerieren"

Papst Franziskus hat sich am 7. Juli erstmals mit Opfern sexuellen Missbrauchs getroffen. Im Rahmen einer Messe bat Franziskus die sechs Männer und Frauen persönlich um Vergebung. Hier der Wortlaut der Predigt:

Predigt (Übersetzung aus dem Spanischen):

Das Bild von Petrus, der Jesus aus diesem schrecklichen Verhör kommen sieht; Petrus, dessen Blick sich mit jenem von Jesus kreuzt und der weint: Das kommt mir jetzt in den Sinn, unter eurem Blick, dem Blick von so vielen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen. Ich spüre den Blick Jesu und bitte um die Gnade seines Gebets; die Gnade für die Kirche, zu weinen und Sühne zu leisten für ihre Söhne und Töchter, die ihren Auftrag verraten haben, die Unschuldige missbraucht haben. Und ich bin euch heute dankbar, dass ihr hierhergekommen seid.

Seit langem fühle ich im Herzen einen tiefen Schmerz, ein Leiden, so oft verborgen, verhüllt hinter einer unerklärlichen Komplizenschaft, bis einem bewusstwurde, dass Jesus ihn anschaute, und einem anderen ebenso und noch einem ... und sie den Mut fassten, diesen Blick auszuhalten. Und diese wenigen, die anfingen zu weinen, sie haben unser Gewissen angerührt wegen dieses Verbrechens und dieser schweren Sünde. Das ist meine Beklemmung und mein Schmerz darüber, dass einige Priester und Bischöfe durch den sexuellen Missbrauch Minderjähriger deren Unschuld und ihre eigene priesterliche Berufung verletzt haben.

Es geht um mehr als um verwerfliche Taten. Es ist wie ein gotteslästerlicher Kult; denn diese Jungen und Mädchen waren dem priesterlichen Dienst anvertraut, um sie zu Gott zu führen, und jene haben sie dem Götzen ihrer Begierde geopfert. Sie haben das Ebenbild Gottes entweiht, nach dessen Bild wir geschaffen sind. Die Kindheit - wir alle wissen das - ist ein Schatz. Das junge Herz, so offen und vertrauensvoll, schaut die Geheimnisse der Liebe Gottes und ist auf einzigartige Weise bereit, im Glauben zu wachsen.

Heute schaut das Herz der Kirche die Augen Jesu in diesen Jungen und Mädchen an und will weinen. Sie bittet um die Gnade, zu weinen angesichts dieser verwerflichen Taten von Missbrauch gegenüber Minderjährigen; Taten, die ihnen Narben für das ganze Leben zugefügt haben.

Ich weiß, dass eure Wunden eine Quelle tiefen und oft unstillbaren emotionalen und geistlichen Schmerzes ist, auch der Verzweiflung. Viele, die diese Erfahrung erlitten, suchten Linderung auf dem Weg der Abhängigkeit. Andere erlebten schwere Störungen in ihren Beziehungen zu Eltern, Ehegatten und Kindern. Das Leiden der Familien war besonders schwer, da der Schaden durch den Missbrauch diese vitalen familiären Beziehungen trifft.

Einige haben auch die schreckliche Tragödie des Suizids einer lieben Person erlitten. Der Tod dieser geliebten Kinder Gottes lastet auf meinem Herzen und Gewissen und dem der ganzen Kirche. Diesen Familien spreche ich mein Mitgefühl von Liebe und Schmerz aus. Jesus, gefoltert und verhört mit leidenschaftlichem Hass, wird herausgeführt und schaut. Schaut auf einen der Seinen; jenen, der ihn verraten hat, und macht ihn weinen. Bitten wir gemeinsam um diese Gnade der Sühne.

Die Sünden sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker haben eine vergiftende Wirkung auf den Glauben an Gott und die Hoffnung. Einige haben sich am Glauben festgeklammert. Für andere haben der Verrat und das Im-Stich-gelassen-Werden den Glauben an Gott untergraben.

Eure Anwesenheit hier spricht vom Wunder der Hoffnung, die die tiefste Dunkelheit überwindet. Zweifellos ist es ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes, dass wir uns heute treffen können, zum Herrn zu beten, uns in die Augen zu schauen und die Gnade der Versöhnung zu suchen.

Vor Gott und seinem Volk bin ich zutiefst betrübt über die Sünden und schweren Verbrechen sexuellen Missbrauchs, die von Angehörigen des Klerus an euch begangen wurden, und demütig bitte ich um Vergebung.

Ich bitte um Vergebung auch für die Sünden der Unterlassung seitens der Kirchenoberhäupter, die nicht angemessen auf Missbrauchsanzeigen von Angehörigen und Missbrauchsopfern reagiert haben. Dies hat denen, die missbraucht wurden, zusätzlich Leid zugefügt und andere Minderjährige in Gefahr gebracht, die Risiken ausgesetzt waren.

Auf der anderen Seite war der Mut, mit dem ihr und andere die Wahrheit zutage gebracht habt, ein Dienst der Liebe; denn ihr habt Licht in eine schreckliche Dunkelheit im Leben der Kirche gebracht. Im Dienst der Kirche gibt es keinen Platz für die, die sexuellen Missbrauch begehen. Ich verpflichte mich, keine Verletzung zu tolerieren, die irgendjemand einem Minderjährigen zufügt, ohne Rücksicht auf seinen klerikalen Stand. Alle Bischöfe müssen ihren Hirtendienst mit größter Sorge um den Schutz von Minderjährigen ausführen, und sie werden für diese Verantwortung Rechenschaft ablegen.

Uns allen gilt die Mahnung, die Jesus denen sagt, die Anstoß geben: der Mühlstein und das Meer (Matthäus-Evangelium 18,6: "Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.", Anm. d. Red.).

Darüber hinaus werden wir weiter über die Vorbereitung zum Priesterdienst wachen. Ich zähle auf die Mitglieder der Päpstlichen Kommission zum Schutz von Minderjährigen; alle Minderjährigen, gleich welcher Religion, sind die Kleinen, auf die der Herr mit Liebe schaut.

Ich bitte um diese Unterstützung, damit sie mir helfe sicherzustellen, dass wir in der Weltkirche die bestmöglichen Strategien und Maßnahmen ergreifen zum Schutz von Minderjährigen und zur Schulung von Kirchenmitarbeitern, um diese Strategien und Maßnahmen umzusetzen. Wir müssen alles uns Mögliche tun, um sicherzustellen, dass sich solche Sünden in der Kirche nicht wiederholen.

Brüder und Schwestern, da wir alle Glieder der Familie Gottes sind, sind wir gerufen, nach der Kraft der Barmherzigkeit zu leben. Jesus, unser Herr und Retter, ist das höchste Vorbild: Unschuldig trug er unsere Sünden aufs Kreuz. Uns zu versöhnen, ist das eigentliche Wesen unserer Identität als Nachfolger Jesu Christi. In der Hinwendung zu ihm und begleitet von unserer allerheiligsten Mutter am Fuß des Kreuzes suchen wir die Gnade der Versöhnung mit dem ganzen Volk Gottes. Die Fürsprache unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit ist eine unerschöpfliche Quelle der Hilfe auf unserem Weg der Heilung.

Ihr und alle, die Missbrauch durch Kleriker erlitten, seid von Gott geliebt. Ich bete, dass, was an der von euch erfahrenen Dunkelheit noch bleibt, geheilt wird durch die Umarmung des Jesuskindes, und dass an die Stelle der Verletzung ein neuer Glaube und neue Freude treten.

Ich danke für diese Begegnung und bitte: Betet für mich, dass die Augen meines Herzens stets klar den Weg der erbarmenden Liebe sehen und Gott mir den Mut gibt, diesen Weg zum Wohl der Minderjährigen zu gehen.

Jesus geht aus einem ungerechten Prozess, einem grausamen Verhör, und blickt Petrus in die Augen, und Petrus weint. Wir bitten ihn, dass er uns anblicke, dass wir uns anblicken lassen und weinen, und dass er uns die Gnade der Scham gebe, damit wir wie Petrus, 40 Tage später, ihm antworten können: "Du weißt, dass wir dich lieben", und seine Stimme hören: "Kehre auf deinen Weg zurück und weide meine Schafe". Und ich füge hinzu: "und lass nicht zu, dass ein Wolf in die Hürde eindringt".

KK/sd (KNA)