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Europa

Papst Franziskus in Auschwitz - Schweigen am Ort des Bösen

Zum dritten Mal besucht ein katholisches Kirchenoberhaupt das ehemalige deutsche Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Der Papst aus der Ferne - erkennbar erschüttert. Eine große Geste. Christoph Strack aus Auschwitz.

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Papst Franziskus in Auschwitz

Er schweigt. Von Beginn an. Um 9.15 Uhr durchschreitet Papst Franziskus das Tor des Lagers Auschwitz, das Portal mit dem höhnischen "Arbeit macht frei". Es erinnert wie alle alte Beschriftung daran, dass es ein deutsches Lager war. Dann sitzt er lange schweigend da, gut 15 Minuten. Im Schatten eines Baumes. Der Himmel ist noch milchig weiß, die kämpfende Sonne noch frisch, feucht das Gras. Idylle. So lästig wie selten sonst stören nun die durchtrainierten Gestalten im schwarzen Anzug. Sie sollen doch nur für seine Sicherheit sorgen. Und jetzt wirkt es so, als schauten sie, ob er denn wirklich noch da sitzt.

Stille, kein lautes Wort

Ja, sitzt er. Still, in sich versunken. Das Schweigen des Papstes. Wie oft ist davon die Rede. Bei Vorwürfen gegen Pius XII., der als Kirchenoberhaupt ab 1939 Juden in Rom half, aber selten laut sprach. Oder wenn Päpste in den vergangenen Jahrzehnten üble Diktatoren trafen. Hier nun hat es seinen Sitz im Leben, das Schweigen des Papstes. Anders als seine beiden Vorgänger sagt Franziskus kein lautes Wort.

Als Franziskus sich schließlich erhebt, geht er langsamer. Er scheint irgendwie von weit weg zu kommen. Bedächtig berührt er eine der alten Metallpfosten der Sperranlagen mit seinen Lippen, Kuss, das wäre zu viel gesagt. Ein Golfcaddy bringt ihn zu jenem kleinen Hof zwischen den Baracken, in dem einst Häftlinge erschossen, gehenkt wurden. Da steht Polens Ministerpräsidentin Beata Szydlo, die mit ihm durch die Ziegelmauer schreitet. Franziskus lässt sie, nur kurz beachtet, geradezu links stehen. Er will diesen Ort spüren, und er will die Zeitzeugen treffen. Zwölf Menschen von damals.

Rührung

Sie sind alle alt, steinalt. Eine feine, weißhaarige Dame flüstert ihm etwas. Sie berühren einander, er küsst sie links und rechts auf die Wange, sie erwidert es leise. Ein großgewachsener Mann begrüßt den Papst mit entschlossenem Händedruck. Im Moment später sieht man das Foto, das der Herr dem Papst zeigt. Es zeigt lebende Gerippe, der Mann in einer Gruppe von Häftlingen in den Tagen nach der Befreiung. Unvorstellbar. Jeden der zwölf drückt Franziskus. Er weiß, sie zählen zu den wenigen, die noch Zeugnis ablegen vom Grauen, die damit weiterlebten.

Jene Säle in den Baracken, in denen in fürchterlich beklemmender Art die letzten Zeugnisse an die weit über eine Million Menschen erinnern, die in Auschwitz-Birkenau umgebracht wurden, Berge von Haaren, von Brillen, eine regelrechte Halde von leeren Koffern, sieht Franziskus nicht. Aber er steigt in Block 11 die Kellerstiege hinab, in jenen berüchtigten "Hungerbunker". Es ist für ihn eine wesentliche Etappe dieses Weges.

Papst Franziskus besucht Auschwitz (Foto: Reuters/D. W Cerny)

Der Papst zollt Respekt an die Opfer des Holocaust

Todeszelle von Maximilian Kolbe

Hier unten starb am 14. August 1941 der Franziskanerpater Maximilian Kolbe. Als die KZ-Aufseher als Vergeltung für die vermutete Flucht eines Häftlings damals Männer auswählen und in den Tod schicken, bietet sich Kolbe im Austausch für einen in Not jammernden Familienvater an.

Bald 75 Jahre ist es her. Vielleicht ist es für den Papst ein Jetzt. Gut fünf Minuten sitzt er allein in dem halbdunklen Keller. Beobachtet von einer zuvor installierten Kamera. Allein mit der Erinnerung. Betend, schweigend. Wenig später die einzigen Worte des Franziskus in Auschwitz, er schreibt sie im engen Flur vor Kolbes Todeszelle auf Spanisch in das Gästebuch der Gedenkstätte. "Herr, erbarm dich über dein Volk! Herr, vergib so viel Grausamkeit!"

Ein Licht für die Toten

Dann, die Sonne hat aus dem feuchten Morgen längst einen heißen Sommertag gemacht, geht es für den Papst vom sogenannten Stammlager Auschwitz ins nahe Lager Birkenau, an die Rampe, das Mahnmal. Der Tross mit vielen Sicherheitswägen und weiteren Fahrzeugen ist langsam unterwegs. Und wieder kommt Franziskus langsam im Caddy vom Eingang, als brauche er diese Zeit. Vorbei an einem leeren Eisenbahnwaggon von damals. Was heißt da schon "von damals".

Vorne am Mahnmal warten seit Stunden tausend Gäste. Darunter 25 "Gerechte unter den Völkern", die Juden unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu überleben halfen, auch einige Überlebende selbst. Szydlo ist da und hat vor dem Papst diese besonderen Gäste begrüßt. Aber Beifall brandet erst bei Franziskus auf. Rasch schiebt sich der Geistliche, der hier dem Papst gelegentlich flüsternd erklärt, zwischen die beiden. Dann geht Franziskus nach vorne, mit diesem eigenartig fast entrückten Blick. Und er verharrt vor den vielen Gedenktafeln, die die in unterschiedlichen Sprachen vielen Opfergruppen. Schließlich stellt er ein großes Glas mit Kerzenlicht ab.

Auschwitz und Weltjugendtag - Ein Spagat

Gesang hebt an. Der Oberrabbiner von Polen, Michael Schudrich, singt auf Hebräisch Psalm 130. Es klingt in seiner sprachlichen Fremdheit traurig schön. Ein katholischer Geistlicher trägt ihn danach in polnischer Sprache vor. Pslam 130, Buße und Klage…"Aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu Dir, Herr, höre meine Stimme…" Er ist der Abschluss schon, während Franziskus an den Gedenktafeln verharrt. Nur kurz bekommt er noch leise einige Erklärungen. Hier, wo jede Erde mit Asche vermischt ist. Wo 1,1 Millionen Menschen starben.

Rasch geht es dann für den 79-Jährigen zurück nach Krakau. Weltjugendtag - da warten wieder Hunderttausende junge Leute auf ihn. Ein Spagat. Aber der Tag, der so düster-ernst begann, endet für Franziskus am Abend liturgisch-ernst. Da betet er - wie es freitäglich katholische Tradition ist - den Kreuzweg. Gemeinsam mit den Jugendlichen aus aller Welt. Das Schweigen der Morgenstunde wird ihn begleiten.

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