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Deutschland

Papst fragt nach Folgen der Bundestagswahl

Der Erfolg der AfD, die Flüchtlingskrise und Europa: Beim überraschend langen Gespräch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Papst Franziskus geht es um aktuelle politische Probleme.

"Guten Morgen", sagen beide. In deutscher Sprache. Der deutsche Protestant beim Oberhaupt der Katholiken. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei Papst Franziskus. Der eine kam im Mittelklassewagen, der andere im gepanzerten Spitzenmodell von Lancia.    

Und dann reden sie, mit Dolmetscherin, hinter verschlossenen Türen. Lange. Länger als zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel, länger als einst US-Präsident Barack Obama, mehr als doppelt so lang wie die letzten Bundespräsidenten, die in den Apostolischen Palast zogen. Joachim Gauck (2012) und Horst Köhler (2009) besuchten damals noch Benedikt XVI. Nun werden es 59 Minuten. Bemerkenswert. Das sprengt - geplant waren 30 Minuten - jeden protokollarischen Rahmen. 

"Franziskus sehr informiert"       

Deutschland nach der Bundestagswahl: Steinmeier nennt dieses Thema im Anschluss vor Journalisten als erstes. Der Papst habe sich "sehr informiert" gezeigt über den Wahlausgang. Und sich nach den Auswirkungen auf Deutschland und seine Rolle in Europa erkundigt, nach Konsequenzen bei den Themen Flucht und Migration. 

Steinmeier zeigt sich "wirklich beeindruckt" von "seiner Person, seiner so offenen Art, Gespräche zu führen, beeindruckt auch von seinen Positionen". Franziskus äußerte demnach seinen Respekt dafür, "wie Deutschland seine Verantwortung wahrgenommen hat in der großen Flüchtlingskrise". Die Flüchtlinge und die Lage an der südlichen Grenze Europas wurden zum Hauptthema der Audienz.

Auch das Abschneiden der rechtspopulistischen AfD wurde dabei explizit zum Thema. Steinmeier erläuterte nach eigenem Bekunden dem Papst, dass das Wahlergebnis "keine ganz einfache Interpretation" zulasse und das AfD-Ergebnis nicht nur durch eine Ost-West-Unterscheidung zu erklären sei. Bei einigen der AfD-Wähler gebe es offensichtlich auch den Eindruck, dass Politik auf nationaler und europäischer Ebene "nicht genügend schnell Defizite aus der Welt schafft, die als solche empfunden werden".

Da spricht der Präsident, der lange Außenminister war. Als deutscher Chefdiplomat reiste Steinmeier nie in den Vatikan. Anders als sein Vorgänger Joschka Fischer, der, protokollarisch ungewöhnlich, von Papst Johannes Paul II. empfangen wurde. Dabei ist das katholische Kirchenoberhaupt für ihn "theologische wie moralische Instanz, die nicht nur für die Katholiken weltweit Gültigkeit und Vorbildcharakter hat". 

Drängen in der Ökumene 

Und da spricht auch ein Präsident, der als Protestant aus einem evangelisch-reformierten Elternhaus mit einer Katholikin, mit Elke Büdenbender, verheiratet ist. Eine, wie sie beide sagen, "konfessionsverbindende Ehe", passend zum Land der Reformation. Frau Büdenbender, im schwarzen Hosenanzug, ist mit dabei im Vatikan, kommt nach dem Vier-Augen-Gespräch dazu.

Italien Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Christuskirche in Rom (picture-alliance/dpa/Bundesregierung/G. Bergmann)

Steinmeier in der Christuskirche in Rom

Da hatten die beiden auch länger über "das Verhältnis von evangelischer und katholischer Kirche" gesprochen. Er habe, so Steinmeier, vorgebracht, "dass das Potenzial für die Ökumene bei weitem nicht ausgeschöpft" sei. Und er hoffe, dass "auch mit Hilfe von Rom, mit Hilfe des Papstes weitere Schritte in der Ökumene geleistet werden". Die Ökumene ist ihm ein Anliegen, und er weiß, dass auch Protestanten mit besonderer Aufmerksamkeit auf diesen Papst schauen. Bis Steinmeier aus dem Außenamt nach Bellevue wechselte, galt er als Anwärter für das Amt des Kirchentagspräsidenten in Dortmund 2019.

Ein Vorschlag für Europa  

Bereits am Vorabend ging Steinmeier bei einem Besuch in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Roms auf das heutige Miteinander der nach wie vor getrennten Kirchen ein. In einer kulturhistorischen Rede mit aktuellen europapolitischen Bezügen sprach er die gewaltigen Verwerfungen und Konflikte nach der Reformation an. Und kam dann auf die "versöhnte Verschiedenheit", einen neueren Begriff für das Miteinander der Kirchen. 

Diese "versöhnte Verschiedenheit" könne "Grundlage von Einheit" in Europa sein. Und nur auf dieser Basis könne "eine gemeinsame europäische Vision, vielleicht sogar eine gemeinsame Identität heranwachsen".   

Zurück in die Privatbibliothek in der zweiten Etage des Apostolischen Palastes. Steinmeier überreicht dem Gastgeber ein antiquarisches Buch - CDs aus Deutschland hat Franziskus wohl schon genug. Ein rund 120 Jahre alter Nachdruck mit zwölf ganzseitigen Kupferstichen, "Zwölf Spiegel zusammengefügt für den, der Gott schauen möchte" des Jesuiten Jan David. Franziskus revanchierte sich mit frischerer Literatur, seinen beiden Enzykliken und dem weltweit diskutierten Schreiben "Amoris Laetitia" zum Thema Ehe und Familie. Und es gab für den Gast noch eine Medaille mit programmatischer italienischer Inschrift: "Ich war heimatlos, und Ihr habt mich beherbergt". Franziskus, der Flüchtlings-Papst.

Einer fehlte auf römischer Seite. Erzbischof Georg Gänswein, Präfekt des Päpstlichen Hauses, schont sich nach einem Hörsturz noch im Krankenstand. Und hinten in den Vatikanischen Gärten blieb der Emeritus Benedikt unbesucht. Aber der 90-Jährige hat derzeit einen anderen Gast, der ihm gewiss auch lieb ist. Bruder Georg, 93, ist nach langen Monaten im heimischen Regensburg mal wieder in Rom.