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Welt

Papst-Enzyklika: "Wer glaubt, ist nie allein"

Das gab es noch nie in der Geschichte der katholischen Kirche: Zwei Päpste verfassen eine Enzyklika. Das Lehrschreiben des neuen Papstes über das "Licht des Glaubens" ist zugleich das letzte Werk Benedikts.

"Ein Lehrschreiben der vier Hände" – Papst Franziskus verwendete vor einigen Tagen diese Formulierung und sorgte damit vor seiner ersten Enzyklika für Aufsehen. Nach der Vorstellung des Dokuments im Vatikan durch Kardinal Marc Ouellet wurde deutlich: Den prägenden Klang dieses vierhändigen Werks erzeugt der zurückgetretene Vorgänger-Papst Benedikt. Nur wenige Passagen wirken so, als habe sie Franziskus ergänzt, bevor er alleine am 29. Juni, dem hohen römischen Festtag "Peter und Paul", seine Unterschrift darunter setzte.

Unter dem Titel "Lumen Fidei" (Licht des Glaubens) behandelt das 90-seitige Dokument die Beziehung zu Gott – den Glauben. Es ist gleichermaßen streng biblisch und theologisch gehalten. Beispiel: "Der Glaube ist nicht eine Zuflucht für Menschen ohne Mut, er macht vielmehr das Leben weit. Er lässt eine große Berufung entdecken, die Berufung zur Liebe, und er garantiert, dass diese Liebe verlässlich ist…" Das passt zum "Jahr des Glaubens", das die katholische Kirche seit dem Herbst 2012 begeht. "Wer glaubt, ist nie allein" – eines der vertrauten seelsorgerlichen Worte Benedikts taucht mehrfach auf. Und dieser Glaube müsse für Glaubende Konsequenzen haben.

Glaube, Vernunft, Wahrheit

Kardinal Marc Ouellet präsentierte das Lehrschreiben. Foto: AFP/ GABRIEL BOUYS

Kardinal Marc Ouellet präsentiert das Lehrschreiben

Die beiden Autoren betonen die "Wechselbeziehung zwischen Glaube und Vernunft", die einander stärken. Und die Verbindung von Glaube und göttlicher Wahrheit, die in der Gegenwart von einem großen Vergessen bedroht sei. Weiter geht es um die Bedeutung der Familie, der Kirche, der Sakramente. "Die Kirche ist eine Mutter, die uns lehrt, die Sprache des Glaubens zu sprechen." Es findet sich auch die Absage an jeden Relativismus, bei dem Gott und die Frage nach einer universalen Wahrheit nicht mehr interessierten: "Wir können in diesem Zusammenhang von einer großen Vergessenheit in unserer heutigen Welt sprechen." Und strikt mahnt der Text, da der Glaube ein Ganzes sei, müsse er in seiner ganzen Reinheit und Unversehrtheit bekannt werden. Wer also einen Glaubensartikel leugne, schädige damit alle anderen gleichermaßen.

Bezüge zur säkularen Welt klingen gelegentlich an, doch Sie bleiben in aller Regel knapp. So heißt es beispielsweise, der Glaube, sorge für kritisches Bewusstsein gegenüber einer schrankenlosen Forschung. Oder auch: Erster Ort des Glaubens sei die Familie, vor allem die Ehe, "die dauerhafte Verbindung von Mann und Frau". Zudem mahnt Enzyklika in wenigen Worten die Menschen auch zu "gerechten Regierungsformen" und zu Entwicklungsmodellen, "die nicht allein auf Nutzen und Profit gründen".

Text des alten Europa

Papst Franziskus und Papst Benedikt im Gespräch Foto: REUTERS/Osservatore Romano

Intensives Gespräch zweier Päpste

Benedikt hatte 2006 und 2007 Lehrschreiben zu den Themen Liebe und Hoffnung vorgelegt. Das danach lange erwartete noch ausstehende Werk zur dritten und letzten theologischen Tugend, dem Glauben, wurde wegen des Rücktritts nicht mehr veröffentlicht. Wie sehr das Denken und Glauben Benedikts die jetzige Enzyklika prägen, zeigen nicht nur einzelne Formulierungen. Das zeigt überdeutlich auch die zitierte Literatur. Es sind zumeist Klassiker des abendländischen Denkens wie Augustinus und Nietzsche, Thomas von Aquin und Wittgenstein, Rousseau und Dostojewski. Kein einziger Autor ist außerhalb Europas anzusiedeln, die wenigsten gehören ins 20. Jahrhundert. Und wer als Theologe zitiert wird, kommt aus dem Blickfeld des frühen Theologen Ratzinger.

Irdische Herrscharen - Gläubige auf dem Petersplatz in Rom Foto: Bernd Riegert DW

Irdische Heerscharen - Gläubige auf dem Petersplatz in Rom

Der offizielle Autor Franziskus legt sein erstes Lehrschreiben nicht einmal vier Monate nach seiner Wahl am 13. März vor. Seit fast 100 Jahren ging kein Papst mehr so rasch ins Grundsätzliche; allein Benedikt XV. (1914-1922) schrieb schneller, als er am 1. November in Zeiten des Ersten Weltkriegs eine Friedensbotschaft verkünden wollte. Man kann nur spekulieren, ob Franziskus mit der Veröffentlichung dieser Enzyklika primär seinem Vorgänger Reverenz erweisen wollte oder ob er sich damit bewusst an dessen theologische Seite stellt, um konservative Kräfte zu beruhigen. Dazu passt ein gewiss nicht zufällig terminierter Auftritt Benedikts im Vatikan am Morgen der Veröffentlichung - der erste öffentliche Auftritt Joseph Ratzingers seit dem 23. März 2013.

Zeit neuen Handelns und Denkens?

Doch der Kontext der Enzyklika zeigt, dass Franziskus in einer Spannung von Kontinuität und Bruch steht. In den Bilanzen nach 100 Tagen seiner Amtszeit Mitte Juni blieben viele Beobachter abwartend. Zwar gab es bei den ersten Auftritten des neuen Papstes viele gute Worte und diverse für Fotografen wie Sicherheitskräfte überraschende Momente. Aber es gab noch keine wesentlichen Personalveränderungen im vatikanischen Apparat, keine Umstrukturierung, keine spürbaren Entscheidungen, übrigens auch keine einzige Tagesreise über Rom hinaus. Doch kaum war die 100-Tage-Frist vorbei, ordnet Franziskus die Vatikanbank neu, kündigte seine erste Enzyklika an, reist überraschend auf die italienische Flüchtlingsinsel Lampedusa vor der afrikanischen Küste.

Eng stehen die Behausungen in der riesigen Favela Paraisopolis im Stadtteil Morumbi der brasilianischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Behausungen der Armen im Schatten der Tempel des Reichtums - Favela in Sao Paulo (Brasilien)

Womöglich hat damit die Zeit deutlicher Akzentuierungen begonnen – auch mit Blick auf künftige Lehrschreiben. Vielleicht hat jener süditalienische Bischof Recht, der im Mai nach dem Gespräch einer Gruppe von Bischöfen mit Franziskus gleich von zwei Enzykliken sprach. Der Papst wolle zunächst eine von seinem Vorgänger erarbeitete Enzyklika zum Thema Glauben unterzeichnen. Danach wolle er sich unter dem Titel "Beati Pauperes" (Selig die Armen) dem Thema Armut widmen. Die Armen der Gegenwart, im jetzigen Text nicht erwähnt, werden gespannt darauf warten.