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Aktuell Welt

Papst beklagt "Genozid" an Armeniern

Papst Franziskus hat im Rahmen einer Messe im Petersdom an das Schicksal der Armenier vor 100 Jahren erinnert. Der Papst sprach von einem "Genozid". Die Türkei bestellte den Botschafter des Vatikans ein.

Noch kurz vor der Messe war mit Spannung erwartet worden, ob das Oberhaupt der Katholischen Kirche von "Genozid" oder "Völkermord" sprechen würde. Eine Reihe von Staaten lehnt es bis heute ab, die Ereignisse vor 100 Jahren in dieser Weise zu benennen. .

Papst Franziskus betonte, im vergangenen Jahrhundert habe es "drei gewaltige und beispiellose Tragödien" gegeben. Die erste dieser Tragödien, die "weithin als 'erster Völkermord des 20. Jahrhunderts' gilt", habe das armenische Volk getroffen.

Für die beiden anderen Völkermorde des 20. Jahrhunderts seien der "Nazismus und Stalinismus" verantwortlich. In jüngerer Vergangenheit habe es aber noch weitere Massenmorde gegeben, etwa in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien. Die Menschheit sei offenbar nicht dazu in der Lage, "dem Vergießen von unschuldigem Blut ein Ende zu setzen", sagte Franziskus.

Hinrichtungen und Todesmärsche

Zwischen 1915 und 1918 wurden im damaligen Osmanischen Reich zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier ermordet. Während Historiker vom "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts" sprechen und der türkischen Regierung die Verantwortung zuweisen, räumt die Türkei bislang lediglich ein, dass es Massenvertreibungen und gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben habe. In deren Folge seien Hunderttausende gestorben. Aus Protest gegen die Worte des Papstes wurde der Botschafter des Vatikans zu einem Gespräch ins Außenministerium in Ankara einbestellt.

Hintergrund des Völkermords waren Versuche der 1909 an die Macht gekommenen nationalistischen Jungtürken, ein einheitliches Reich zu schaffen, Türkisch als Einheitssprache und den Islam als alleinige kulturelle und religiöse Basis durchzusetzen. Der Erste Weltkrieg lieferte die Gelegenheit, dieses Konzept durchzusetzen. Nach dem Scheitern der türkischen Offensive gegen Russland im Januar 1915 begann am 24. April die systematische Verfolgung: Zu Tausenden wurde die Elite der Armenier verhaftet und hingerichtet; Zehntausende starben auf Todesmärschen.

Nach dem Ende des Weltkriegs leiteten die westlichen Siegerstaaten Prozesse ein. Ein Istanbuler Kriegsgericht konnte beweisen, dass die Verbrechen zentral vorbereitet wurden. Es verurteilte 17 Angeklagte zum Tode; mehrere Hinrichtungen wurden vollzogen. Die Haupttäter flohen, einige wurden später von armenischen Attentätern ermordet.

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Mittlerweile haben 22 Staaten den Genozid offiziell anerkannt, darunter Frankreich, Italien und die Niederlande. 1985 erschien der Begriff "Armenian genocide" in einem offiziellen Papier der UN. Der Deutsche Bundestag sprach 2005 lediglich von "Deportationen und Massakern". Der umstrittene Begriff "Völkermord" wurde nicht im eigentlichen Antragstext, wohl aber in der Begründung verwendet.

Die Rolle der Deutschen

Hintergrund sind die traditionell engen Beziehungen zur Türkei und auch die große türkische Bevölkerungsgruppe in der Bundesrepublik. Das Deutsche Kaiserreich war im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet; deutsche Generäle waren bei Planung und Durchführung der Aktionen beteiligt.

Die Armenier selbst erinnern am 24. April an den Beginn der Massaker an ihren Vorfahren im Osmanischen Reich. An der Messe des Papstes in Rom hatten auch der armenische Patriarch Nerses Bedros XIX. Tarmuni sowie der armenische Präsident Sersch Sarkissjan teilgenommen.

haz/sp (kna, afp, ap, dpa)

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