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Fokus Südosteuropa

Papst-Attentat - Ein internationales Mysterium

Vor dreißig Jahren hat der türkische Nationalist Mehmet Ali Agca versucht, den Papst zu erschießen. Das Attentat von Rom gilt bis heute als eines der größten Mysterien der Kriminalgeschichte. Eine Spurensuche.

Papst Johannes Paul II. nach dem Attentat am 13.05.1981 (Quelle: AP)

Schwer verletzt: Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981

13. Mai 1981, Rom, Petersplatz. "Wie der Papst eingefahren ist in den Petersplatz und die Leute freundlich begrüßt hat und immer zu den Leuten hingefahren ist. Auf einmal ganz in unmittelbarer Nähe von uns, circa 30, 35 Meter entfernt, beugt sich der Papst in die Menge vor und gibt den Leuten die Hand und auf einmal fielen zwei Schüsse", so schildert ein österreichischer Rundfunkjournalist die Ereignisse vor 30 Jahren.

Es ist 17.20 Uhr als die Kugeln aus der Waffe des türkischen Nationalisten Mehmet Ali Agca den Papst treffen. Blut tränkt das weiße Gewand, Johannes Paul II. sackt in sich zusammen. Er ist schwer verletzt - aber überlebt. Verletzt wurden auch zwei Frauen, die in der Menge um den Papst standen. Der damals 23-jährige Attentäter aus der anatolischen Provinz wird noch am Tatort verhaftet. Eine Woche später verurteilt ihn ein Gericht in Rom zu lebenslanger Haft. Der Papst meldet sich kurz nach dem Attentat aus seinem Krankenzimmer über Radio Vatikan mit den Worten "Ich bete für den Bruder, der mich getroffen hat und dem ich aufrichtig verziehen habe".

Karussell der Spekulationen

Mehmet Ali Agca nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis 2010 (Quelle: AP)

Was war sein Motiv? Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca

Das Papst-Attentat jedoch bleibt ein Mysterium. Die Hintergründe der Tat sind bis heute nicht geklärt. Was war Agcas Motiv? War er Einzeltäter? Gab es Hintermänner? Der italienische Journalist Marco Ansaldo und seine türkische Kollegin Yasmin Taskin haben nach Antworten gesucht, Spuren verfolgt. Vor kurzem erschien in Italien ihr Buch "Töte den Papst", ab heute steht es in den bulgarischen Buchläden. Darin nehmen die Autoren die Verschwörungstheorien um das Papst-Attentat auseinander. "Wir haben zwanzig Jahre lang zu diesem Thema recherchiert, in deutschen Archiven, in Sofia in Bulgarien, in Warschau in Polen und auch in Rom", sagt Ansaldo.

Der Attentäter selbst hatte die Spekulationen angefeuert: Während und nach dem Gerichtsprozess hatte er sich ständig in Widersprüche verstrickt. Mal handelte er angeblich im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes CIA, mal als Agent des russischen KGB, sogar den Vatikan beschuldigte Agca. Eine weitere hartnäckige Theorie: Die bulgarischen Geheimdienste seien von Moskau mit dem Mord beauftragt worden, weil der antikommunistisch eingestellte Papst aus Polen eine Gefahr für das Sowjet-Reich darstelle. "Es gibt keinerlei Beweise zu dieser Bulgarien-Theorie. Die sogenannte 'Bulgarische Verbindung' ist eine Finte. Das hat die CIA anderthalb Jahre nach dem Attentat erfunden, um die Verantwortung auf die Bulgaren zu schieben - so dass der Verdacht auf Moskau fällt", sagt Buchautor Marco Anslado.

Verschwörung der Nationalisten?

Ein Brief des Attentäters Mehmet Ali Agca (Foto: AP)

In Briefen verspricht Agca ehrliche Antworten, gibt sie aber nicht

Was also ist wirklich geschehen, am 13. Mai 1981? Ansaldo hat viele Interviews mit dem Attentäter Agca geführt, in dem viele internationale Beobachter nur einen "Verrückten" sehen. "Agca ist sehr clever, sehr gerissen. Er hat immer versucht, die Situation zu kontrollieren, denn er ist sehr egoistisch und überzeugt von sich selbst", sagt Ansaldo. Der Journalist ist inzwischen überzeugt davon, dass die einzige glaubwürdige Spur in die Türkei führt. "Agca hat die CIA, den Vatikan, den KGB, die Bulgaren beschuldigt, aber eine Seite hat er immer geschützt: die 'Grauen Wölfe' und das ist die Gruppe, zu der er gehört und wo er sich immer noch aufhält", glaubt Ansaldo. Die "Grauen Wölfe", das ist bekannt, sind eine ultranationalistische, islamistische und anti-europäische Bewegung. Die Gruppe sei auch heute noch sehr präsent in der Türkei, sagt der Journalist. Sogar im Parlament seien diese Kräfte vertreten, wenn auch nicht mehr unter dem Namen "Graue Wölfe".

Und was ist aus Mehmet Ali Agca geworden? Der wurde im Jahr 2000 vom italienischen Staatspräsidenten begnadigt und an ein türkisches Hochsicherheitsgefängnis ausgeliert, wo er einen früheren Mord an Abdi Ipekci, einem linken Journalisten der Zeitung "Milliyet", verbüßte. Seit Anfang 2010 ist Agca wieder auf freiem Fuß.

Autorinnen: Julia Hahn / Rayna Breuer
Redaktion: Mirjana Dikic