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Deutschland

Papst-Appell öffnet keine Türen

Papst Franziskus hat die katholischen Kirchengemeinden in Europa dazu aufgerufen, jeweils mindestens eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Ein Appell, der kaum Gehör zu finden scheint. Das legt eine DW-Umfrage nahe.

Eine verschlossene Kirchentür Foto: Foto: Martin Schutt/dpa

Jesus: "Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen". Viele Kirchengemeinden können oder wollen nicht auf den Wunsch des Papstes nach offenen Türen für Flüchtlinge eingehen

Papst Franziskus eckt an, mutet sich und seiner Kirche viel zu. Das ist auch bei der Bewältigung der weltweiten Flüchtlingskrise nicht anders. Gut in Erinnerung geblieben ist sein Appell vom 6.September, in dem der Papst die katholische Kirche dazu aufrief, ein Zeichen der Barmherzigkeit für Flüchtlingsfamilien zu setzen. "Jede Pfarrgemeinde, jede religiöse Gemeinschaft, jedes Kloster, jeder Wallfahrtsort in Europa soll eine Familie beherbergen", forderte Franziskus damals und ging mit gutem Beispiel voran. Auf Geheiß des Pontifex nahmen die zwei Kirchengemeinden im Vatikan zwei Flüchtlingsfamilien auf.

Kaum eine Gemeinde fühlt sich direkt angesprochen

So deutlich wie der Appell des Papstes, so diffus und enttäuschend das Bild, das die angesprochene Kirchengemeinschaft drei Monate später abgibt. Das zeigt eine Umfrage des DW-Hauptstadtstudios in 27 Pfarreien aus den 27 Bistümern des Landes. Das verblüffende Ergebnis: Die Mehrheit der befragten Pfarreien fühlt sich nicht direkt angesprochen, wenn es um die Unterbringung von Flüchtlingen geht. 19 Gemeinden konnten oder wollten dem Appell des Papstes nicht folgen. Acht Pfarreien bzw. Klöster schlossen sich der päpstlichen Initiative an - in vielen Fällen bereits vor dem Aufruf. Eine Stichprobe von MDR-Info bekräftigt den aufgezeigten Trend der DW-Ergebnisse. Demnach leben im Bistum Dresden-Meißen derzeit zwölf Flüchtlinge in Pfarrhäusern oder kirchlichen Wohnungen. Das Bistum selbst zählt 97 Pfarreien.

Die Weihnachtskrippe mit Maria und Josef und Jesus in der Mitte Foto: picture-alliance/dpa/Eibner

Auch Maria und Josef irrten mit ihrem Kind Jesus umher, auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf. Ist das Verpflichtung für die Kirche von heute?

Als Gründe für das Nichthandeln der Gemeinden wird vor allem mangelnder Wohnraum angeführt, aber auch der Verweis auf vorhandene staatliche Hilfsangebote. Etwas seltener wird darauf verwiesen, dass einzelne Kirchenmitglieder bereits großzügig Wohnraum geschaffen hätten. In Ausnahmefällen ist aber bereits die Nachfrage nach dem karitativen Wirken der Pfarrgemeinden unerwünscht. Zweimal haben Priester das Telefongespräch mit dem Autor auch einfach abgebrochen.

Schwer vorstellbar, das sich so bundesweit einlösen lässt, was der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, Anfang September als Bringschuld der Kirchengemeinden formulierte. Er hoffe, so Marx damals in Berlin, dass "deutlich mehr Flüchtlinge aufgenommen werden als es Pfarreien gibt." Rein rechnerisch würde dies bedeuten, dass in den 11.500 Gemeinden mindestens 11.500 Flüchtlinge Platz finden müssten. Nimmt man den Papst-Aufruf zum Maßstab, könnten bei der Aufnahme einer vierköpfigen Familie pro Gemeinde sogar knapp 50.000 Menschen in kirchlichen Gebäuden unterkommen. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Kirchengemeinde Kelheim in Franken kommentiert das Ergebnis der Umfrage so: "Die sind viel zu bequem für sowas". Allein in seiner Gemeinde stünden derzeit zwei kirchliche Immobilien leer, die ohne weiteres zur Flüchtlingsunterbringung genutzt werden könnten. Das Fazit des enttäuschten Kirchenmitglieds: "Es gibt eine riesige Kluft zwischen Verkündigung und Praxis."

Kirche: "Das Ergebnis entspricht nicht unserer Wahrnehmung"

Erzbischof und Der Flüchtlingsbeauftragte der Katholischen Kirche, Erzbischof Stefan Heße Foto: Christian Charisius/dpa

Der Flüchtlingsbeauftragte der Katholischen Kirche, Erzbischof Stefan Heße

Doch der Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, sieht das anders. Heße ist seit kurzem "Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen" der Deutschen Bischofskonferenz. Ein Sprecher teilte auf Anfrage der DW mit: "Das Ergebnis entspricht nicht unserer Wahrnehmung." Allein die Domgemeinde in Hamburg habe über 250 temporäre Plätze zur Flüchtlingsunterkunft geschaffen. "Zudem ist die Dynamik des Papstaufrufs noch längst nicht am Ende", versicherte der Sprecher weiter. In einem Statement des Flüchtlingsbeauftragten von Anfang November heißt es, dass die katholischen Kirchengemeinden für "viele Tausende" eine erste Bleibe gefunden hätten. Wie diese Zahlen erhoben wurden, wird in dem Papier nicht dargelegt. Stattdessen der Verweis, mit welchen Summen die katholische Kirche die Flüchtlingshilfe unterstützt. 66,5 Millionen Euro haben die deutschen Bistümer demnach in einen nationalen Flüchtlingsfonds eingezahlt. Weitere Mittel von Orden und Verbänden seien hier noch nicht einmal eingerechnet.

Für Kirchenkritiker ist die Millionenspende angesichts des Reichtums vieler Kirchenbistümer in Deutschland dennoch erstaunlich gering. Autor Carsten Frerk taxierte das Vermögen der katholischen Kirche in seinem umstrittenen Buch "Violettbuch Kirchenfinanzen" mit 200 bis 270 Milliarden Euro. Mehrere Bistümer veröffentlichten zuletzt auch Zahlen zu ihren Milliardenvermögen. Und durch die Affäre um die luxuriöse Ausstattung des Limburger Bischofssitzes vor einigen Jahren fühlen sich Kritiker bestätigt. Natürlich sind einzelne Pfarrgemeinden unterschiedlich finanzkräftig. Dass der Papst-Aufruf jetzt alle Kirchengemeinden gleichermaßen unter Zugzwang setzt, quittieren manche Geistliche daher mit ungewohnt deutlichem Unmut. "Den Appell hätten wir nicht gebraucht", heißt es von einem Amtsträger trotzig. "Bei mir entsteht da kein Druck", lässt ein anderer Seelsorger wissen. Immer wieder ist zu hören: Der Aufruf sei eher als Weckruf zu verstehen. In der Botschaft des Papstes klang das allerdings anders. Es reiche nicht, sagte Franziskus im September, nur von "Mut" und "Geduld" zu predigen. Barmherzigkeit zeige sich vor allem durch eins: Taten.

Der syrische Flüchtling Youssef hat Unterkunft in einem Pfarramt in Bad Rodach bekommen. Foto: Foto: Daniel Karmann/dpa

Der syrische Flüchtling Youssef hat Unterkunft in einem Pfarramt in Bad Rodach bekommen.

Söder: "Barmherzigkeit braucht keine Miete"

Im Widerspruch dazu steht auch, was sich zuletzt in bayrischen Bistümern abgespielt haben soll. Wie die Zeitung "Münchner Merkur" berichtet, lassen sich einige bayrische Bistümer die Kosten für die Unterbringung von Flüchtlingen in kirchlichen Gebäuden voll vom Staat erstatten. Eine Sprecherin des Erzbistums München und Freising bestätigte dem Blatt, dass die Mietkosten für Häuser und Wohnungen in der Regel vom Landkreis übernommen würden. "Wir sehen uns in der Verantwortung, dabei zu helfen, aber zu den üblichen Konditionen", so die Sprecherin. Bayerns Finanz- und Heimatschutzminister Markus Söder (CSU) quittierte dies gegenüber derselben Zeitung mit den Worten: "Barmherzigkeit braucht keine Miete".

Natürlich gibt es aber auch jene Fälle, in denen der Appell des Papstes auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Beispiele dafür sind das Kloster Untermachtal in Baden-Württemberg, wo bald bis zu 60 syrische Flüchtlinge unentgeltlich untergebracht und in die tägliche Arbeit integriert sein sollen. Oder die Pfarrei Peter und Paul in der Bochumer Innenstadt, wo ein Heim für 16 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Kircheneigentum entstanden ist. Lichtblicke, wie sie der Papst wohl allerorten sehen wollte, als er davon sprach, dass die Pfarreien "zu Inseln der Barmherzigkeit im Meer der Gleichgültigkeit werden" können.

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