″Papa, ich möchte nicht sterben″: Die Sewol-Tragödie auf der Bühne | Asien | DW | 13.04.2018
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Theater aus Sükdorea

"Papa, ich möchte nicht sterben": Die Sewol-Tragödie auf der Bühne

Der Untergang der Fähre Sewol im April 2014 war für Südkorea eine nationale Tragödie. Welchen Einfluss hat das Ereignis bis heute auf das Leben der Menschen im Land? Eine Suche nach Antworten – im Theater.

"Mein Vater war ein sehr schöner Mann. Er war schon in der Kindheit schön, und auch in der Jugendzeit, so dass die Frauen unruhig wurden", sagt Su-Yeon. Sie sitzt auf der Bühne, lächelt, im Hintergrund ist ein Foto zu sehen: ihr Vater auf einem Kamel. Su-Yeon ist Schauspielerin. Aber dieses Mal geht es im Theater auch um ihre ganz persönliche Lebensgeschichte. Und darum, wie sie kurz nach der Sewol-Tragödie selbst den Boden unter den Füßen verlor. Als sie erfahren musste, dass ihr Vater unheilbar krank war.

Gedenken an die Opfer des Fährunglücks (Reuters)

Zehn Tage nach dem Unglück marschierten Studenten mit Laternen durch die Straßen, um der Opfer zu gedenken

"Magenkrebs. Ausgebreitet sogar bis zum Blut und in die Lymphflüssigkeit. Sozusagen Sterbephase." Es gab keine Hoffnung, sagt Su-Yeon. Ihre Stimme ist jetzt monoton. "Er hat gerade viele Sterbende im Fernsehen gesehen, die schnell versinkenden Körper. Sein Körper, der nun zum angekündigten Tod sank, und mein Körper, der vom Tod weit weg war, schauten zusammen diesem Sterben zu." Dem Sterben von über 300 Menschen - die die stark überladene Fähre Sewol am 16. April 2014 mit auf den Grund des Meeres nahm. Die meisten der Opfer waren Schüler, die sich eigentlich auf einen Ausflug gefreut hatten.

Eine nationale Tragödie

Der Untergang der Sewol stürzte das ostasiatische Land in eine tiefe Krise. Und auf Trauer und Entsetzen folgte schnell Wut. Wut auf das mangelnde Krisenmanagement der Regierung, Wut darüber, dass viele der Opfer noch leben könnten, hätten sie nicht auf Anweisung der Crew in ihren Kabinen ausgeharrt.

Regisseur Kyungsung Lee (Privat)

Kyungsung Lee hatte den Mut, das schwierige Thema auf die Bühne zu bringen

Und Wut auf die mittlerweile abgesetzte und wegen einer Korruptionsaffäre inhaftierte Präsidentin Park Geun Hye. Sie war während des Unglücks über Stunden abgetaucht und hatte ihre Bevölkerung allein gelassen.

Südkorea stand kollektiv unter Schock. Doch davon bekam Kyungsung Lee damals nur am Rande etwas mit. Der südkoreanische Künstler steckte bis zum Hals in Arbeit. "Viele Menschen haben damals gesagt, dass wir diese Tragödie niemals vergessen dürfen. Ich aber hatte gar keine Zeit, das überhaupt richtig an mich heran zu lassen und mich damit auseinanderzusetzen. Irgendwann dann war da in mir das Gefühl, dass ich jetzt einfach etwas tun muss."

Sechs Geschichten, eine Gemeinsamkeit

Gerichtsprozess gegen Lee Joon Seok: Beamte führen den Sewol-Kapitän in Handschellen ab (Reuters/Park Cheol-hong/Yonhap)

Der Kapitän der Sewol hatte sich selbst rechtzeitig in Sicherheit gebracht - für sein Verhalten wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt

So entstand im Frühjahr 2015 die Idee, das Sewol-Unglück auf der Bühne zu thematisieren. Eine schwierige Aufgabe, erzählt er. Nicht nur, weil es für die damalige Regierung ein Tabu-Thema war. "Es ist ja so sensibel, es geht um den Schmerz von Menschen und das Leid der Hinterbliebenen. Ich musste es also sehr behutsam angehen." Kyungsung Lee überlegte, wie er sein Vorhaben am besten umsetzen könnte. Er tauschte sich aus, redete mit Kollegen darüber.  "Im Gespräch mit ihnen ist mir dann auch klar geworden, dass die Tragödie ein Trauma nicht nur für die direkt Betroffenen war, sondern für die ganze Gesellschaft."

Genau das war der Punkt, an dem er schließlich ansetzte. Die Frage danach, wie jeder Einzelne mit der Tragödie umgeht und was ihn damit verbindet. "Wir haben alle die Bilder im Fernsehen gesehen und die Artikel in den Zeitungen gelesen. Aber es war etwas Abstraktes, losgelöst vom eigenen Leben. Ich dachte, dass Theater es schaffen kann, hier noch mehr Sensibilität zu wecken. Die Leute sollen sich fragen: Wie schaue ich als Außenstehender auf den Schmerz von anderen?"

Park Geun-hye mit gesenktem Kopf vor einem gelben Blumenmeer (Reuters)

Die damalige Präsidentin Park Geun Hye verneigt sich vor den Opfern - doch das reicht ihrer Bevölkerung nicht: Aufgrund des schlechten Krisenmanagements steht die Staatschefin stark in der Kritik

Angst vor der Reaktion der Betroffenen

Ihm geht es darum, persönliche Perspektiven zu zeigen. Seine sechs Protagonisten von der Gruppe Creative VaQi spielen überwiegend sich selbst, nur zwischendurch schlüpfen sie in Rollen. "Das Skript des Stücks setzt sich zusammen aus ihren jeweiligen Geschichten. Alle haben etwas beigesteuert, es gibt nicht den EINEN Autor. Die Schauspieler haben quasi jeder ihren eigenen Text geschrieben, und ich habe alles gesammelt und montiert." Eine Ersatzbesetzung gibt es nicht, es stehen immer die gleichen Schauspieler auf der Bühne. Seit der Premiere des Stückes "Before After" am 23. Oktober 2015. In ein paar Tagen ist das Ganze erstmals auch in Deutschland zu sehen: Kyungsung Lees Theaterproduktion - auf koreanisch mit deutschen Übertiteln - ist als eines von mehreren Theatergastspielen aus Südkorea beim 35. Heidelberger Stückemarkt zu sehen, der vom 20. bis 29. April stattfindet. Neben den Aufführungen wird es im Rahmen des Festivals die Möglichkeit zum Austausch mit koreanischen Künstlerinnen und Künstlern wie auch Vertreterinnen und Vertretern aus Kultur und Politik aus Seoul geben.

Vor der Uraufführung damals war Kyungsung Lee besorgt. "Ich hatte Angst, dass das Stück nicht tief genug sein könnte. Wie würden Überlebende oder Angehörige der Opfer darauf reagieren? Diese Frage hat mich beschäftigt. Ich habe dann genau diese Leute eingeladen, ins Theater zu kommen." Die Reaktionen aber zeigten ihm, dass er es richtig gemacht hatte. Gerade die unmittelbar Betroffenen seien sehr bewegt gewesen. "Sie waren dankbar für die Produktion, denn zu dem Zeitpunkt hat sonst niemand dieses Thema so direkt aufgegriffen und angesprochen. Sie fühlten sich durch das Stück gestärkt." Das macht ihn froh.

Aufführung des Theaterstücks Before After (theaterheidelberg)

Seit zweieinhalb Jahren tritt die Schauspielgruppe Creative VaQi schon mit dem Stück auf

"Es hätte auch mich treffen können"

Sehr düster ist es auf der Bühne. Manchmal erkennt man im Schwarz nur die Gesichter der Schauspieler. Die Protagonisten filmen sich auch gegenseitig, wenn sie ihre Geschichten erzählen, die Bilder werden parallel auf Leinwand projiziert. Da ist zum Beispiel Da-Huin, der gerade zu einer Himalaya-Wanderung aufgebrochen war, als er vom Untergang der Sewol hörte. Oder Kyung-Min, der sein Tagebuch im Rundfunk veröffentlichte. Su-Jin wiederum versucht, in die Rolle der südkoreanischen Regierung zu schlüpfen und stellt ihre Haltung dar. Und Tzae-Gun trauert um einen Freund, der sich das Leben genommen hat. Eine Erfahrung, die er auch mit der Sewol-Tragödie verbindet.

Frau auf einem Schiff von der Seite mit Blick auf die Bergungsarbeiten der Sewol (Reuters/Yonhap)

Eine Wunde, die niemals ganz verheilt: Bis heute kehren Hinterbliebene der Opfer immer wieder an die Unglückstelle zurück

Der Tod des Freundes hat auch ihn versinken lassen, berichtet er. Dann zieht er plötzlich seine persönliche Parallele: "Gesunken – gesunken ist sie doch. Damals berichteten Nachrichten, wie viele Menschen gerettet wurden, wie viele tot oder vermisst sind." Er selbst hat auch einmal einen Boots-Schulausflug auf die Insel Jeju gemacht, zu der die Schüler am Unglückstag unterwegs waren. Und seine Schwester war nur eine Woche vor dem Untergang noch mit der Unglücksfähre Sewol unterwegs. "Ich denke, ich hätte auch bei dem Unfall dabei sein können, oder meine Schwester. Ja, so hat der Tod mich doch immer begleitet."

Protokoll einer Katastrophe

Neben den sechs Geschichten der Protagonisten geht es in der zweiten Hälfte von "Before After" um den Hergang der Katastrophe an sich. Bedrückend ist die Stimmung, wenn die Schauspieler aus den Original-Protokollen des Unglückstages zitieren. Bei den Recherchen für das Theaterstück haben Kyungsung Lee und das Team die Unterlagen eingesehen.

Untergehende Sewol am 16. April 2014 (picture-alliance/AP Photo)

Bilder des Grauens: Die Welt kann zuschauen, wie die Fähre Sewol untergeht und über 300 Menschen in den Tod reißt

Am Morgen des 16. April um 8:48 Ortszeit wechselte die Sewol mit einer Geschwindigkeit von 19 Knoten den Kurs. Das Schiff bekam Schlagseite und begann zu sinken. Drei Minuten später setzte der erste Schüler einen Notruf ab.

"Hallo!"

"Ja, 119-Notruf."

"Wir sind im Schiff hier.

Ich glaube, das Schiff sinkt."

"Sinkt das Schiff?"

"Wir sind auf dem Weg nach Jeju, und ich glaube, das Schiff sinkt jetzt."

"Ah... Moment... meinen Sie, dass Ihr Schiff sinkt, oder ein anderes in der Nähe?"

"Das Schiff, in dem wir sind, unser Schiff!"

"Hallo? Sinkt das Schiff? Wie heisst es? Hallo?"

"Ja."

"Wie heisst es? Ich kann Sie direkt an die Küstenwache verbinden."

"Moment... Sewol, Sewol."

Gedenkwand mit Fotos der Sewol-Opfer (Reuters/Kim Hong-Ji)

Mitten aus dem Leben gerissen: Die große Mehrheit der über 300 Opfer waren Highschool-Schüler

Ein lautes, metallisches Kreischen im Theater macht deutlich, wie sich die Lage auf der havarierten Fähre dramatisch zuspitzt. Vor tösender und bedrohlich werdender Geräuschkulisse lesen die Schauspieler weiter aus den Gesprächen vom Unglückstag vor.

"Hey, wenn das Wasser reinkommt, müssen wir wirklich hier raus.

Halt dich an mir fest, falls es plötzlich wackelt.

Soll ich mal Mama anrufen?

Vielleicht zum letzten Mal.

Ihr, zieht euch die Rettungswesten an.

Der Reißverschluss geht nicht zu.

Zieh dir meine an.

Es gibt eine Rettungsweste zu wenig.

Nein, Papa, ich möchte nicht sterben."

Bis heute unvergessen

Der Untergang der Sewol sei zu einem Symbol für Wandel geworden, meint Kyungsung Lee. "Diese Tragödie steht stellvertretend dafür, dass die Gesellschaft sich ändern muss. Wir müssen für die nächsten Generationen über die Frage nachdenken, welche Werte wirklich zählen. So viele Schüler haben ihr Leben verloren – aufgrund eines Systems, das von den Älteren geschaffen wurde. So etwas darf nicht wieder passieren." Die Sewol-Katastrope sei letztendlich auch der Anfang vom Ende der damaligen Präsidentin Park Geun Hye gewesen, sagt der Künstler. "Sie geriet in der Folge stark unter Druck, es gab regelmäßig Demonstrationen. Ihr Niedergang begann mit dieser Geschichte."

Wrack der Fähre Sewol (Reuters/Yonhap)

Fast drei Jahre nach dem Unglück wurde das Wrack der Sewol im März 2017 schließlich geborgen - die Präsidentin hatte es den Angehörigen der Opfer versprochen

Die Geschichte von Schauspielerin Su-Yeon endet – eindringlich gespielt - auf der Bühne wie im echten Leben tragisch.  Ihr Vater stirbt schließlich an seiner Krebserkrankung. Und sie spricht auf der Bühne schonungslos über genau diesen Moment. "Ich weiß jetzt, warum die Koreaner, wenn jemand stirbt, sagen, dass er 'den Atem zurückgezogen' hat. Die letzte Atmung meines Vaters war das Einatmen. Er versuchte beim letzten Atmen, mühsam seinen Mund zu bewegen. Nach der Bewegung der Lippen und Zunge war es ein Versuch, etwas zu sagen, und zwar: 'Ich liebe dich'." Am liebsten hätte sie sich selbst ausgequetscht und alle Gefühle herausgepresst, sagt Su-Yeon.

"Zwischen dem toten Körper meines Vaters und den lebendig singenden Menschen wollte ich wie verrückt tanzen. Meinen ganzen Körper ausquetschend und auspressend... Zwischen den zum absehbaren Tod sinkenden Körpern und vom Tod weiter entfernten Körpern, irgendwo, wie verrückt..."Mit diesen Worten endet "Before After". Nacheinander sinken die sechs Schauspieler auf den Boden. Alle eng hintereinander auf der Seite. Es wirkt ein bisschen so, als lägen sie auf dem Grund des Meeres. So wie die Opfer des Fährunglücks.

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