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Deutschland

Panzer vor der Oper

Das Herz des 17. Juni 1953 schlug in Ost-Berlin. Aber in über 700 weiteren Städten und Gemeinden der DDR gab es Aufstände. Auch in Dresden trafen Panzer und Demonstranten aufeinander. Ein Zeitzeuge erinnert sich.

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Vor 50 Jahren stoppten Dresdner hier einen Panzer: Platz vor der Semperoper

Etwas angestrengt blickt Jan Smit auf die vier großen Straßen, die sich am Postplatz kreuzen und beobachtet die Automassen, die hektisch an ihm vorbeihuschen. Für den 74-Jährigen hat der Dresdner Postplatz eine besondere Bedeutung. Damals, am 17. Juni 1953, organisierten sich am Sachsenwerk Niedersedlitz im Norden der Stadt und am Funkwerk im Osten riesige Demonstrationszüge. Auf dem Weg ins Zentrum der Stadt schlossen sich immer mehr Betriebe an. Von Ost-Berlin hatte sich die Protestwelle über das ganze Land ausgebreitet. In über 700 Städten und Gemeinden der DDR gingen die Arbeiter auf die Straße. Auf dem Postplatz in Dresden standen mehr als 20.000 Menschen dicht gedrängt nebeneinander.

Teure Butter

Die Demonstranten forderten bessere Arbeits- und Lebensbedingungen im sozialistischen Mangelstaat. Jan Smit verdeutlicht die damalige Situation an zwei Beispielen: "Wir hatten kein Geld, das wir in die Ausrüstung der Betriebe investieren konnten. Man musste praktisch aus dem Nichts etwas schaffen." Auch die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln sei viel zu teuer gewesen. So habe ein Ingenieur einen Monatslohn von 325 Mark kommen. Aber ein Kilo Butter kostete stolze 50 Mark.

Randale verhindern

Jan Smit hatte die Proteste mitorganisiert. Der junge, hochgewachsene Elektrotechniker sollte darauf achten, dass es links und rechts der Straße keine Randale gab. Noch heute ist er beeindruckt vom Menschenauflauf auf dem Dresdener Postplatz: "Da waren solche Massen, dass man sich gar nicht mehr rühren konnte. Ich wurde gegen die Mauer von einer Gaststätte gepresst, so dass ich mich weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Es war eine einzige Menschenmasse."

Panzer eingekeilt

Auch die Kommandanten der sowjetischen Panzer schienen von dem Dresdner Bürgerprotest beeindruckt zu sein. Smit erinnert sich noch an eine Szene vor der berühmten Semper-Oper: Dort war auf einer Brücke ein Panzer der Russen von den Menschen regelrecht eingekeilt worden. Aber die Meute marschierte an dem Fahrzeug einfach vorbei. Smit ist sich sicher: "Diesen Menschenstrom hätte niemand aufhalten können, selbst wenn Elefanten da gestanden hätten. Die hätte man dann zur Seite gedrückt."

Angst vor der Anklage

Und doch waren die Panzer mit ihrer Bewaffnung den unbewaffneten Arbeitern überlegen. Im Vergleich zu Ost-Berlin hielten sie sich in Dresden aber zurück. Die Armeeführung verzichtete darauf, die Panzer gegen die Demonstranten einzusetzen. Dessen ungeachtet hätten die Sowjets die Organisatoren der Proteste finden und bestrafen wollen, erinnert sich Smit.

Am 18. Juni suchten sowjetische Soldaten und DDR-Volkspolizisten im Dresdner Funkwerk nach den Rädelsführern. Elitesoldaten hatten mit Maschinengewehren das ganze Gelände abgeriegelt. Doch Smit bekam früh genug eine anonyme Warnung - und konnte daher noch gerade rechtzeitig fliehen.

Unerträgliche Bedingungen

Wenige Tage später erwischte ihn die Volkspolizei aber in Chemnitz. Smit wurde in ein Dresdner Gefängnis gebracht. Hier teilte sich der 24-jährige Arbeiter in den ersten zwei Wochen Untersuchungshaft mit 13 anderen Häftlingen eine Zweimannzelle. Obwohl er mit dem Schlimmsten rechnete, kam er nach drei Wochen Haft wieder frei. Jan Smit hatte Glück. Die Gefängnisse waren nach dem Aufstand teilweise so stark überfüllt, dass viele Häftlinge wieder frei gelassen werden mussten.

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