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Kultur

Panik vor dem Turbo-Abi

Schneller Abi, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dachten sich die Erfinder des Modells "G8" - Abitur nach acht, statt neun Jahren. Darüber regen sich viele auf. Wie stressig ist es wirklich für die Schüler?

Mädchen macht Hausaufgaben (Foto: DW)

Der Gong schallt schrill durch die leeren Flure, die große Pause beginnt am Gymnasium Wüllenweber. Schlagartig füllen sich die kahlen Gänge, und die Schüler strömen aus dem tristen Betonklotz ins Freie. Auch Kathrin Schneider, sie ist 15 Jahre alt, besucht die neunte Klasse und gehört damit zum ersten Schülerjahrgang, der das Gymnasien nur acht statt neun Jahre lang besuchen wird. "In den neuen Büchern muss man direkt auf Anhieb alles verstehen", sagt sie. "Der Stoff wird durchgerattert und gar nicht mehr vertieft. Es ist ziemlich schwierig, in den Hauptfächern mitzukommen." Svenja Pack geht in Kathrins Klasse und sieht das Thema "G8" (kurz für "Gymnasium 8") etwas gelassener. "Ich habe gute Noten und komme auch mit den Hausaufgaben gut klar. Ich lasse die nächsten Jahre einfach auf mich zukommen. Es bringt ja nichts, sich jetzt schon den Kopf zu zerbrechen."

Diskussionen und Unsicherheit

So gelassen reagiert nicht jeder, denn was die Schüler erwarten wird, weiß niemand so genau. Die Lehrer sind teilweise ebenso verunsichert, das verursacht zusätzlichen Druck. Die Lehrpläne wurden umgestellt, es gab neue Bücher, die Arbeit damit ist nach jahrelanger Routine ungewohnt. Kritiker sagen, die Umstellung auf das System "G8" sei nicht gut vorbereitet worden, das Lehrpensum habe sich kaum verändert, so dass Lehrer und Schüler jetzt durch die Menge des Lehrstoffs ins Schleudern kommen. Was in anderen Ländern wie Frankreich oder Großbritannien schon seit Jahrzehnten zum Schulsystem gehört - Abi nach acht Jahren - sei in Deutschland im Hauruckverfahren nachgemacht worden, ohne sich damit wirklich auseinanderzusetzen.

Schüler zeigen im Unterricht auf (Foto: DW)

Kathrins Englischlehrer David Bähren sagt, dass ihm vor allem im Geschichtsunterricht auffällt, wie komprimiert jetzt unterrichtet wird. Dadurch komme man selten dazu, Details zu besprechen. In den Pausen ist das neue Schulsystem regelmäßig ein Gesprächsthema. Im kommenden Jahr beginnt für Kathrin und ihre Mitschüler die Oberstufe, in der sie nicht mehr im Klassenverband unterrichtet werden, sondern in Kursen, die sie nach einem bestimmten System wählen können. Welche Fächer hier man am besten nehmen soll, das hat auch schon die Schüler vor Kathrin beschäftigt. Allerdings kommt auf den ersten "G8"-Jahrgang eine sehr viel höhere Anzahl von Wochenstunden zu, als das bei bisherigen Oberstufen der Fall war. Im Schnitt werden es 34 Stunden pro Woche ab der zehnten Klasse sein, also fast täglich mindestens sieben Schulstunden.

Gute und weniger gute Schüler gab es auch schon vor "G8"

Bereits heute setzt sich Kathrin direkt an ihre Hausaufgaben, wenn sie nach Hause kommt, damit sie sich abends noch mit Freunden treffen kann. Das klappt trotzdem nicht immer, ihr Stundenplan ist straff, sie muss viele Hausaufgaben machen. "Das ist schon einiges, was ich heute zu tun habe. Vor allem in Mathe, das dauert dann schon mal zwei, drei Stunden. Ich nehme Nachhilfe und dann klappt es ganz gut." Ihre Mitschülerin Svenja hat dagegen keine Problemfächer, sie ist mit den Hausaufgaben meistens schnell fertig und schafft es dann auch noch, in ihrer Freizeit Fußball im Verein zu spielen und in einem Chor zu singen.

Schüler arbeiten im Unterricht (Foto: DW)

Das Problem liegt also nicht unbedingt bei "G8", sondern auch bei der individuellen Leistung der Schüler. Die Schlechteren können durch "G8" aber schneller auf der Strecke bleiben als bisher. Kathrins Vater steht der Umstellung deshalb kritisch gegenüber. "Chancen sehe ich da keine." Das Leistungsniveau sei überhöht, die Lernbelastung steige und er befürchte, dass der eine oder andere damit überfordert sei, das Abitur überhaupt zu schaffen.

War ja alles nur gut gemeint...

Es herrscht also eine gewisse Panik vor "G8". Eingeführt wurde das System, damit deutsche Schüler ein Jahr früher ins Berufsleben einsteigen können, so wie die Schüler in den meisten anderen europäischen Ländern. Die Schulabgänger sollen so international konkurrenzfähiger werden. Für die ersten "G8"-Abiturienten wird die Rechnung aber vielleicht noch nicht aufgehen. Gleichzeitig mit ihnen macht ja auch der letzte Jahrgang Abitur, der noch neun Jahre am Gymnasium verbringt. Mit der doppelten Anzahl an Schulabgängern wird dann die Suche nach einem Studien- oder Ausbildungsplatz deutlich schwerer werden.

Wie durchdacht das neue Schulmodell ist, kann sich also erst in der konkreten Umsetzung in den kommenden Jahren zeigen. Korrekturen sind allerdings noch notwendig. In anderen europäischen Ländern gibt es zum Beispiel deutlich mehr Ganztagsschulen als in Deutschland und somit auch eine bessere Betreuung für alle Schüler. Die Aufregung, die momentan bei Lehrern, Schülern und Eltern herrscht, resultiert aus der verständlichen Unsicherheit. Tatsache ist aber, dass man noch nicht sagen kann, ob wirklich alles in der erwarteten Katastrophe enden wird.

Autorin: Nina Treude

Redaktion: Marlis Schaum

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