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Palästinenser

Palästinenser im Hungerstreik

Der in Berlin lebende Palästinenser Firas Maraghy demonstriert mit einem Hungerstreik vor der israelischen Botschaft. Denn Israel will seine Tochter nicht in seine Papiere eintragen.

Der Palästinenser Firas Maraghy im Hungerstreik vor der Israelischen Botschaft in Berlin (Foto:DW/bma)

Der Palästinenser Firas Maraghy im Hungerstreik vor der Israelischen Botschaft in Berlin

Firas Maraghy ist ein hoch gewachsener, schlanker Mann mit einem schwarzen Bartschatten im schmalen Gesicht. Seit Montag(26.072010) ist er im Hungerstreik. Obwohl er sich seither nur von Wasser ernährt, wirkt er noch immer voller Energie und Tatkraft und ist bereit, seine Geschichte zu erzählen. Er sitzt auf einem Campingstuhl vor der Israelischen Botschaft in Berlin, neben sich ein Pappschild. Darauf hat er den Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geschrieben, in Englisch und in Deutsch. "Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren", steht darauf. Maraghys Problem ist: Sein Land ist nicht mehr sein eigenes.

Aufenthaltsgenehmigung auf Abruf

Hamas-Mitglied Muhammad Abu Tir (Foto:ap)

Auch Hamas-Mitglied Muhammad Abu Tir sollte Ostjerusalem verlassen

Denn der 37-Jährige kommt aus Ostjerusalem, das im Jahr 1967 von Israel erobert und annektiert wurde. Die Palästinenser, die im Ostteil der Stadt lebten, wurden jedoch sozusagen nicht mitannektiert. Sie erhielten von Israel zwar eine Aufenthaltsgenehmigung, die aber können sie jederzeit verlieren. Zum Beispiel, wenn sie ihre Stadt verlassen, um im Ausland zu studieren oder einer Arbeit nachzugehen. Oder wenn sie sich politisch betätigen, wie Muhammad Abu Tir, ein führender Hamas-Politiker, der bei den Wahlen im Jahr 2006 ins palästinensische Parlament gewählt wurde. Er wurde vor wenigen Tagen inhaftiert, weil er sich weigert, der Ausweisungsverfügung der israelischen Behörden nachzukommen und Jerusalem zu verlassen.

Kein Recht auf Rückkehr?

Die israelische Botschaft in Berlin (Foto:dpa)

Die israelische Botschaft in Berlin

Firas Maraghy ist kein Politiker und gehört nicht der Hamas an. Aber auch er befürchtet, seine Rechte in seiner Heimatstadt zu verlieren und nicht nach Hause zurückkehren zu können. Und dies, obwohl er erst seit knapp drei Jahren in Deutschland lebt. Im September 2007 kam er nach Berlin, um seine langjährige Freundin zu heiraten. Seine Frau ist Deutsche, die in Berlin ihr Studium beenden wollte und nun ihre Dissertation schreibt. Vor sieben Monaten bekam das Paar ein Kind. Doch als Maraghy seine Tochter bei der Israelischen Botschaft in seine Papiere eintragen und für sie Reisedokumente beantragen wollte, wurde er zurückgewiesen. Da die Mutter seines Kindes Deutsche sei, könne man ihr keine Dokumente ausstellen, so die Auskunft der israelischen Behörden. Ihm selbst hatte man bereits vor einem Jahr signalisiert, dass er seine Rechte in Ostjerusalem durch seinen Weggang verwirkt habe.

Seit Generationen in Jerusalem

Avigdor Lieberman (Foto:ap)

Avigdor Lieberman lebt seit 32 Jahren in Israel

Maraghy befürchtet nun, dass seine kleine Tochter in seiner Heimatstadt keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen wird und er sie im schlimmsten Fall nicht einmal mit nach Hause nehmen kann. "Meine Familie lebt seit Generationen in Jerusalem", sagt er. "Schon mein Großvater und mein Urgroßvater haben in der Stadt gelebt. Ich aber soll meine Rechte in meiner Heimat verlieren, nur weil ich in Deutschland geheiratet und hier ein Kind bekommen habe?"

Verärgert verweist Maraghy auf Israels Außenminister Avigdor Lieberman. Der wurde in Moldawien geboren und wanderte erst 1978 nach Israel ein. Bis heute ist sein Hebräisch von einem russischen Akzent gekennzeichnet. "Wieso hat ein Mann aus Moldawien in meinem Geburtsland mehr Rechte als ich, dessen Familie seit Jahrhunderten in Jerusalem lebt?" fragt der Palästinenser aus Ostjerusalem.

Doch Maraghy ist, wie die meisten palästinensischen Bewohner Ostjerusalems, staatenlos. Er hat zwar - noch - eine israelische Identitätskarte, die es ihm erlaubt, sich in Jerusalem und Israel frei zu bewegen und von Israel ausgestellte Reisedokumente, mit denen er das Land verlassen kann. Sollte ihm jedoch, wie angedroht, sein Aufenthaltsrecht in Jerusalem entzogen werden, kann er nicht mehr in seine Heimatstadt zurückkehren.

Gleiches Recht für alle?

Jüdischer Siedlungsbau in Ostjerusalem (Foto:ap)

Jüdischer Siedlungsbau in Ostjerusalem

Für den jungen Vater eine schreckliche Vorstellung. Er verlangt, genauso behandelt zu werden, wie Israelis, die im Ausland heiraten. Ihre Frauen bekommen in Israel unbeschränkte Aufenthaltsgenehmigung und die Kinder automatisch israelische Pässe. Maraghy ist kein Israeli und hat keinen Anspruch auf einen israelischen Pass. Aber er ist Jerusalemer und das will er auch bleiben. Und auch seine kleine Tochter soll Jerusalemerin sein. Sie soll in der Heimatstadt ihres Vaters uneingeschränkt leben dürfen.

Dieses Recht will er mit seinem Hungerstreik vor der Israelischen Botschaft durchsetzen. "Ich werde hier bleiben", sagt er und weist auf seinen Platz unter dem Baum gegenüber der Israelischen Botschaft im noblen Berliner Villenviertel Schmargendorf. "Und ich werde hier bleiben, bis ich mein Recht bekomme."

Die Chancen stehen jedoch nicht gut für den Palästinenser aus Ostjerusalem. Denn Israel setzt die Einschränkungen für die arabische Bevölkerung im Ostteil der Stadt seit Monaten rigoros um. So werden zum Beispiel Häuser von Palästinensern zerstört, während gleichzeitig die jüdischen Siedlungen erweitert werden. Nach Angaben des Jerusalemer Zentrums für soziale und wirtschaftliche Rechte (JCESR) hat die israelische Regierung allein von Januar 2009 bis Juni 2010 bereits 829 Palästinensern das Aufenthaltsrecht für Jerusalem entzogen.

Autorin: Bettina Marx
Redaktion: Thomas Latschan