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Europa

Pakistans Flutopfer brauchen weiter Hilfe

In Pakistan stehen vier Monate nach der Flutkatastrophe noch ganze Regionen unter Wasser, die Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Peter Zangl von der Europäischen Kommission hat das Land besucht.

Peter Zangl im Porträt (Foto: EU)

Peter Zangl macht sich in Pakistan ein Bild der Lage

DW-WORLD.DE: Sie haben sich die Regionen, die von der Flut in Pakistan betroffen waren, angeschaut - wie sieht es dort heute aus?

Peter Zangl: Es wäre unrealistisch, davon auszugehen, dass die Situation vier Monate nach der Katastrophe schon spürbar verbessert ist. 20 Millionen Menschen sind betroffen - das ist eine Menge, die hat man noch nie gesehen hat. Diesen Monat erhalten beispielsweise noch sieben Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe vom Welternährungsprogramm. Das ist ein Ausmaß der Katastrophe, da werden leider noch ein paar Monate ins Land gehen müssen, bevor spürbare Verbesserungen zu sehen sind. Das heißt aber nicht, dass nichts passieren würde.

Bei der Flutkatastrophe in Pakistan ist es wichtig zu unterscheiden: zwischen dem Norden, wo eine kurze aber sehr starke Flut war, und dem Süden, wo immense Flächen überflutet wurden. Im Norden haben wir drei Gruppen von Flüchtlingen: Die afghanischen Flüchtlinge sind schon über eine Generation da. Dann gibt es die konfliktbetroffenen Flüchtlinge aus dem Jahr 2009, die dort in Camps wohnen. Und wir haben die Flutopfer. Der Winter kommt im Norden jetzt schnell auf uns zu und es ist wichtig, dass möglichst viele Flutopfer, die zurückkehren möchten, das auch können. Natürlich unter vernünftigen Bedingungen: Sie brauchen zum Beispiel Nahrungsmittelhilfe, auch wenn sie wieder in ihrem Dorf sind, und Hilfe, um ihr Häuser wieder zu befestigen und vielleicht schon erste landwirtschaftliche Aktivität anzufangen. Dazu brauchen sie Saatgut und Geräte.

Wie sieht die Lage im Gegensatz dazu im Süden des Landes aus?

Überschwemmte Gebiete in Pakistan (Foto: AP)

Die Bauern können im Süden nicht auf ihre Felder

Im Süden ist im Gegensatz zum Norden die Überschwemmung noch da. Sie können oft noch nicht in die konstruktive Phase eintreten, weil die Leute einfach nicht auf ihre Felder und in die Dörfer zurückkehren können. Es stehen noch so große Flächen unter Wasser, dass die Leute am Straßenrand leben, weil die Straßen normalerweise höher gebaut sind als die Felder und deswegen die trockenen Gebiete sind. Diese Menschen haben nichts, kein Dach über dem Kopf. Dort geht es darum, diesen Leuten für die nächsten vier bis sechs Monate das Überleben zu ermöglichen. Das heißt, ihnen Nahrungsmittel, Wasser, Gesundheits- und Schuldienste zur Verfügung zu stellen, damit sie in einigermaßen akzeptablen Bedingungen leben können.

Im Norden wurde Saatgut verteilt, im Süden stehen die Felder noch unter Wasser - was bedeutet das für die nahe Zukunft in Pakistan?

Im Moment ist die Nahrungsmittelsicherheit bis Weihnachten gesichert und ich gehe davon aus, dass es auch in den ersten Monaten von 2011 da keine gravierenden Probleme gibt. Natürlich sind das Unmengen von Nahrungsmittelhilfen, die da geliefert werden müssen und insbesondere im Süden, wo ein Großteil der Infrastruktur zerstört wurde, ist das ein schwierige Aufgabe. Aber im Moment ist das gravierendste Problem nicht die Menge der verfügbaren Mittel.

Die EU leistet Hilfe im Gesamtwert von 415 Millionen Euro. Das hört sich viel an, aber wenn wir von 20 Millionen Betroffenen sprechen, wären das pro Kopf knapp 20 Euro an Hilfsleistungen. Kann man von einer nachhaltigen Hilfe sprechen?

415 Millionen Euro auf EU-Ebene, davon 150 Millionen Euro von der Kommmission - das ist ein immenser Betrag im humanitäre Hilfe-Standard. Es ist schwierig zu sagen, wie viel das pro Kopf ist. Wir helfen auch nicht jedem. Wir definieren kohärente Pakete von Hilfen, die einer Gruppe von Personen zu Gute kommen, damit wir uns nicht verzetteln, und andere übernehmen dann andere Teile. Und beim Ausmaß der Krise ist davon auszugehen, dass nicht alle vernünftig versorgt werden. Zum Vergleich: Für Haiti haben wir 120 Millionen zur Verfügung gestellt und umgesetzt.

Wie können Sie in Pakistan sicherstellen, dass die Hilfen da ankommen, wo sie benötigt werden?

Menschen bekommen Hilfsgüter (Foto: AP)

Nach der Nothilfe will die EU weitere Gelder zur Verfügung stellen

Wir arbeiten ausschließlich mit erfahrenen Partnern zusammen: mit den UN-Agenturen, der Rotkreuzfamilie und ungefähr 200 Nichtregierungsorganisationen, mit denen wir langfristige Abkommen haben. Die können wiederum mit lokalen Organisationen zusammenarbeiten, wenn sie es für gut und hilfreich halten, damit die Hilfe effizient geleistet wird. Wir benutzen nie Regierungsstellen, um die Hilfe umzusetzen. In den Regionen überprüfen wir auch bei den Empfängern, was sie bekommen, wer es ihnen gegeben hat und unter welchen Bedingungen. Wir überwachen also die korrekte Umsetzung der Hilfe. Und die 150 Millionen Euro von der Kommission werden alle bis zum Jahresende umgesetzt. Das sind keine Versprechen, das ist richtiges Geld, das hier tagtäglich umgesetzt wird.

Sie sprechen über die Hilfe für die nächsten Monate - was tut die EU-Kommission, um Pakistan langfristig zu unterstützen?

Was ich angesprochen habe, ist nur die kurzfristige humanitäre Hilfe. Das ist eine Notreaktion auf eine riesige Katastrophe. Darüber hinaus bereitet die EU eine Hilfe von ungefähr 100 Millionen Euro vor, die hoffentlich noch dieses Jahr auf den Weg gebracht wird. Das ist eine Hilfe, die darauf abzielt, unmittelbar an unsere humanitäre Nothilfe anzuknüpfen. Diese Mittel greifen strukturierter und flächendeckender, als wir es leisten können. Damit sollen Probleme der Rehabilitation gelöst werden: Häuser und Geräte sollen so repariert werden, dass man sie wieder benutzen kann - das sind die Zwischenlösungen vor dem eigentlichen Wiederaufbau, die einem erlauben, vernünftig zu leben. Die EU-Kommission plant eine Kontinuität in den Maßnahmen, damit der positive Effekt der Hilfen, die wir leisten, nicht verpufft.

Peter Zangl ist Generaldirektor für Humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission (ECHO) und zurzeit in Pakistan unterwegs.

Das Interview führte Mirjam Gehrke.
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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