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Asien

Pakistans Anti-Terror-Strategie in der Kritik

Das Geiseldrama an einer Schule in Peschawar wirft ein schlechtes Licht auf die Anti-Terror-Strategie des Landes. Experten bezeichnen den Kurs der Regierung als gescheitert.

Seit Monaten weisen der pakistanische Armeechef Raheel Rharif und andere Militärs immer wieder darauf hin, wie erfolgreich die sogenannte

Operation "Zarb-e-Azb"

gegen die Taliban in den nordwestlichen Grenzgebieten zu Afghanistan verlaufe und wie erfolgreich die Armee Stellungen der Extremisten zerstöre. Doch der Angriff am Dienstag (16.12.) auf die Militärschule von Peschawar, Hauptstadt der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa, erzählt eine ganz andere Geschichte.

Schon während des blutigen Geiseldramas übernahm die extremistische Bewegung TTP die Verantwortung für die Attacke. Die Abkürzung steht für

Tehrik-e-Taliban

. Unter diesem Namen haben sich mindestens ein Dutzend militante Gruppen zusammengetan, die Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida haben sollen. "Dieser Angriff ist eine Antwort auf die andauernde Militäroffensive in den Stammesgebieten, auf die Ermordung von Taliban-Kämpfern und den Schmerz ihrer Familien", sagte TTP-Sprecher Muhammad Khorasani der Nachrichtenagentur AFP.

Regierungschef spricht von "nationaler Tragödie"

Nach Angaben von Polizeioffizier Javed Khan stürmten die bewaffneten Angreifer am Morgen die

Schule

und begannen, wahllos um sich zu schießen. Die Armee sei schnell zur Stelle gewesen und hätte sich Feuergefechte mit den Attentätern geliefert. "Unter den Angreifern waren auch Selbstmordattentäter. Die Killer hatten den Auftrag, auf ältere Schüler zu schießen, nicht aber auf Kinder", so TTP-Sprecher Khorasani.

Nach offiziellen Angaben wurden bei dem blutigen Geiseldrama mindestens 130 Menschen getötet, die meisten davon Kinder und Jugendliche. Etwa 130 weitere Menschen wurden verletzt. Nach Informationen von Shakoor Rahim, DW-Korrespondent in Islamabad, hätten die Täter weiße Kleidung getragen und Arabisch gesprochen.

Hamid: Peshawar von den Stammesgebieten leicht zugänglich. (Grafik: DW)

Hamid: Peshawar von den Stammesgebieten leicht zugänglich

Die Schule sei ein sogenanntes "weiches Anschlagsziel" gewesen, das aber in direkter Verbindung zur pakistanischen Armee stünde, so Omar Hamid, Asien-Pazifik-Experte am Londoner Think Tank IHS, gegenüber der Deutschen Welle.

Starke Präsenz der Militanten

Maqsood Ahmad Jan, ein Beobachter in der Stadt Charsadda unweit von Peschawar, berichtete der Deutschen Welle, dass die TPP weiterhin in der Lage sei, große Anschläge zu verüben. "Ich glaube nicht, dass man diese Islamisten nur durch Militäraktionen aus der Region vertreiben kann. Die Taliban wechseln ständig ihr Versteck", sagte Jan.

Seit die pakistanische Armee ihre Offensive gegen die Extremisten in der Unruheregion Nord-Waziristan startete, wurden weniger Anschläge gemeldet. Circa 1.100 Taliban-Kämpfer seien in den vergangenen sechs Monaten ums Leben gekommen, hieß es aus Islamabad. Die Taliban könnten so keine größeren Anschläge verüben.

"Die TTP wurde zwar geschwächt, kann aber immer noch Attentate organisieren. Es wäre für sie vielleicht schwerer, einen Angriff fern ihrer Kerngebiete zu starten, wie zum Beispiel in der ostpakistanischen Provinz Punjab. Aber Peschawar ist von den Stammesgebieten aus leicht zugänglich," so Hamid.

Irfan Haider, Journalist für die pakistanische Zeitung Dawn in Islamabad, glaubt, dass die Militäraktionen in Nord-Waziristan nicht so effektiv verlaufen seien wie öffentlich dargestellt. Als Grund vermutet er die mangelnde Koordination zwischen dem zivilen und dem militärischen Geheimdienst.

"Die militanten Organisationen verstecken sich hinter unterschiedliche Bezeichnungen. Dies erschwert die Bekämpfung durch die pakistanische Bundes- und die Provinzregierung", sagt Haider der DW.

Dennoch glaubt der pakistanische Analyst Abdul Agha, dass das Militär für die starke Präsenz der TTP mitverantwortlich sei. "Sie unterstützen und fördern viele militante Gruppen. Das Ergebnis ist nun, dass die Extremisten doch sehr aktiv sind."

"Die Regierung bekämpft nur die Gruppen, die sich gegen den Staat richten oder die mit deren Afghanistan-Politik nicht einverstanden sind. Pakistan will nur einige von ihnen vernichten und einige behalten, für die Zukunft", so Haider weiter.

Politisches Ablenkungsmanöver

Mehr als 130 Tote und weitere 130 Verletzte, die meisten davon sind Kinder. (Foto: Reuters)

Mehr als 130 Tote und weitere 130 Verletzte, die meisten davon sind Kinder

Pakistan-Experte Jan kritisierte die Provinzregierung unter der Führung der Pakistanischen Bewegung für Gerechtigkeit (PTI), der Nähe zum Islamismus vorgeworfen wird. "Der PTI-Vorsitzende Imran Khan hatte eine innerliche Zuneigung zu den Taliban. Der Provinzregierung war es nicht gelungen, Menschen vor den Islamisten zu schützen. Der Anschlag auf die Schule ist ein klarer Beweis."

Seit August gingen landesweit die PTI-Anhänger auf die Straßen, um gegen die Zentralregierung unter Nawaz Sharif zu protestieren, der nach den umstrittenen Parlamentswahlen 2013 zum Ministerpräsident gewählt wurde. Experten schätzen, dass sich Sharif nur noch um politische Machtkämpfe mit anderen Parteien kümmere. Der Kampf gegen den Terror interessiere ihn wenig.

"Dass die PTI mit den Taliban sympathisiert, ist kein Geheimnis", sagte Khayyam Mushir, politischer Beobachter in Islamabad, "sie hatten die Militäraktionen gegen die Extremisten ständig als amerikanische Einmischung kritisiert." Die anhaltenden Demonstrationen hielten Premierminister Sharif davon ab, sich im Kampf gegen den Terror zu positionieren.

Keine Veränderung in Sicht

Beobachter: Terrorbekämpfung interessiert den Ministerpräsident Nawaz Sharif wenig. (Foto: AP)

Beobachter: Terrorbekämpfung interessiert den Ministerpräsident Nawaz Sharif wenig

"In der Vergangenheit hatte das Militär mehrere Offensiven gegen die Taliban unternommen. Aber wir wissen auch, dass die Militanten immer noch ihr Unwesen im Lande treiben“, sagt Agha. Eine klare Strategie, alle terroristischen Organisationen vollständig auszurotten, liege nicht vor. Viele Menschen in Pakistan glauben, dass die islamistischen Extremisten wichtige Verbündete im Staat haben.

Die pakistanische Zentralregierung bräuchte die Islamisten für Afghanistan, so die Beobachter, vor allem nach dem vollständigen Truppenabzug der NATO, der für Ende 2014 geplant ist. Die pakistanische Armee will die Einflüsse auf die afghanische Regierung wieder herstellen, genau wie vor dem Sturz der Taliban-Regierung in Afghanistan durch die US-Streitkräfte 2001.

IHS-Experte Hamid glaubt, dass die TPP-Problematik im Zusammenhang mit Afghanistan betrachtet werden muss. Islamabad könnte zum Beispiel die USA und Afghanistan auffordern, gegen die Extremisten im Osten Afghanistans vorzugehen. Als Gegenleistung würde die pakistanische Regierung das Friedensgespräch zwischen Kabul und den afghanischen Taliban unterstützen.