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Asien

Pakistan und die Angst der Frauen

Die Taliban in Pakistan wollen genauso wie ihre afghanischen Gesinnungsgenossen einen fundamentalistischen Gottesstaat auf der Basis der Scharia errichten. Viele Frauen haben Angst vor der "Talibanisierung" ihres Landes.

Burka (Foto: DW)

Bald unsichtbar?

Nach dem umstrittenen Sturm der Roten Moschee in Islamabad im Sommer 2007 ist es den Taliban gelungen, in immer mehr Distrikten, vor allem im Nordwesten des Landes, Fuß zu fassen. Politik und Militär haben lange weggeschaut. Man schloss sogar Friedensabkommen mit radikalen Taliban-Führern wie Mullah Fazlullah aus dem Swat-Tal. Es dauerte bis Ende April dieses Jahres, bis sich Politik und Militär zu einer Großoffensive gegen die radikalen Islamisten entschlossen. Die Militäroperation begann im Nordwesten Pakistans und hat sich inzwischen auf die Stammesgebiete an der pakistanisch-afghanischen Grenze verlagert.

Blutige Rache

Die Taliban rächen sich mit Bombenanschlägen und Selbstmordattentaten in den großen urbanen Zentren. Islamabad, Lahore, Karachi, Peschawar - keine dieser Städte ist verschont geblieben.

Frauen in Burka (Foto: DW)

Viele Frauen haben Angst davor, sich frei zu bewegen

Das hat dafür gesorgt, dass die Stimmung in der Bevölkerung gekippt ist. Die große Mehrheit der Pakistaner empfindet die Gewalt der Taliban nicht mehr als legitimen Kampf für die eigene Religion und gegen eine Unterdrückung von außen, sondern als Bedrohung der eigenen Existenz. In Peschawar, der Hauptstadt der Nordwest-Grenzprovinz, wagten sich viele Frauen nicht mehr auf die großen öffentlichen Plätze, berichtet die Journalistik-Professorin Shah Jehan: "Die Frauen fühlen sich nicht mehr so frei wie noch vor einigen Monaten. Sie fühlen sich bedroht, direkt oder indirekt, das ist eine psychologische Sache. Sie bewegen sich nicht mehr frei. Der Angst-Faktor hat die ganze Gesellschaft beeinflusst."

Anschlag auf Luxushotel in Pakistan (Foto: dpa)

Juni 2009: Anschlag auf das Hotel Pearl Continental in Peschawar

Vertreter der Taliban sehen das anders. "Die Taliban tun nichts Verwerfliches, wenn sie versuchen, eine islamische Gesellschaftsordnung durchzusetzen", erklärte der Geistliche Maulana Abdul Aziz kürzlich gegenüber der 'Neuen Zürcher Zeitung' aus der Schweiz. "Wenn wir im ganzen Land die Scharia einführen, wird Gerechtigkeit und Frieden herrschen, und das Problem der Selbstmordattentate wird sich von selbst lösen."

Die Angst der Frauen

Vor allem die Frauen in den größeren Städten Pakistans haben Angst vor der fundamentalistischen Auslegung des islamischen Rechts. Sie befürchten, dass sie ein Leben innerhalb der eigenen vier Wände fristen und sich bei den wenigen Berührungspunkten mit der Öffentlichkeit komplett verhüllen müssten. Viele Frauen fühlen sich schon jetzt durch die wachsende Präsenz der Taliban in ihrem Lebensstil eingeschränkt. Die Journalistin Urooj Raza Sayyami aus Karachi wurde vor kurzem von zwei Religionsschülern auf der Straße gestoppt: "Einer von ihnen kam auf die Fahrerseite meines Autos und sagte 'Du sollst Gott fürchten'. Ich hatte einfach nur Angst, dass sie mich erschießen könnten und was als nächstes mit mir passieren würde." Für die Journalistin war das nach eigenen Angaben eine schockierende Erfahrung. "Früher hat sich niemand in unsere Aktivitäten eingemischt." Aber nun gebe es "einige alarmierende Anzeichen", dass sich die Situation langsam verändere.

Zivilcourage ist gefährlich

Auch die Medien bekommen den Druck der "Talibanisierung" des Alltags zu spüren. Wenn Journalisten über Menschenrechtsverletzungen wie öffentliche Hinrichtungen und Auspeitschungen berichten, bekommen sie Todesdrohungen von den selbst ernannten Gotteskriegern.

Taliban in Pakistan (Foto: AP)

Pakistanische Taliban

Eine Dokumentarfilmerin, die aus Angst anonym bleiben möchte, musste mit ihrer Familie ihr Zuhause aufgeben, ihre Kinder aus der Schule nehmen und wegziehen. Die Frau ruft trotzdem zur Zivilcourage auf: "Es ist sehr wichtig für die Menschen in Pakistan, dass sie zusammenstehen und sich gemeinsam gegen diese Gräuel aussprechen, von denen wir alle wissen, dass sie stattfinden. Wenn wir nicht den Mut haben, das, was passiert, zu verdammen, wird es unsere Leben beschädigen und zerstören."

Nach Meinung der Aktivistin Anis Haroon, die seit über drei Jahrzehnten für die Rechte der pakistanischen Frauen kämpft, haben vor allem die Frauen in den Großstädten viel erreicht. Es gebe Juristinnen, Ärztinnen, Lehrerinnen, Journalistinnen und Geschäftsführerinnen. Sie alle, davon ist Anis Haroon überzeugt, "werden ihren modernen, westlichen Lebensstil nicht aufgeben." Der Platz von Frauen sei überall. "Und wir werden keine Lebensbedingungen zulassen, die vorsehen, dass Frauen sich den Männern unterwerfen oder im Haus bleiben müssen."

Die radikal-islamischen Taliban haben sich in den 90er Jahren in den paschtunischen Stammesgebieten an der pakistanisch-afghanischen Grenze formiert. Der Geheimdienst und das Militär Pakistans haben die Bewegung der "Religionsschüler" von Anfang an aktiv unterstützt und gefördert. Inzwischen sind die Taliban aber längst kein afghanisches Phänomen mehr, es gibt vielmehr eine eigenständige Bewegung in Pakistan, die eine ernste Bedrohung für die islamische Republik ist.

Autorin: Ana Lehmann

Redaktion: Sandra Petersmann