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Asien

Pakistan nach Peschawar: Mehr Militär

141 Menschen starben beim Taliban-Angriff auf eine Schule in Peschawar vor einem Jahr. Die Hinterbliebenen der Opfer warten bis heute auf Gerechtigkeit. Profitiert hat vor allem eine Gruppe, sagen Experten.

"Ich werde diesen Tag niemals vergessen können. Wir sind immer noch traumatisiert. Überall lagen Leichen auf dem Boden", erinnert sich Zakariya Aijaz, ein Schüler der von der pakistanischen Armee betriebenen öffentlichen Schule, die die Taliban am 16. Dezember 2014 angegriffen hatten. "Ich hatte Glück, habe das Massaker überlebt, aber mein Bruder wurde getötet", berichtet er der DW.

141 Menschen starben bei der Bluttat vor einem Jahr. Es war einer der schlimmsten Terroranschläge in der Geschichte des südasiatischen Landes. Nach dem Sturm der Schule hatten die Angreifer sofort das Feuer auf die Kinder und Jugendlichen eröffnet, Hunderte Schüler und ihre Lehrer saßen stundenlang als Geiseln fest, bevor die Polizei das Gelände stürmte. Die pakistanischen Taliban übernahmen die Verantwortung. Die Tat sei eine Antwort auf die sogenannte Zarb-e-Azb-Offensive der Armee gegen aufständische Gruppen, hieß es.

"Sie haben elf Mal auf meinen Sohn geschossen. Was hat er verbrochen?", fragt Mian Aijaz, der Vater von Zakariya und seinem getöteten Bruder Shehzad mit gebrochener Stimme. "Wie soll ich jemals wieder Frieden finden im Leben? Es ist mir egal, was die Regierung getan hat, um die Täter zu bestrafen. Meinen Sohn bringt das nicht zurück."

Enttäuschung über die Maßnahmen der Regierung

Mutter und Schwester des getöteten Mubeen Shah mit Fotos des Sohnes und Bruders (Foto: DW/F. Khan )

Nur Fotos sind den Hinterbliebenen von Mubeen Shah geblieben

Die Familien der Opfer sind nicht zufrieden mit dem, was die pakistanische Regierung nach dem Anschlag getan hat. Sie habe nur halbherzige Schritte eingeleitet, um den Terrorismus zu bekämpfen, sagen sie. Und die Drahtzieher des Massakers seien noch immer auf freiem Fuß. Faridullah Khan, DW-Korrespondent in Peschawar berichtet gegenüber der DW, dass die Eltern der getöteten Schüler sich zu einem Boykott sämtlicher von der Regierung organisierter Gedenkveranstaltungen anlässlich des ersten Jahrestags der Tragödie entschlossen hätten.

"Uns wurde gesagt, dass Premierminister Nawaz Sharif uns am 16. Dezember treffen möchte. Ist es nicht traurig, dass ihm das erst jetzt, ein Jahr danach, klar wird? Dass er uns einen Besuch abstatten sollte?", fragt Zahoor Ahmed. Auch er hat bei dem Anschlag ein Kind verloren. "Die von der Armee betriebene Schule befindet sich in einer der sichersten Gegenden von Peschawar. Überall auf dem Militärgelände sind Soldaten. Wie konnte es den Terroristen da gelingen, einen derart großangelegten Anschlag durchzuführen?", will eine Mutter wissen. "Wenn mein Sohn in so einer militärisch abgesicherten Umgebung nicht sicher ist, dann ist niemand im ganzen Land mehr sicher."

Zahoor Ahmed ist überzeugt, dass der Terroranschlag von Peschawar nicht ohne die Unterstützung oder die stillschweigende Duldung einiger Sicherheitsleute möglich gewesen wäre: "Die Regierung sollte auch die Komplizen und Unterstützer der Täter zur Rechenschaft ziehen", fordert er.

Ein pakistanischer Soldat in der Schule, der Boden bedeckt mit Papieren, an den Wänden Einschusslöcher (Foto: AFP/Getty Images/A Majeed)

Die Schule am Tag nach dem Angriff: Ein Bild des Grauens

"Ausländische Kräfte" wie immer schuld

Viele Pakistaner forderten nach dem Anschlag von ihrer Regierung ein hartes und entschiedenes Durchgreifen gegenüber sämtlichen islamistischen Gruppen im Land, um das Problem ein für allemal zu lösen. Viele hofften auch darauf, dass die Ereignisse von Peschawar von den Behörden als Gelegenheit genutzt würde, um die seit Jahrzehnten gültige Sicherheitspolitik des Landes auf den Prüfstand zu stellen. Die Regierung in Islamabad allerdings schob die Schuld an dem Anschlag auf "externe Elemente".

Konservative Kommentatoren, religiöse Parteien und der gesamte Sicherheitsapparat suchten sehr schnell die Schuld für den Anschlag in Kabul oder Neu-Delhi. "Die Überzeugung, dass der indische Geheimdienst dahinter steckt, ist nicht nur unter unseren politischen Entscheidern weit verbreitet, sondern auch in der Bevölkerung" sagt Zeenia Shaukat, Aktivistin für Arbeiterrechte in Karatschi. "Leider fördern auch unsere Medien diese Sicht", fügt sie hinzu.

Armeechef Raheel Sharif (l.) und Premierminister Nawaz Sharif (Foto: picture alliance/Photoshot )

Nach Ansicht von Experten hat die pakistanische Armee den Anschlag für eigene Ziele genutzt

Militär als Hüter der Sicherheit "schädlich"

Experten werfen dem pakistanischen Militär vor, die Ereignisse von Peschawar nur dafür benutzt zu haben, ihren politischen Einfluss im Land zu vergrößern, anstatt die Schuldigen zu bestrafen und die Taliban zu verfolgen. Die Armee habe ein Parallel-Rechtssystem im Land erschaffen, weil Militärgerichte nach dem Anschlag auch Anklagen gegen Zivilisten verhandeln durften. Mit der Begründung, das zivile Rechtsystem sei nicht in der Lage, Terrorismus-Fälle kompetent zu behandeln.

Im Zuge des Terrorangriffs auf die Schule wurde auch ein seit sieben Jahren geltendes Moratorium aufgehoben, nach dem die Vollstreckung der Todesstrafe ausgesetzt war. Zurzeit warten nach Angaben von Amnesty International mehr als 8000 Pakistaner in den Todeszellen des Landes auf ihre Hinrichtung, darunter auch Jugendliche.

Nach den Anschlägen von Peschawar wurde in Pakistan ein Nationaler Aktionsplan vorgestellt, mit dem die Rolle der Armee in Sicherheitsfragen weiter gestärkt wurde. "Die Militarisierung der Anti-Terror-Politik gefährdet Pakistans Weg hin zu einem zivil geführten Land", so die Einschätzung der International Crisis Group (ICG). "Der Nationale Aktionsplan wirkt weniger wie eine schlüssige Strategie als vielmehr wie eine hastig zusammengestellte Wunschliste, um den Bedürfnissen der Öffentlichkeit in einer Notsituation nachzukommen", heißt es in dem ICG-Bericht weiter. Premierminister Sharif solle die Angelegenheit in die eigenen Hände nehmen und die Anti-Terror-Strategie demokratisieren, um "die überwiegend militärische Antwort durch eine ausgewogene und von zivilen Exekutivorganen und der Polizei geführten Anti-Terror-Strategie zu ersetzen".

Weitere Anschläge sind möglich

Betende Menschen bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 1. Jahrestages des Massakers von Peshawar (Foto: DW/F. Khan)

Ein Jahr nach den Anschlägen beherrscht Trauer den Alltag der Hinterbliebenen

"Die Taliban sind zwar geschwächt. Aber sie sind immer noch in der Lage, Anschläge wie den von Peschawar auszuführen", erklärt Omar Hamid, Asien-Experte beim Beratungsunternehmen IHS in London gegenüber der DW. "Es wäre schwieriger für sie, Anschläge in größerer Entfernung von ihrem üblichen Operationsgebiet durchzuführen, beispielsweis in der Provinz Punjab. Aber Peshawar ist für sie von den Stammesgebieten aus gut zu erreichen und stellt auch ein offensichtliches Ziel dar, weil die Armee-Einheiten, die die 'Zarb-e-Azb-Offensive' durchführt, dort stationiert sind"

Nach Ansicht des Experten Abdul Agha ist Pakistans mächtige Armee dafür verantwortlich, dass die Islamisten nach wie vor im Land so stark sind. "Das Militär unterstützt und fördert eine Reihe von militanten Gruppen", so Agha im Gespräch mit der DW. Die Regierung gehe nur gegen diejenigen militanten Gruppierungen vor, die sich gegen den Staat stellten und mit seiner langfristigen Afghanistan-Strategie nicht einverstanden seien. "Pakistan will manche extremistischen Gruppen ausschalten, sich aber andere für die Zukunft in Reserve halten."

Faridullah Khan aus Peschawar hat zu diesem Artikel beigetragen.