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Politik

Pakistan bricht das Tabu

Der "Vater" der pakistanischen Atombombe soll mit brisanten Informationen gehandelt haben. Er wurde als Regierungsberater entlassen. Doch Zweifel bleiben, ob Pakistan ernsthaft gegen das "Atom-Shopping" vorgeht.

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Abdul Qadeer Khan wurde bislang in Pakistan als Nationalheld angesehen

Abdul Qadeer Khan war am ersten Samstag dieses Jahres gut gelaunter Gastgeber einer gemütlichen Freundesrunde, als plötzlich Angehörige des Geheimdienstes auftauchten und einen der anwesenden Männer abführten: Major Islam ul-Haq, den Leiter des Nuklearforschungsinstituts in Kahuta. Gegündet hatte dieses Insitut einst Abdul Qadeer Khan - inzwischen trägt es seit 24 Jahren seinen Namen. Und Khans Name ist in Pakistan bestens bekannt: Er war bis zu seiner Enlassung am vergangenen Samstag (31.1.2004) Berater des Präsidenten für Wissenschaft und Technik und gilt als "Vater" der pakistanischen Atombombe.

Druck auf Musharraf

Nachdem ein Dutzend Atomwissenschaftler und Militärs in Gewahrsam genommen und verhört wurden, war Khan selbst ins Blickfeld der Ermittler geraten. Gegen den 67-jährigen Khan besteht nun der begründete Verdacht des Geheimnisverrats. Nach Regierungsangaben aus Islamabad hat er zugegeben, Libyen, Iran und Nordkorea mit Nuklearinformationen versorgt zu haben.

Nicht zuletzt der gestiegene Druck der USA auf Präsident Pervez Musharra, hatte dazu geführt, dass Khan ins Visier geriet. Im November 2003 hatte die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) Islamabad eine Liste von Personen übermittelt, die des Transfers von Nukleartechnik an Iran und Libyen verdächtigt werden. Nach Prüfung der Akten durch pakistanische Ermittler in Teheran, Tripolis und im Hauptquartier der IAEA in Wien musste Präsident Musharraf handeln.

Persönliche Gewinnsucht oder getarntes Staatsgeschäft?

Der Einstieg Khans in das Nuklearprogramm wird mit seiner Arbeit im britisch-niederländisch-deutschen Unternehmen Urenco im holländischen Almelo in den 1970er-Jahren in Verbindung gebracht: Böse Zungen behaupten, er habe von dort illegal Unterlagen zum Bau von Zentrifugen zur Umwandlung von Uran in waffenfähiges spaltbares Material nach Pakistan eingeschleust.

Hatf-III erfolgreich getestet

Hatf-III erfolgreich getestet

Seine Erfahrungen bildeten den Grundstock für das pakistanische Atomprogramm. So konnte Pakistan nur wenige Tage nach den Atomtests Indiens im Mai 1998 mit seinem Nachbarn gleichziehen. Die auffallend häufigen Reisen Khans nach Tripolis und Pjöngjang in den 1980er und 1990er Jahren und die frappierende Ähnlichkeit der nordkoreanischen Rakete vom Typ Nodong mit dem pakistanischen Modell nährten die Gerüchte über Khans "Atom-Shopping"-Programm.

Nationalstolz durch Waffenkraft

Unter dem Beweisdruck der IAEA und dem Druck der USA gestand Präsident Musharraf schließlich Verfehlungen einzelner pakistanischer Wissenschaftler ein. Man sei aber zu harten Strafen entschlossen. Bisher wurde allerdings nur auf schicksalhafte Vorgänge, auf Geldgier, Untreue, auf Kräfte der Unterwelt, auf eine internationale Schwarzmarkt-Mafia und gewisse Feinde des Staates verwiesen.

Washington wird sich wohl aus verschiedenen Gründen mit simplen Erklärungen zufrieden geben müssen, die weiter führende Fragen ausklammern: Pakistans Geschichte ist die endlose Geschichte der Dominanz des Militärs und das Militär ebnete den Weg in den Kreis der Atommächte. Und die Atombombe galt für alle Regierungen als Symbol der Stärke und Identität gegenüber dem indischen Nachbarn.

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf

Präsident Musharraf stand seinerzeit in vorderster Reihe der militärischen Kommandostruktur. Ob dort die Frage von Interesse war, wie denn das Atomforschungsinstitut von Kahuta so schnell in der Lage war, mit denkbar bescheidenen technologischen und finanziellen Voraussetzungen die ultimative Waffe zu entwickeln, wird wohl nicht geklärt werden.

Kritik an der Kritik

Nachdem Pakistan vom Quasi-Schurkenstaat zum Verbündeten der USA bei der Befriedung Afghanistans mutierte, kann Washington nun im Bewusstsein der neuen Rolle Pakistans nicht daran gelegen sein, Vergangenheitsbewältigung mit moralischem Fingerzeig auf Präsident Musharraf zu betreiben.

Ein weiterer Grund für mögliche Rücksichtnahmen: Für viele in Pakistan ist die Forderung nach Einhaltung der Richtlinien des Atomwaffensperrvertrags Rhetorik, denn weder Pakistan noch Indien sind dem Vertrag beigetreten. Man fragt sich dort: Wozu die Aufregung? Trotz aller Rivalität sehen Pakistan und Indien gleichermaßen ihr paritätisches nukleares Aufrüsten eher "sportlich fair". Insofern kann sich Pakistan in der Nuklearfrage der verbalen Enthaltsamkeit Indiens und auch Chinas sicher sein.

Schließlich, nachdem die Beweislage für die Massenvernichtungswaffen im Irak - einen der entscheidenden Interventionsgründe - zu bröckeln begann, sehen sich auch die Kritiker des amerikanischen Drucks auf Pakistan gestärkt. Immer häufiger wird nun die Frage nach dem Wert von Anschuldigungen gestellt, deren Beweise ausbleiben. All das stellt die Ensthaftigkeit der Suche nach denen in Frage, die das gefährliche Geschäft mit der Atombombe steuerten.

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