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Deutschland

Pöbeln am "Politischen Aschermittwoch"

Am Aschermittwoch wird der politische Gegner lächerlich gemacht: Plagiatsvorwürfe, Sexismus, Stasi-Verdacht. Sachthemen spielen bei der Veranstaltung eine geringe Rolle.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer trinkt beim Politischen Aschermittwoch der CSU (Foto: dpa)

Horst Seehofer

"Das Original" nennt die bayerische Christlich-Soziale Union (CSU) auf ihrer Webseite ihren Politischen Aschermittwoch. Tatsächlich gilt CSU-Legende Franz Josef Strauß als Vater der deftigen Stammtischrede. Doch gerade im Jahr der Bundestagswahl und der ebenfalls noch anstehenden Wahlen in den Bundesländern Bayern und Hessen wollen die anderen Parteien nicht zurückstehen.

Dass der Herausforderer, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), erstmals die größte Aschermittwochs-Veranstaltung haben könnte, schreckt die CSU von Ministerpräsident Horst Seehofer (im Artikelbild) nicht. Für sie sind alle anderen ohnehin nur Nachmacher: "Während andere in zugigen Zelten und größeren Hinterzimmern versuchen, den Politischen Aschermittwoch der CSU zu kopieren, trifft sich der größte politische Stammtisch der Welt in der (Passauer) Dreiländerhalle", so die Christsozialen.

Von bayerischen Vieh- und Pferdemärkten

Entstanden aus der Tradition der großen bayerischen Vieh- und Pferdemärkte schlug die Geburtsstunde des Politischen Aschermittwochs am 5. März 1919, als der Bayerische Bauernverband zur ersten "Großen Volksversammlung" einlud. In den Wirtshäusern wurde erregt politisch diskutiert. Wer am schärfsten über den jeweils Andersdenkenden herfiel, bekam den meisten Applaus von den zumeist gut angetrunkenen Zuhörern.

Franz Josef Strauß rügt einen Mitarbeiter (Foto: dpa)

1982: Bayerns damaliger Landesvater Franz Josef Strauß in Aktion

In den 1970er Jahren machte Franz Josef Strauß den Politischen Aschermittwoch richtig populär. Unter dem Gejohle seiner Anhänger hatte er Jahr für Jahr bis zu seinem Tod 1988 vor allem sozialdemokratische Politiker aufs Korn genommen und zum Teil bewusst beleidigt.

Den SPD-Politiker Egon Bahr, der unter Bundeskanzler Willy Brandt als "Architekt" der sogenannten Ostverträge galt, nannte er einmal einen "dilettantischen Amateur-Diplomaten", Brandt-Nachfolger Helmut Schmidt stufte er als Sicherheitsrisiko ersten Ranges ein - und Strauß krönte seine Rede mit dem berühmten bayerischen Bonmot: "Sozis hoaßen’s, Kommunisten san’s!" - was bayerisch ist für: "Sozialdemokraten nennen sie sich, Kommunisten sind sie."

Verbalattacken auch unter der Gürtellinie

Trachtler stoßen beim politischen Aschermittwoch der CSU in Passau an (Foto: dpa)

Wichtig beim Politischen Aschermittwoch: ausreichender "Bier-Input"

Bisweilen ging es auch buchstäblich unter die Gürtellinie: Unter dem Eindruck der Studentenunruhen 1968 hatte sich ein CSU-Bundestagsabgeordneter zu der Äußerung verstiegen, dass die SPD 1969 nur deshalb an die Macht gekommen sei, "weil wir die Ochsen zu spät kastriert haben". Es ging auch spielerischer. "Es stimmt nicht, dass ich jeden Tag zum Frühstück einen Sozi esse", rief Strauß den 7000 Zuschauern in Passau einmal zu, um dann unter dem Gejohle seiner Anhänger hinzuzufügen: "Ich esse nur, was ich mag."

War der Politische Aschermittwoch lange Zeit eine CSU-Domäne, zogen die Sozialdemokraten Mitte der 1960er Jahre mit einer eigenen Veranstaltung nach. Mittlerweile begehen auch die Grünen, die Liberalen (FDP) und die Mitglieder der Linkspartei dieses alljährliche Ritual. Auch außerhalb Bayerns haben die Aschermittwochs-Veranstaltungen Konjunktur. Die Attraktion des organisierten politischen Pöbelns ist ungebrochen - obwohl sich die Parteien programmatisch einander angenähert haben.

Mancher sehnt sich nach dem rauen Ton der Strauß-Zeit zurück und findet, dass die Auseinandersetzungen beim Politischen Aschermittwoch zu zahm geworden sind. Höchste Medienaufmerksamkeit ist dennoch Jahr für Jahr garantiert. Selbst wenn es, wie ein Beobachter einmal feststellte, nur noch um den "Bier-Input und den Schweiß-Output" gehe.

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