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Deutschland

Pädagoge: "Isolation ist keine Lösung"

Nach den Attentaten von Paris gelten Gefängnisse als Orte der Radikalisierung. Präventionsexperte Thomas Mücke spricht über gescheiterte Lebenswege, scheinbar einfache Lösungen und warum Ausschließen nicht funktioniert.

Deutsche Welle: Die Attentäter von Paris haben mit den Attentätern von Brüssel 2014 und Toulouse 2012 eines gemeinsam: Sie haben sich ganz wesentlich im Gefängnis radikalisiert. Sind auch deutsche Gefängnisse Orte möglicher Radikalisierung?

Thomas Mücke: Eine Radikalisierungsgefahr besteht immer. Denn dass diese jungen Menschen inhaftiert worden sind, ist ja eine Konsequenz daraus, dass ihr bisheriger Lebensweg gescheitert ist. Und dann sind sie auch anfällig für einfache Erklärungsansätze, nämlich: "Du bist inhaftiert, weil du in dieser Gesellschaft nicht akzeptiert wirst; weil Muslime in der ganzen Welt verfolgt werden." Und ein anderer Punkt kann auch sein: Weil sie bisher gescheitert sind, haben diese Jugendlichen die Sehnsucht, einer großen Sache anzugehören und einmal für einen Moment auf der Gewinnerseite zu sein.

Wenn wir uns mal anschauen, welche Menschen sich radikalisieren, dann können wir beobachten: Viele hatten vorher in ihrem Lebensverlauf mit dem allgemeinen kriminellen Milieu zu tun. Das kann man auch bei denen erkennen, die nach Syrien reisen. Da sind etliche, die vorher auch mal mit Gewaltdelikten, mit Eigentumsdelikten und Drogendelikten aufgefallen sind. Das heißt: Es kann schon vorher einen kriminellen Verlauf geben. Und deswegen sind präventive Angebote ganz wichtig, um in den Vollzugsanstalten mit den Jugendlichen zu arbeiten.

Unterscheidet sich denn die Radikalisierungsgefahr bei Islamisten grundsätzlich von der bei Rechtsextremen oder von verbrecherischen Karrieren etwa im Bereich der Organisierten Kriminalität?

Thomas Mücke, Mitbegründer und Geschäftsführer des Violation Prevention Networks. (Copyright: VPN/Klages)

Setzt sich für Prävention ein: Thomas Mücke

Es gibt da keine bedeutenden Unterscheidungsmerkmale. Wenn jemand im Strafvollzug ist, der eine extremistische Weltanschauung hat, dann ist er davon überzeugt. Und dann will er versuchen, weiter Anhänger und Unterstützer für seine Idee zu finden - und die wird er bei den Mitinsassen finden.

In Frankreich wird nach den jüngsten Attentaten unter anderem diskutiert, radikale Islamisten in der Haft zu isolieren. Wäre so ein Vorgehen mit dem Strafvollzug in Deutschland überhaupt vereinbar?

Ich glaube nicht. Da haben wir klare rechtliche Bestimmungen. Es macht auch keinen Sinn. Weil sie damit der Argumentation Vorschub leisten würden: Die Gefangenen werden isoliert, weil wir Angst haben, dass sie ihre Meinung öffentlich vertreten könnten. Dann kommen wieder diese Verschwörungstheorien hervor: Muslime werden weltweit verfolgt und man muss sie zum Schweigen bringen und man hält sie in Isolationshaft. Das macht keinen Sinn.

Wichtig ist: Wenn wir merken, dass Leute agitieren, dann müssen wir erst einmal auf diese Leute zugehen. Und denen Angebote machen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich würde das in Einzelgesprächen machen, damit sie keine Bühne haben. Entscheidend ist, dass die anderen Insassen sagen können: "Das ist nicht meine Sichtweise, ich habe was anderes gehört, ich habe eine andere Überzeugung." Das heißt: Wir müssen versuchen, mit Präventivangeboten zu erreichen, dass die Jugendlichen, die eine andere Überzeugung haben, dass die sagen: "Ich lass mich von euch Extremisten nicht instrumentalisieren."

Wie könnten solche Präventivangebote aussehen?

Neben allem, was die Anstalt ohnehin an Resozialisierungsmaßnahmen macht, braucht man auch ganz spezielle Präventionsangebote, die genau diese Themenbereiche aufgreifen, um die es geht und die mit diesen Jugendlichen bearbeitet werden. Das ist etwas, was wir in unserem Programm "Abschied von Hass und Gewalt - Verantwortung übernehmen" machen. Da ist es wichtig, dass wir Mitarbeiter haben mit muslimischer Identität, die genau diese Diskussionen führen können. Die Jugendlichen hören hier etwas anderes als das, was die Extremisten sagen. Und die Jugendlichen erfahren, dass Religion und Extremismus zwei sehr unterschiedliche Dinge sind.

Die Jugendlichen, die sich der neosalafistischen Szene anschließen, sind alle Dschihad-Konvertierte. Sie sind vorher religiös ungebildet, haben keine grundlegenden Kenntnisse über ihre eigenen religiösen Wurzeln und hören dann von den Extremisten das erste Mal, was angeblich der Islam ist. Das ist aber nicht der Islam. Und dann konvertieren die in dieses extremistische Gedankengut hinein.

Wichtig ist, dass wir hier deutlich machen: Das hat mit dem Islam nichts zu tun! Und dass wir die Frage stellen: "Warum sprechen euch die Extremisten an? Was haben die mit euch zu tun? In welcher Weise werdet ihr hier instrumentalisiert und missbraucht? Bis dahin, dass ihr als Kindersoldaten verheizt werdet."

Der Pädagoge und Politologe Thomas Mücke ist Gründer und Geschäftsführer des Violence Prevention Networks. Das bundesweit arbeitende Experten-Netzwerk berät gegen Radikalisierung Jugendlicher und setzt sich für die Präventionsarbeit mit jugendlichen Strafgefangenen ein.

Die Fragen stellte Mathias von Hein.

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