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Asien

Oxfam stellt Metro an den Pranger

Der deutsche Handelskonzern Metro verletzt Arbeitnehmerrechte und zerstört Einzelhandelsstrukturen in Indien, so der Vorwurf der Menschenrechtsorganisation Oxfam.

Cash and Carry-Shop der deutschen Metro-Gruppe

Fünf so genannte "Cash and Carry"-Shops hat Metro bislang in Indien aufgemacht

Handelskonzerns Metro in Pakistan Foto Günther Keiffenheim f. DW

Auch in Pakistan ist die Metro-Gruppe aktiv

Der indische Markt mit seiner wachsenden kaufkräftigen Mittelschicht wird zunehmend attraktiv für deutsche Handelsunternehmen. Der deutsche Handelskonzern Metro betreibt an fünf indischen Standorten so genannte "Cash and Carry"-Großhandelsmärkte und hat eine starke Marktposition aufgebaut. Doch dieser Erfolg hat eine Schattenseite: die Entwicklungsorganisation Oxfam wirft dem Düsseldorfer Unternehmen vor, Arbeiterrechte zu verletzen.

Eine kürzlich veröffentlichte Oxfam-Studie zitiert Mitarbeiter in indischen Metro Großhandelsmärkten, die sich über unbezahlte Überstunden beschweren: "Solange es Arbeit gibt, müssen wir bleiben. Zehn, zwölf, sechzehn Stunden. Überstunden werden nicht bezahlt, und meistens kann man sie auch nicht abfeiern." Gewerkschaftsmitglieder berichten von Diskriminierungen am Arbeitsplatz. Landarbeiter klagen über Löhne unter dem Existenzminimum.

Metro hat Sozialstandards festgelegt

"In Bezug auf soziale Verantwortung klafft bei der Metro Group eine erhebliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit", fasst Franziska Humbert, Referentin für soziale Unternehmensverantwortung bei Oxfam Deutschland, die Ergebnisse der Studie zusammen. Die Beschuldigungen wiegen umso schwerer, als sich das Unternehmen einen sozialen Verhaltenskodex auferlegt hat. Der lässt Gewerkschaften zu und ermöglicht den Bauern Preise über dem Marktniveau. Konzernsprecher Michael Inacker weist die Vorwürfe daher entschieden zurück. Er betont, dass Metro seine Lieferanten auf die strikte Einhaltung sozialer und ökologischer Standards festlege. Dazu gehöre auch, dass sie den von der indischen Regierung festgelegten Mindestlohn akzeptieren.

Landarbeiter liegen unter dem Mindestlohn

OXFAM Logo

Was jedoch die direkt angestellten Bauern an ihre Landarbeiter weitergeben, das könne Metro bei den vielen tausenden von beteiligten Betrieben nicht täglich überprüfen, schränkt Inacker ein. Doch genau da setzt die Kritik von Oxfam an. "Alle Mitarbeiter innerhalb der Lieferkette müssen den gesetzlichen Mindestlohn erhalten. Dafür trägt Metro die Verantwortung", betont Franziska Humbert.

Die Oxfam Studie belegt jedoch, dass das Einkommen der Landarbeiter im Obst- und Gemüseanbau oft nicht zum Leben ausreicht: "Landarbeiterinnen verdienen teilweise nur 85 Eurocent pro Tag. Das liegt unterhalb der zulässigen Grenze", berichtet Humbert. "Sie arbeiten für die Kleinbauern, gehören damit zur Metro-Lieferkette und haben laut deren Verhaltenskodex einen Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn. Insofern liegt hier ein Verstoß vor."

Einzelhandel sichert die Existenzgrundlage

Doch die Einhaltung der Arbeiterrechte ist nur ein Anliegen, das Oxfam bewegt. Die Hilfsorganisation fürchtet auch um die Existenz des Einzelhandels in Indien. Der Einzelhandel ist neben der Landwirtschaft der beschäftigungsintensivste Sektor des Landes. Rund 40 Millionen Menschen verdienen als Straßenverkäufer, Kleinhändler oder Besitzer kleiner "Tante-Emma-Läden" - genannt "Kirana" - ihren Lebensunterhalt.

Der per Gesetz regulierte Obst- und Gemüsehandel setzte bisher die Preise nach Angebot und Nachfrage fest und garantierte einen Mindestpreis. "Dieses System war für viele Menschen eine Art soziales Sicherheitsnetz", sagt Dharmendra Kumar, Direktor des regierungsunabhängigen Verbandes von India FDI Watch, der gegen ausländische Direktinvestitionen kämpft.

Monopolstellung ist im Sozialgefüge riskant

Landarbeiter in Indien (Foto:ap)

Landarbeiter in Indien

Doch dies gilt heute nicht mehr überall. In den Bundesstaaten, wo Metro aktiv ist, macht eine Markt-Liberalisierung es nun möglich, die Zwischenhändler zu übergehen. "Das neue Gesetz erlaubt Metro, direkt bei den Bauern zu kaufen. Die Regulierung fällt weg, und das bereitet uns Sorgen", sagt Dharmendra Kumar.

Er fürchtet, dass der deutsche Handelskonzern langfristig eine Monopolstellung erlangen und den Bauern die Preise diktieren könnte. Millionen der einkommensschwachen Kleinbauern und Kleinhändler würden ihre Existenzgrundlage verlieren, meint Kumar. Seine Vision: "Da es keine andern sozialen Sicherheitsnetze oder Beschäftigungschancen für sie gibt, steuern wir dann auf eine soziale Katastrophe zu."

Deutsche Entwicklungshilfe im Interesse der Industrie?

Metro betrachtet sich als enger Partner und Förderer der indischen Kleinbauern. Zusammen mit der staatlichen Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG bot das Unternehmen seinen Zulieferern Schulungsmaßnahmen vor Ort an. Dieses privatwirtschaftliche Engagement der deutschen Entwicklungshilfe hat zu dem Vorwurf geführt, die Entwicklungspolitik diene in erster Linie den Interessen der deutschen Wirtschaft. DEG-Abteilungsdirektor Hans Joachim Hebgen hält dagegen: "Im Rahmen des Projektes haben wir die Metro bei ihren unternehmerischen Zielen begleitet, aber die unmittelbare Unterstützung im Projekt floss den beteiligten Schafzüchtern und Fischern zu."

Die soziale Verantwortung müsse weit über einen unternehmerischen Sozialkodex hinaus gehen, mahnen Aktivisten. Die wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte verlangen eine andere weitergehende Verantwortung der Akteure. Menschenrechtsorganisationen sind sich daher einig: Nur wenn die ausländischen Unternehmen die Existenzgrundlagen der Menschen in Indien überzeugend schützen und faire Bezahlung innerhalb der gesamten Lieferkette garantieren, dürfe sie von der offiziellen staatlichen Entwicklungshilfe unterstützt werden. Das aber sei bei Metro nicht der Fall.

Autorin: Ana Lehmann
Redaktion: Esther Broders