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Armut und Reichtum

Oxfam prangert globale Ungleichheit an

Acht Männer besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, sagt die Hilfsorganisation Oxfam. Eine griffige Zahl, die allerdings stark angezweifelt wird.

Einen Tag vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos, wo sich wieder die Reichen und die Mächtigen treffen, hat die internationale Entwicklungsorganisation Oxfam die weltweite soziale Ungleichheit angeprangert. Sie sei weitaus dramatischer als bisher angenommen, heißt es in der an diesem Montag veröffentlichen Studie "An Economy for the 99 Percent".

Nur noch acht Superreiche, so das Fazit der Studie, besitzen zusammengenommen 426 Milliarden US-Dollar und damit mehr als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt der Studie zufolge 50,8 Prozent des weltweiten Vermögens - und damit mehr als die restlichen 99 Prozent zusammen.

"In diesem Jahr arbeiten wir mit neuen Vermögensdaten der Credit Suisse, insbesondere aus China und Indien", schreibt Nikolai Link von Oxfam Deutschland. "Diese Daten zeigen, dass die Ärmeren deutlich weniger Vermögen besitzen als bislang angenommen." 

Ungleichheit fördert Populismus

Im Zentrum des diesjährigen Oxfam-Berichts stehen die Ursachen der Ungleichheit und konkrete Vorschläge, wie sich mehr Gerechtigkeit schaffen lässt. Zu den Ursachen zählt Oxfam unter anderem die Möglichkeiten reicher Menschen und internationaler Konzerne, sich Vorteile auf Kosten des Allgemeinwohls zu verschaffen. "Sie nutzen aggressive Steuervermeidungstechniken, verschieben ihre Gewinne in Steueroasen und treiben Staaten in einen ruinösen Wettlauf um Niedrigsteuersätze."

Jörn Kalinski, Kampagnenleiter von Oxfam Deutschland, warnt: "Weltweit fühlen sich immer mehr Menschen abgehängt. Vielerorts stagnieren die Reallöhne, während Manager und Großaktionäre sich jedes Jahr steigende Millionenbeträge genehmigen." Für Bildung und Gesundheitsversorgung fehle vielen Staaten das Geld, weil Superreiche und internationale Konzerne sich um ihre Steuerbeiträge drückten. Das beschädige den sozialen Zusammenhalt, behindere den Kampf gegen Armut und untergrabe den Glauben an die Demokratie, sagt Kalinski. "So bereitet die Ungleichheit den Boden für Rechtspopulisten und andere Feinde einer solidarischen Gesellschaft."

In dem Bericht "An Economy for the 99 Percent" fordert Oxfam einen radikalen Kurswechsel hin zu einem Wirtschaftssystem, von dem die breite Mehrheit der Menschen profitiert. Weiter fordert Oxfam eine gerechte Steuerpolitik, die Superreiche und internationale Konzerne dazu zwingt, ihren fairen Anteil an der Finanzierung von Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialer Sicherung zu leisten.

Äpfel mit Birnen verglichen?

Oxfams Zahlen werden von Jahr zu Jahr dramatischer - und immer wieder angezweifelt. 2014 hieß es noch, die 85 reichsten Personen der Welt besäßen ein ebenso großes Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, nun sind es nur noch acht. Oxfam bezieht sich dabei auf den "Global Wealth Report" der Schweizer Großbank Credit Suisse. Dieser Bericht stellt für das Jahr 2016 fest, dass die Vermögensungleichheit weiter ansteigt.: "Während die untere Hälfte gemeinsam weniger als ein Prozent des Gesamtvermögens besitzt, gehören 89 Prozent des weltweiten Vermögens den wohlhabendsten zehn Prozent."

Dann greifen die Oxfam-Analysten zur Reichen-Liste des Wirtschaftsmagazins "Forbes" und zählen von Platz eins ausgehend die Milliarden zusammen, bis sie auf eine Zahl kommen, die dem von Credit Suisse errechneten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung entspricht. "Damit vergleicht Oxfam allerdings Erhebungen, die kaum miteinander vergleichbar sind", monierte zum Beispiel die "Süddeutsche Zeitung" im vergangenen Jahr.

Wer ist arm, wer ist reich?

Nur wenige Milliardäre haben Lust, ihr Vermögen offenzulegen. Die Daten sind deshalb nur grobe Schätzungen, zeigen über die Jahre aber doch interessante Trends auf, etwa den, dass immer mehr Chinesen in die Liste der 100 Superreichen drängen. Die Analyse der Schweizer Bank Credit Suisse hat jedoch ein ganz anderes Ziel: Sie möchte berechnen, wie viel Erspartes die Reichen dieser Welt haben - und damit ein potenzielles Geschäft für Vermögensverwalter darstellen.

Wenn Credit Suisse von "Vermögen" spricht, meint das Institut Ersparnisse nach Abzug aller Schulden. Das ist aus Sicht der Bank sinnvoll, führt allerdings zu kuriosen Ergebnissen: Wer in Deutschland gerade ein Einfamilienhaus gekauft und dafür einen Kredit aufgenommen hat, ist aus der Sicht eines Entwicklungshelfers wohl alles andere als arm. Übersteigt die Höhe der Schulden den Wiederverkaufswert des Hauses, gelten diese Eigenheimbesitzer in der Credit-Suisse-Rechnung aber nicht als vermögend, in anderen Studien gar als arm. Auch, ab wann man in Deutschland als "reich" gilt, ist umstritten: Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fängt das an, wenn man als Single oder Paar beim Finanzamt ein zu versteuerndes Jahres-Einkommen von 150.000 Euro geltend macht. Für andere Institute wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) ist man schon mit einem Monats-Netto-Einkommen ab 3000 Euro reich.    

Die Hilfsorganisation erwidert, dass die Zahlen sich nur in der Nachkommastelle ändern, wenn Menschen wie verschuldete deutsche Hausbesitzer herausgerechnet werden. Und überhaupt: Ob es nun acht, 80 oder 800 Menschen sind, entscheidend ist die Tendenz. Und die besagt, dass die globale Ungleichheit zunimmt. Wobei das Maß der Ungleichheit von Land zu Land variiert. In Deutschland zum Beispiel müssen laut Oxfam nicht acht, sondern die 36 reichsten Leute auf die Waage, um das Vermögen der ärmeren Hälfte der Deutschen aufzuwiegen.