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Fußball

Overath beugt sich dem Druck

Es brodelt in Köln: Wolfgang Overath ist überraschend als Präsident des 1. FC Köln zurückgetreten und reagierte damit auch auf das Misstrauen der Fans. Die erhalten nun mehr Mitspracherecht.

Wolfgang Overath bei der Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln (Foto: AP)

Die Fans des 1. FC Köln sind einiges gewöhnt, wenn es um die jährliche Mitgliederversammlung ihres Vereins geht. Oft geht es dort zu wie bei einer Karnevalsveranstaltung mit Büttenrede und manch sarkastischem Beitrag, wenn es um sportliche Belange geht. Aber auch so manch eine Überraschung – wie zum Beispiel die Vertragsverlängerung eines beliebten Spielers oder die Bekanntgabe der Verpflichtung eines neuen Trainers – gehörten in der Vergangenheit dazu.

Auch in diesem Jahr gab es wieder einen Paukenschlag: Gleich zu Beginn der Veranstaltung gab Präsident Wolfgang Overath seinen Rücktritt bekannt: "Mit Ende der heutigen Mitgliederversammlung treten wir von unseren Ämtern als Präsident und Vizepräsidenten des 1. FC Köln zurück." Damit kündigte der 68-jährige Präsident des Fußball-Bundesligisten nach siebenjähriger Amtszeit den Rücktritt des gesamten Vorstandes an, also auch den seiner Stellvertreter Friedrich Neukirch und Jürgen Glowacz. Gleichzeitig bat der Kölner Weltmeister von 1974 um Verständnis. Es klang wie eine Kapitulation: "Wir wollen uns nicht mehr über Spielberichte ärgern. Nicht mehr die Wochenenden versauen."

Fan-Opposition erfolgreich?

Für die Mitglieder des Fußball-Bundesligisten und auch für den Verwaltungsrat kam der Schritt zu diesem Zeitpunkt völlig überraschend – vor einem Jahr hätte sich allerdings kaum jemand gewundert. Denn bei der vergangenen Jahreshauptversammlung verweigerte man dem Vorstand die Entlastung: Ein historisches Misstrauensvotum der eigenen Fans. Gerade hatte man gegen den ärgsten Gegner Borussia Mönchengladbach mit 0:4 verloren und war auf den letzten Tabellenplatz der Bundesliga abgerutscht. Da genügte der Auftritt eloquenter Redner und gut informierter Mitglieder, die sich bestens in der Vereinssatzung auskennen, um Widerstand zu formieren. Spontan entschieden sich 1317 Mitglieder für ein "Nein" zur Vorstandsarbeit.

Der Präsident des 1. FC Köln, Wolfgang Overath, bei seiner Rede bei der Jahreshauptversammlung (Foto: dapd)

Wolfgang Overath kapituliert nach sieben Jahren als Präsident des 1. FC Köln

In den folgenden Bundesligaspielen machten die Fans ihren Unmut auf Spruchbändern und Plakaten Luft. Diese Stimmung nutzten einige Mitglieder, um einen neuen Fanclub (FC:reloaded) zu gründen, der fortan auch formal der Vereinsführung das Leben schwer machte: Die Initiative mischte sich ein, forderte Änderungen in den Vereinsstrukturen, stellte Satzungsänderungsvorschläge und versuchte, andere Mitglieder über ihre Ideen zu informieren. Was folgte, war ein Duell mit der Führungsetage des 1. FC Köln, das bis vor Gericht ging. "Es nervt, wenn eine vielleicht auch nur kleine Gruppe immer wieder attackiert. Ich habe mich geärgert über diese Menschen", gab Overath bei seiner Abschiedsrede zu. "Dann überlegt man, warum man so etwas freiwillig und ehrenamtlich macht. Und man überlegt, ob man so etwas fortsetzen will."

Mitglieder bestimmen den Kurs

Bei der Versammlung, die erstmals in einer großen Mehrzweckarena stattfand und von Medienprofis organisiert worden war, kam es in der Folge zu Verwirrung und sogar zu Tumulten zwischen den Fans, die den Vorsitzenden der Faninitiative persönlich angriffen und als "Königsmörder" bezeichneten. Momentan ist der Verein führungslos. Denn formal gilt: Nach dem Vorstands-Rücktritt muss erneut eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden, wo dann ein neuer Vorstand bis zu der nächsten planmäßigen Vorstandswahl (2013) gewählt wird. Bis zu dieser Abstimmung übernimmt der Vorsitzende des Verwaltungsrates kommissarisch – in diesem Fall wird der erst in den nächsten Tagen bei einer Verwaltungsratssitzung gewählt. Im nächsten Jahr wählt die Mitgliederversammlung dann satzungsgemäß den Vorstand für die nächsten vier Jahre. Erstmals wurden in den Verwaltungsrat des Vereins, wo momentan viele Sponsoren sitzen, auch drei Vertreter aus der Mitgliederversammlung gewählt. Dadurch erhoffen sich die Fans mehr Mitspracherecht und Transparenz bei wichtigen Entscheidungen des Vereins.

Widerstand auch in anderen Bundesligavereinen

Auch wenn der Rückzug des Kölner Vorstandes erst ein Jahr nach der Nicht-Entlastung erfolgt ist, wird wieder einmal deutlich, wie groß die Macht der deutschen Fußballfans in ihrem Verein tatsächlich ist. Die Mitgliederversammlung wählt den Vorstand und die einzelnen Mitglieder. So demonstrieren Fans und Fanclubs ihre Meinung nicht nur in den Stadien und auf dem Trainingsgelände. Es gibt mehrere Beispiele: Nachdem die Mitglieder des VfL Bochum 2010 ihren Vorstand um Präsident Werner Altegoer nicht entlastet hatten, trat dieser umgehend zurück. Auch bei der sportlichen Talfahrt von Borussia Mönchengladbach formierte sich Widerstand aus den eigenen Reihen. Erst kürzlich warnte Trainer Felix Magath vom VfL Wolfsburg: "Wir müssen auf die organisierten Fans aufpassen, die einen immer größeren Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen wollen." Er berief sich dabei auf den ruppigen Umgang der Fans mit Manuel Neuer nach dessen Wechsel zum FC Bayern München. Auch Magath selbst war während seiner Trainerzeit bei Schalke 04 von den Fans angefeindet worden.

Der russische Milliardär Roman Abramowitsch (Archivfoto: pa/ dpa)

Öl-Milliardär Abramowitsch kaufte den FC Chelsea

Was in anderen europäischen Fußball-Ländern wie Italien oder England kaum denkbar wäre, ist in Deutschland gelebte Demokratie: Selbst wenn sich nicht viele deutsche Fans aktiv politisch einmischen, haben sie dennoch genaue Vorstellungen, wie es im Verein zugehen solle. Niemand sollte soviel Einfluss gewinnen, dass womöglich plötzlich aus wirtschaftlichen Gründen Vereinsfarben, -Wappen oder -Lieder neu gestaltet werden. Nach einer Umfrage der technischen Universität zu Chemnitz machten 91 Prozent der befragten Fußballfans deutlich, dass sie die für die Bundesliga geltende 50+1-Regel weiter befürworten. Durch die 50+1-Regel wird verhindert, dass ein einzelner Investor die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erhält, wenn er ihn weniger als 20 Jahre lang gefördert hat. So wird die Macht der Sponsoren eingeschränkt. Ausnahmen gelten in der Bundesliga nur für die Werksklubs Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg.

Autorin: Olivia Fritz
Redaktion: Joscha Weber