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Ukraine

Ostukraine: Kein tiefer Graben in den Köpfen

Die Ergebnisse einer Umfrage auf beiden Seiten der Frontlinie in der Ostukraine überraschten Berliner Forscher. Sie enthalten Botschaften sowohl für Kiew als auch für Moskau.

Vor rund drei Jahren, im Juni 2014, begann die heiße Phase des Krieges in der Ostukraine. Die bis dahin zurückhaltende ukrainische Armee versuchte die von Russen angeführten bewaffneten Separatisten zu vertreiben. Das gelang nur teilweise. Die in jenem Sommer entstandene Frontlinie trennt größtenteils bis heute das Kohlerevier Donbass in zwei Teile. Kiew kontrolliert mehr als die Hälfte der Gebiete Donezk und Luhansk, der Rest ist Teil der sogenannten "Volksrepubliken LNR/DNR". Was denken die dort lebenden Menschen heute über die Hintergründe des Konflikts? Wo sehen sie ihre Zukunft? Diesen Fragen ist das kürzlich gegründete Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin nachgegangen und hat Menschen auf beiden Seiten der Frontlinie befragt.

Telefonische Umfrage - aus Sicherheitsgründen

Der Ansatz ist selten, denn die meisten ukrainischen Meinungsforscher befragen nur Menschen auf der von Kiew kontrollierten Seite des Donbass. Das geschieht wohl aus Sicherheitsgründen und vielleicht auch aus der Überlegung, Menschen in den "Volksrepubliken" würden aus Angst nicht immer die Wahrheit sagen.

 Prof. Dr. Gwendolyn Sasse (DW)

Gwendolyn Sasse: mehr Ähnlichkeiten festgestellt als erwartet

Auch den Berliner Forschern war das Risiko einer Verzerrung bewusst. "Keine Umfrage im Krieg wird unter idealen Umständen durchgeführt", sagte die ZOiS-Direktorin Gwendolyn Sasse der DW. Man habe die Umfrage auf der Kiewer Seite persönlich und in den besetzten Gebieten telefonisch gemacht. "Ich glaube, dass eine telefonische Befragung auch Vorteile hat, denn die Menschen fühlen sich sicherer", sagt Sasse. Der Nachteil sei, dass einige Fragen gekürzt werden mussten. Insgesamt wurden Ende 2016 rund 1200 Ostukrainer befragt.  

Einigkeit in der Ablehnung der Westintegration

Die Ergebnisse insgesamt zeigen, dass es zwar Unterschiede aber keine tiefen Gräben in den Köpfen gibt. "In vielen Aspekten haben wir mehr Ähnlichkeiten festgestellt, als man aus westlicher Sicht hätte vermuten können", sagt Sasse. So pflegt rund ein Drittel der Befragten ein- bis zweimal die Woche Kontakte zu Verwandten auf der jeweils anderen Seite. Auf beiden Seiten gibt es einen Mix aus russischer und ukrainischer Identität. Allerdings führte der Krieg dazu, dass sich Menschen in den "Volksrepubliken" im Vergleich zu den Bürgern auf der Kiewer Seite stärker als Russen fühlen (26,1 und 3,4 Prozent). Umgekehrt wurde in den vergangenen drei Jahren die ukrainische Identität bei jedem fünften Bewohner des Donbass westlich der Trennlinie (20,5 Prozent) gestärkt. Östlich davon, also in den Separatistengebieten, waren es nur 8,5 Prozent.

Video ansehen 02:32

Donbas – Leben im Kriegsgebiet

Bei den außenpolitischen Prioritäten waren Menschen in der Ostukraine seit Jahren gegen eine Westintegration. Das hat sich kaum geändert, zeigt die ZOiS-Umfrage. Eine große Mehrheit, rund drei Viertel, ist gegen den Beitritt der Ukraine zu EU und NATO, den Kiew langfristig anstrebt. Allerdings ist der Anteil der Befürworter im Kiewer Teil deutlich höher. In der EU-Frage zum Beispiel ist das Verhältnis 27,9 zu 18,2 Prozent. Auch die mehrheitlich kritische Einstellung zum ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko eint beide Teile des Donbass. 

Status-Frage spaltet Donbass

In einigen Fragen jedoch haben die ZOiS-Forscher deutliche Unterschiede festgestellt. Knapp die Hälfte der Bewohner der "Volksrepubliken LNR/DNR" sieht eine "westliche Einmischung" als Ursache für den Krieg an. Rund ein Drittel nimmt ihn als eine "lokale Reaktion gegen die nationalistische Regierung" wahr. Auf der von Kiew kontrollierten Seite sind es 23,1 Prozent. Deutlich mehr (37,1) geben Russland die Schuld.

Die Einstellung zu den Minsker Vereinbarungen, die eine weitreichende Autonomie für Separatistengebiete innerhalb der Ukraine vorsehen, ist differenziert. Fast 40 Prozent der Ukrainer im von Kiew kontrollierten Teil des Donbass würden diesen Vereinbarungen "eher zustimmen". In den Separatistengebieten teilen nur halb so viele diese Einstellung.

Besonders stark ist der Kontrast in der Frage über den künftigen Status der Separatistengebiete. Den Vorkriegsstatus wünscht sich eine klare Mehrheit auf der von Kiew kontrollierten (64,7 Prozent) und nur knapp jeder Zehnte auf der anderen Seite zurück. Je ein Drittel der Bewohner der Separatistengebiete würden eine Autonomie in der Ukraine oder in Russland bevorzugen.

Empfehlungen für Kiew und Moskau

In der Status-Frage sei der Donbass "wirklich geteilt", glaubt die ZOiS-Chefin Sasse. Das sei eine wichtige Botschaft sowohl für die Beteiligten als auch für diejenigen, die sich für die Konfliktlösung engagieren. Insgesamt empfiehlt die Berliner Expertin der ukrainischen Regierung, "die besetzten Gebiete nicht zu leicht aufzugeben". Das sei zwar keine offizielle Linie, doch es gebe einige "Trends in diese Richtung". "Auf der anderen Seite sollte Moskau nicht annehmen, dass eine weitere Integration der besetzen Gebiete reibungslos verlaufen wird", warnt Sasse. "Die Ansichten und Identitäten der Menschen dort sind viel differenzierter und viele haben nicht aufgegeben, Teil der Ukraine zu sein."    

 

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