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Europa

Ostrovany: ein Dorf, eine Mauer, zwei Welten

In Ostrovany leben die Menschen nicht miteinander, sondern gegeneinander. Die 1700 Einwohner im ostslowakischen Dorf an der Außengrenze der EU sind durch eine Mauer getrennt: in so genannte "Weiße" und Roma.

Eine weiße Mauer (Foto: Christian Rühmkorf)

Die Mauer trennt die Roma von den "Weißen"

Die Glocken läuten. Es ist ein nasskalter Sonntagmorgen in Ostrovany. Die "Weißen", wie sie hier oft genannt werden, sind auf dem Weg in die Kirche. Das ostslowakische Dorf wirkt friedlich. Aber der Schein trügt. Im Oktober 2009 hatte die Gemeinde zwischen den gepflegten Gärten der "Weißen" und dem Slum der Roma eine Beton-Mauer hochgezogen. Sie ist über zwei Meter hoch und 150 Meter lang.

Skinheads gegen die "Roma-Mentalität"

"Die Mauer müsste noch höher sein", sagt eine 70-jährige Kirchgängerin. "Wir haben Angst vor den Zigeunern. Sie nehmen Drogen, überfallen und töten. Das sind keine guten Menschen." Im Frühjahr 2009 hatten zwei jugendliche Roma eine Verkäuferin im Dorf ermordet, kurz darauf war ein 65-jähriger Mann zusammengeschlagen worden.

Männer mit kahlrasierten Köpfen, von hinten fotografiert (Foto: AP)

Einige Dorfbewohner haben sich über die Ankunft der Skinheads gefreut

Wenige Monate später waren Hunderte von Skinheads in Ostrovany aufmarschiert. "Unsere Slowakei - ohne Diebe und Parasiten" skandierten die Neonazis der slowakischen Bewegung "Pospolitost" im Dorf. "Seitdem die Pospolitost hier war, ist es etwas besser. Ich war froh, dass sie gekommen sind. So hatten die Zigeuner wenigsten mal Angst", sagt einer der Jugendlichen, die auf dem Kirchplatz herumstehen.

Eine neue Berliner Mauer?

"Nicht noch einmal einen solchen Aufmarsch", sagt hingegen Bürgermeister Cyril Revák. Den Bau der Mauer, der 13.000 Euro gekostet habe, bereue er jedoch nicht. Die Roma in Ostrovany hätten nicht nur Gemüse geklaut, sondern auch die Gartenzäune der "Weißen" an Schrotthändler verkauft, sagt Revák. "Staat und Polizei haben nichts dagegen getan. Also haben wir den Schutz des Eigentums in die Hand genommen.". Die Roma seien anders als sie selbst, so der Bürgermeister.

Doch von einer neuen Berliner Mauer oder von Rassentrennung will Revák nichts hören. Die Roma hätten weiterhin freien Zugang zum Dorf. Und überhaupt: Das sei keine Mauer, nur ein Zaun, erklärt er. Und der sei notwendig.

Wellblechhütten der Roma (Foto: Christian Rühmkorf)

Mit dem Slum der Roma wollen die "Weißen" nichts zu tun haben

Wir und die. Die "Weißen" und die Roma. So reden alle in Ostrovany, auch der Pfarrer. Seinem Bruder gehört einer der Gärten, die nun im Schutze der Mauer liegen. Am Ende des Gartens bleibt der Pfarrer stehen. Nur wenige Meter entfernt steht die Beton-Mauer. Dahinter liegt ein Abhang. "Das ist eine Zeitbombe", sagt der Pfarrer und deutet hinunter auf die Menschen zwischen den Lehmhütten. Seine Welt endet hier. Weiter geht er nicht.

Die Welt hinter der Mauer

Eine Frau hält ihr Kind auf dem Arm (Foto: Christian Rühmkorf)

Alena wünscht sich eine bessere Unterkunft, aber das Geld fehlt

Hinter der Mauer liegt der Slum der Roma. Überall liegt Kot, Müll raucht und qualmt, es wimmelt von Hunden, Kindern und abgerissenen Gestalten. Im Schlamm stehen ein paar schiefe Hütten, gebaut aus Ästen und Lehm. "Hier ist es schmutzig, Dreck überall. Wir brauchen Häuser, aber wir kriegen gar nichts. Hier passiert nichts", klagt Lucie. Die junge Frau trägt ihr kleines Kind auf dem Arm. Ihre Nachbarin Alena zeigt auf die lange Beton-Mauer oben am Abhang. "Von dem Geld hätten sie Häuser für uns bauen sollen und keine Mauer", meint Alena. "Sie interessieren sich nicht für uns", sagt ein vielleicht elf Jahre alter Junge, der neben ihr im Dreck steht.

In der Slowakei leben rund 200.000 Roma in ähnlichen Ansiedlungen. Und in manchen sieht es noch schlimmer aus als im geteilten Ostrovany.

Autor: Christian Rühmkorf
Redaktion: Mareike Röwekamp

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