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Afrika

Ostkongo: Käse aus dem Kriegsgebiet

Nach Jahrzehnten des Kriegszustands haben viele Menschen im Ostkongo den Mut verloren. Doch es gibt Ausnahmen: Mitten im Chaos baut Alex Kasole eine Käsefarm nach Schweizer Vorbild auf.

Alex Kasole erinnert sich noch gut an jenen Morgen im April 2012. Als er gerade zur Alm aufbrechen wollte, klingelte das Telefon. "Chef, bleib zu Hause. Sie schießen", brüllte sein Mitarbeiter in den Apparat. Damals hatten sich die kongolesische Armee und die M23-Miliz in den Masisi-Bergen verschanzt. Der

Krieg

begann auf Kasoles Alm, er sollte eineinhalb Jahre dauern.

Inzwischen ist die

M23

besiegt, Kühe weiden ungestört auf der Wiese. Hirten scherzen beim Melken. Nachbarn kommen vorbei, um den Gouda aus der Käserei zu kosten. Sie gehört der Familie von Kasoles Schwager, Kasole selbst ist der Manager. Der Betrieb liegt nahe dem Dorf Mushaki, 40 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Goma. Die Kongolesen nennen die Region "die Schweiz Afrikas".

Alex Kasole Singa mit einem Laib Gouda Foto: Judith Raupp/ DW

Inzwischen ein Gouda-Fachmann: Alex Kasole

Kühe aus der Schweiz

Diesen Namen tragen die Masisi-Berge nicht zuletzt wegen der Kühe. Das Vieh mit dem dunklen Fell gehört zur Rasse Brown Swiss. Kasoles Frau stammt aus der Schweiz; ihr Großvater hatte die Kühe bereits ins Land gebracht, als der Kongo noch unter belgischer Herrschaft stand. Die Brown Swiss und die in den Masisi-Bergen ebenfalls verbreitete Rasse der Friesländer vertragen das Klima in der Höhe besser als afrikanische Rinder.

"Das hier ist ein idealer Ort für die Viehzucht", schwärmt Kasole. Er hält etliche Dutzend Braunvieh und Friesländer auf der 285 Hektar großen Alm. Die Kühe geben jeden Tag 400 Liter Milch. Daraus produziert Kasole den beliebten Masisi-Gouda.

Mit Glocken gegen Viehdiebe

Die Käserei ist gekachelt. Die Wanne, wo die Milch fermentiert, ist aus Metall. Andere Käsefarmer der Region produzieren in Badewannen, die in Holzbaracken stehen. Kasole legt großen Wert auf Hygiene. Er hat Betriebe in der Schweiz gesehen und nimmt sie zum Vorbild.

Besuche in Europa inspirieren den 33-Jährigen. Vor kurzem war er bei seinen Schwiegereltern in der Schweiz, von dort hat er Kuhglocken mitgebracht. Nicht aus Nostalgie, sondern aus einem praktischen Grund: Das Läuten der Glocken soll die Hirten in der Nacht wecken, wenn Banditen Vieh stehlen wollen. "Ich bin wohl der einzige, dessen Kühe im Masisi Glocken tragen", sagt Kasole und schmunzelt. Andere Landwirte sind von der Idee so begeistert, dass sie ihm nacheifern wollen.

Käsefarm im Ost-Kongo Foto: Judith Raupp/ DW

Gutes Klima: Schweizer Rinder-Rassen in den kongolesischen Bergen

Luxus für die Reichen

Die Käseproduktion haben ursprünglich belgische Mönche in den Kongo gebracht. Sie stellten den Gouda zunächst nur für sich selbst her, weil die Mönche die Sehnsucht nach europäischem Essen plagte. Inzwischen schätzen aber auch die Einheimischen den Gouda, so wie Moïse Lokenzi, einer der 2000 Einwohner von Mushaki: "Die Bevölkerung hier liebt Käse. Jemand, der Kühe mag, muss auch Käse mögen. Jemand, der Milch liebt, liebt auch Käse. Das ist das Leben, das wir hier führen. Das ist unsere Kultur."

Diese Kultur können sich allerdings nicht alle leisten, zumindest nicht in der Stadt. In der nahegelegenen Provinzhauptstadt Goma kostet ein Kilo junger Gouda umgerechnet knapp drei Euro. Der zwei Kilo schwere ältere Gouda kostet rund das Dreifache. "Käse ist ein Luxusgut, das gewissen Leuten vorbehalten ist", sagt die Städterin Passy Mubalama. "Der Gouda ist eine Ergänzung zum Frühstück. Aber die Armen, die sogar aufs Frühstück verzichten müssen, können es sich erst recht nicht erlauben, Käse zu kaufen."

Mitarbeiter der Käsefarm lagern Gouda für den Transport Foto: Judith Raupp/ DW

Von den Einheimischen geschätzt: Masisi-Gouda aus der Käserei Kasole

Dagegen beziehen die Supermärkte und die großen Restaurants in Goma und in der fernen Hauptstadt Kinshasa regelmäßig den Gouda aus den Masisi-Bergen. Peter Brüderli ist Koch in einem Luxushotel in Goma. Er kommt aus der Schweiz und so hat er andere Ansprüche an den Käse als die Einheimischen. Brüderli findet den kongolesischen Käse "nicht schlecht" - ein normaler, milder Käse eben. "Für mich ist es schade, dass es nicht noch einen anderen Käse gibt, der ein bisschen kräftiger schmeckt ", so der Koch.

Bald auch Camembert

Die Wünsche aus der Schweiz spornen den Käserei-Manager Kasole an. Er baut gerade ein kleines Wasserkraftwerk am Fluss auf der Alm. Wenn es fertig ist, wird der Betrieb endlich rund um die Uhr Strom haben. Kasole will einen Kühlraum bauen und die Produktion erweitern. Neben den 1500 Gouda-Rädern, die er jeden Monat herstellt, will er weitere Produkte anbieten: "Ich werde versuchen, Camembert herzustellen, vielleicht sogar Butter. Vor allem für die Ausländer in Goma. Mal sehen, wie das klappt."

Und wenn der Krieg wieder ausbricht? Das bringt Kasole nicht aus der Ruhe. Er will dann weiter produzieren, so wie das letzte Mal. Auch für den Transport von den Bergen in die Stadt hat er eine Lösung parat: Wenn Krieg ist, schmuggeln Motorradtaxifahrer den Käse über die Front. Dann könnten die Menschen in Goma ihre Nerven zumindest mit Gouda beruhigen.

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