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Fokus Osteuropa

Osteuropa: Finanzhilfe durch Migranten als bedeutender Wirtschaftsfaktor

Wie viel Geld genau Migranten in aller Welt zur Unterstützung in ihre Heimat schicken, ist schwer festzustellen. Die Weltbank hat das Phänomen dennoch in einer Studie untersucht – und Erstaunliches herausgefunden.

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20 Prozent des Einkommen gehen im Schnitt an die Verwandten

Das Ausmaß ist gewaltig. In Moldova machen die Rücküberweisungen 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, in Tadschikistan und Bosnien-Herzegowina 20 Prozent, in Serbien und Montenegro und in Albanien mehr als 15 Prozent. Auch die absoluten Dollar-Beträge können sich sehen lassen: 2005 flossen fast eine Milliarde Dollar nach Moldova und fast zwei Milliarden nach Bosnien-Herzegowina.

Geldtransfer auf inoffiziellem Weg

Doch vermutlich sind die tatsächlichen Summen noch höher. Denn, so erklärt Bryce Quillin, Autor einer Studie der Weltbank, die sich mit dem Thema beschäftigt hat: "Es ist eine Tatsache, dass eine große Zahl von Rückzahlungen - wie hoch sie genau ist, wissen wir nicht – durch sogenannte informelle Kanäle fließt. Das sind Kanäle, die nur sehr schwer von offizieller Seite erfasst werden können."

Das heißt, diese Geldsendungen in die Heimat werden nicht über die Bank abgewickelt, sondern über Freunde und Familienmitglieder oder werden von den Migranten selbst wieder mit zurückgebracht. Das Ausmaß dieses Geldflusses schätzt die Weltbank auf zusätzliche 50 Prozent der offiziellen Summe. Lediglich Russland und Moldawien versuchen, in ihren Zahlen einen Teil dieses inoffiziellen Geldflusses zu erfassen.

Weltbank: Zugang zu Banken legalisieren

Für die Migranten gibt es mehrere Gründe, sagt Bryce Quillin, die informellen Wege zu nutzen. Entweder, sie haben keinen Zugang zu Banken, weil sie beispielsweise als Saisonarbeiter in ländlichen Gegenden arbeiten. Oder sie haben keinen legalen Zugang zu formalen Finanzkanälen, weil sie illegal ins Land gekommen sind.

Die informellen Transaktionen sind aber oft auch preiswerter, gelangen an entlegenere Orte im Zielland und werden in der Muttersprache abgewickelt. Der Nachteil: Gegen Missbrauch kann sich niemand schützen. Die Weltbank fordert deshalb den Ausbau der offiziellen Überweisungswege.

Neue Migrations- und Geldströme

Der typische Migrant, der zur Zeit seine Heimat in Osteuropa oder in einem Land der ehemaligen Sowjetunion verlässt, so erklärt Quillin, ist jung, gut gebildet, möglicherweise verheiratet, hat aber noch keine Kinder. Früher sei das Motiv der Auswanderung die Rückkehr in die ehemalige ethnische oder kulturelle Heimat gewesen – oder die Flucht aus Konfliktgebieten. Heutzutage sei es jedoch meist das Streben nach besseren Lebensbedingungen, so der Autor der Weltbank-Studie: "Wir sehen im Wesentlichen zwei große Migrationsbewegungen in der ehemaligen Sowjetzone: Zum einen eine große Bewegung von Osteuropa nach Westeuropa, darunter auch eine große Abwanderung nach Südeuropa, also Spanien, Portugal, Italien und Griechenland. Außerdem sehen wir eine große Bewegung vom Süden in den Norden – von den armen Ländern der GUS, also Kirgisien, Tadschikistan, Usbekistan und dem Südkaukasus nach Russland, Kasachstan und die Ukraine." Daher steht Russland auch weltweit an zweiter Stelle der Immigrationsstatistik, die Ukraine an vierter Stelle. Ganz vorne: die USA, an dritter Stelle: Deutschland.

Dementsprechend bewegen sich auch die Geldströme. Der durchschnittliche Betrag, den die Emigranten nach Hause überweisen, beträgt 500 Dollar im Monat – und entspricht in etwa 20 Prozent ihres Einkommens. In der Heimat trägt das Geld dann wesentlich zum Überleben oder zum zusätzlichen Wohlstand der Familie bei. "Da wir hier über Menschen reden, die meistens arm sind, wird der Großteil des Einkommens für den täglichen Bedarf ausgegeben. Untersuchungen ergeben, dass 35 Prozent der Rücküberweisungen für Lebensmittel, Kleidung und andere Grundbedürfnisse ausgegeben werden. Je höher das Einkommensniveau, desto mehr Geld steht zur Verfügung, und dann wird nach den Ausgaben für die Grundbedürfnisse auch Geld gespart oder für Investitionen, Ausbildung, Gesundheit etc. ausgegeben"

Verluste durch hohe Gebühren

Dabei könnte der Anteil, der die Menschen in der Heimat erreicht, noch höher sein. 11 Prozent der Summe der Rücküberweisungen, schätzt die Weltbank, gehen durch die hohen Überweisungsgebühren verloren, wenn das Geld auf legalem Weg in die Heimat geschickt wird.

Es wäre also durchaus im öffentlichen Interesse, sagt Bryce Quillin, wenn diese Gebühren gesenkt werden könnten. In einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion habe es tatsächlich Bemühungen in diese Richtung gegeben: "In zwei Ländern, in der Ukraine und Russland, wurden Gesetze geschaffen, um die monopolistischen Absprachen zwischen Geld-Überweisungsfirmen und Banken aufzubrechen. Dadurch gab es mehr Wettbewerb im Markt für Geldüberweisungen, und die Kosten sind nach unten gegangen."

Christina Bergmann, Washington
DW-RADIO, 3.4.2007, Fokus Ost-Südost