1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Oskar Roehlers "Herkunft"

In seinem ersten Roman "Herkunft" verarbeitet der Filmemacher Oskar Roehler seine Kindheit und Jugend. Eine erschütternde Familiengeschichte in der westdeutschen Nachkriegs-Republik .

Filmemacher und Buchautor Oskar Roehler (Foto: dpa)

Oskar Roehler gehört zu den wichtigsten, durchaus auch kontrovers diskutierten, Regisseuren in Deutschland. Seinem Film von 2010 über die Entstehungsgeschichte des Nazi-Propagandastreifens "Jud Süß" etwa warf man zu wenig kritische Distanz vor. Den internationalen Durchbruch schaffte Roehler im Jahr 2000 mit dem Spielfilm "Die Unberührbare". Das war ein Porträt der Schriftstellerin Gisela Elsner, die sich – gescheitert und drogensüchtig – 1992 das Leben nahm. Radikal links mit großbürgerlichem Hintergrund, immer ganz in schwarz gekleidet mit schwarzer Perücke, war sie eine exzentrische Erscheinung in der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Und sie war Oskar Roehlers Mutter – eine Rabenmutter. Jetzt hat er zum ersten Mal einen Roman geschrieben – und dort taucht sie als Figur wieder auf.

DW-WORLD.DE: Oskar Roehler, es gibt Künstler, ob Schriftsteller oder Filmemacher, die haben ein Lebensthema, das sie immer wieder in neuen Facetten bearbeiten. Ist "Herkunft", so ja auch der Titel des Romans, Ihr Lebensthema?

Buchcover Oskar Roehler Herkunft

Oskar Roehler: Der Roman, den ich "Herkunft" genannt habe, den wollte ich eigentlich schon ganz, ganz lange schreiben. Als ich mit Anfang zwanzig es erstmals versuchte und eigentlich Schriftsteller werden wollte, fehlten mir einfach die handwerklichen Mittel dazu. Junge Schriftsteller scheitern oft deswegen, weil der ganze Erfahrungshorizont fehlt, den Du fünfzig Jahre später hast.

Sie haben sich mit Ihrer Herkunft schon in Filmen auseinandergesetzt. "Die Unberührbare" erzählt die Geschichte Ihrer Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner. Sie haben Ihren Vater als Filmstoff in "Der alte Affe Angst" genommen. Im Roman sprechen Sie über Ihren Großvater. Er war nach dem Krieg so etwas wie ein Stehaufmännchen. Ist er ein typischer Vertreter des Wiederaufbaus gewesen?

Schon. Also ich habe ihm dieses Charakteristikum gegeben. Ich glaube, da sind noch andere Dinge, die mich interessiert haben. Die Beschreibung der Zeit ist im Grunde fast wie Begleitmusik. Ich bin von der Faszination der kindlichen Wahrnehmung ausgegangen. Eine ganz grundlegende Sache, auf die ich gekommen bin, ist meine Großmutter Gertrud, die auch in dem Buch eine wichtige Figur einnimmt. Sie hat ihre Töchter verstoßen, nachdem die nicht die richtigen Männer geheiratet haben. Sie hatte den Anspruch, sie in die besten Familien zu verheiraten. Aber der Hintergedanke, der in den Briefen beispielsweise immer kam, war diese enorme Angst von ihr selber, vor Hunger, Armut und Not. Diese Generation war davon bis ins Mark geprägt. Von dieser sozialen Unsicherheit.

Ihr Großvater war ja auch ganz persönlich wichtig für Sie. Sie haben bei ihm ein paar Jahre gelebt. Ihr Vater hat Sie dann, als Sie sechs waren, nach Berlin geholt. In was für ein Milieu?

Es war bizarr, weil wir in Friedenau in so einer riesigen Belletage- Wohnung gewohnt haben, die ein bisschen runtergekommen war. Friedenau war damals noch ein Bezirk von Kleinbürgern und Arbeitern. Und da haben ein paar Intellektuelle und ein paar Lehrer gewohnt. Es ist nicht wie heute. Und während er sich dann mit den großen künstlerischen, schriftstellerischen Problemen auseinandergesetzt hat - diese Debattierclubs zwischen den Linken und (Hans Magnus)Enzensberger - bin ich immer mehr in so ein halbkriminelles Milieu abgerutscht. Einfach weil da ein völliges Desinteresse gegenüber meiner Person war.

Der einzige Spaziergang in der Woche, den er seinem Sohn gegönnt hat, war von diesem ratlosen Schweigen geprägt. Weil er dann immer mehr versunken ist, weil er sich wahrscheinlich gefragt hat, was aus seinem eigenen Leben werden soll.

Der Schauspieler David Bennent als Oskar in dem Film Die Blechtrommel

David Bennent als Oskar im Film "Die Blechtrommel"

Ihr Vater war Lektor von Günter Grass. Sie sind 1959 geboren, gerade als „Die Blechtrommel“ erschienen ist. Heißen Sie deswegen Oskar ?

Ja, genau. Das hatten die sich als kleinen Gag erlaubt. Aber das war auch wieder so ein merkwürdiges, diffuses Ding, weil keiner von beiden eigentlich den Grass wirklich mochte. Da war der Respekt und die Ehrfurcht vor diesem großen Erfolg plötzlich so im Vordergrund. Mein Vater ist in der gleichen Sitzung bei der Gruppe 47 gescheitert und hat eigentlich seine Karriere (als Schriftsteller, die Red.) aufgegeben, wo Grass so groß gefeiert wurde. Da steckt auch eine gehörige Portion unreflektierter Masochismus irgendwo dahinter.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema