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Kultur

Oskar Roehler: Geschichte der BRD im Kino

Ein Kind deutscher Nachkriegs-Geschichte: Regisseur Oskar Roehler legt mit "Quellen des Lebens" eine filmische Chronik der BRD vor. Auch darum geht es in der neuesten Ausgabe von KINO der Deutschen Welle vom 15.3.2013.

"Quellen des Lebens" heißt Roehlers dreistündiger Spielfilm, in dem er seine ganz persönliche Lebensgeschichte vor dem Zuschauer ausbreitet. Fragt man den Regisseur, worauf sich der Titel bezieht, was also für ihn die "Quellen des Lebens" seien, dann kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Liebe, Freude, Lebensfreude." Das habe nichts mit falscher Romantik zu tun, unterstreicht Roehler im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Liebe kann Menschen retten, das ist ein Lebensprinzip."

Kein Romantiker des Kinos

Wer das bisherige Werk des Filmregisseurs kennt und wer seinen neuen Film "Quellen des Lebens" gesehen hat, der würde Oskar Roehler auch niemals für einen Romantiker halten. Roehler nähert sich seinen Geschichten nicht mit den Mitteln des realistischen Kinos. Das typisch deutsche, sterile Ausstattungskino ist diesem Regisseur ein Gräuel: "Ich mag naturalistisches Kino nicht, ich habe ja lebendige Figuren vor Augen."

Szene aus dem Film Quellen des Lebens(Foto: X-Verleih)

Erinnerungen an eine Kindheit in Lederhosen: "Quellen des Lebens"

Und so verstößt Roehler Publikum und Kritiker immer wieder mit seinen grellen Charakteren und melodramatisch inszenierten Geschichten. In "Quellen des Lebens" erzählt er von der Mutter, die ihn mit drei Jahren zu den Großeltern abgab. Und vom Vater, der ihn später immer wieder aufnahm, aber sich kaum um ihn kümmerte. Die Mutter war die exzentrische und zeitweise sehr erfolgreiche Schriftstellerin Gisela Elsner (Bild oben), die sich 1992 das Leben nahm. Über sie hat Roehler schon einmal einen Film gedreht, "Die Unberührbare" war vor 13 Jahren ein grandioser Erfolg vor allem bei der Kritik. Auch Roehlers Vater Klaus mischte im öffentlichen Leben der Bundesrepublik mit. Er war ein bekannter Publizist und Lektor und, wie Gisela Elsner, Mitglied der Gruppe 47.

Es war keine leichte Kindheit, Roehler war hin- und hergerissen zwischen zwei Großelternpaaren, die grundverschiedene Ersatzeltern waren. "Ich hatte zwei Arten von Elternhäusern, da war ein gutes Elternhaus, wo die Verbindung stimmte, und da war ein böses Elternhaus, wo Eifersucht und Hass dominierten." 

Goldgrube Gartenzwergfabrik

1959 in Starnberg geboren, wuchs Roehler in einem streng konservativen Milieu im bayerischen Oberfranken auf. "Die Familie, von der ich abstamme, war erzkonservativ und spießig", erzählt Roehler und beharrt doch darauf, dass diese Geschichte auch typisch war für die Bundesrepublik jener Jahre. Dass der Großvater nach dem 2. Weltkrieg aus der Gefangenschaft zurückkehrte und eine Fabrik gründete, die ausgerechnet Gartenzwerge produzierte, ein Sinnbild deutscher Nachkriegsspießigkeit, ist keine Erfindung des Drehbuchs: "Ich bin mit meinem Großvater am Wochenende immer mit dem Opel-Rekord über die Dörfer gefahren. Meine Großmutter saß vorne und hat Zigaretten geraucht und mein Großvater hat rausgezeigt, und hat gesagt: 'Guck mal, das sind alles unsere Gartenzwerge'.“

Oskar Roehler bei den Dreharbeiten zu Quellen des Lebens (Foto: X-Verleih)

Oskar Roehler bei den Dreharbeiten

Es sind diese ganz persönlichen Geschichten, die Roehler im Film erzählt, die faszinieren und, obwohl sie manchmal wie auf dem Reißbrett entworfen wirken, alle einen Keim Wahrheit beinhalten. Der Filmemacher und Autor hat lange gebraucht, bis er sich dieser Familiengeschichte gestellt hat. Erst als sein Vater schon zehn Jahre tot war, hat Roehler, der zu diesem Zeitpunkt schon ein anerkannter Regisseur war, die Geschichte seiner Kindheit und Familie aufgeschrieben. "Herkunft" heißt sein dickleibiger Roman, den er vor zwei Jahren veröffentlichte und der dann auch zur Grundlage des Kinofilms wurde: "Ohne den Roman hätte ich den Film niemals machen können. Der Film ist aus dem Epos entstanden." Beim Schreiben habe er es genossen, ohne Beschränkung zu erzählen, sagt Roehler: "Das war wie ein schöner langsamer Strom, der sich schlängelt, ich musste nicht auf Ökonomie achten, ich hätte endlos weiterschreiben können. Beim Film muss man ja immer auf Ökonomie achten.“

Eine besondere Kindheit

Und so kann man sich bei den 174 Filmminuten auch durchaus vorstellen, dass der Stoff, den Roehler zu erzählen hat, noch weiter hätte ausgebreitet werden können. Denn Roehler hat viel erlebt. Auch manches, dass nicht ganz so typisch gewesen sein dürfte.

Szene aus dem Film Quellen des Lebens mit (Foto: X-Verleih)

Die "bösen" Großeltern aus großbürgerlichem Milieu: Margarita Broich und Thomas Heinze

Über mehrere Jahrzehnte spannt sich die Geschichte, die Roehler in "Quellen des Lebens" erzählt, spürt zunächst dem Mief der deutschen Nachkriegsgeschichte nach, blickt dann auf die Phase des Wirtschaftswunders der 50er Jahre, zeigt schließlich den radikalen Bruch in der Gesellschaft, der im öffentlichen Bewusstsein mit dem Datum '68 verknüpft ist. Das letzte Drittel des Films dann steht ganz im Zeichen der Flower-Power-Ära, der '70er Jahre. Roehler zeigt hier mit viel Pop- und Rock-Musik der Zeit wie es zugegangen ist damals, als sich der Umgang mit Liebe und Sexualität wandelte. Eine für den Filmregisseur abgeschlossene Ära, die man mit dem heutigen Leben nicht vergleichen kann: "Es hat mal so ein Stadium der Unschuld in den 70er bis 90er Jahren gegeben, wo man frei miteinander umgegangen ist. Heute herrscht dagegen wieder ein scharfer Ton. Es wurden neue Grenzen gesetzt. Wir haben die Unschuld und die Freiheit weitgehend eingebüßt."

Keine langweilige Geschichtslektion

Erinnerung und Recherche - das sind die beiden Pfeiler, auf denen sich der Filmregisseur Oskar Roehler für seine filmische Chronik der Bundesrepublik gestützt hat. Die Jahre vor seiner Geburt hat er sich erarbeitet. Bei den Jahren danach hat ihm die Erinnerung beim Schreiben des Drehbuchs geholfen. Herausgekommen ist ein manchmal greller und melodramatisch überspitzter filmischer Bilderbogen aus kindlicher Perspektive. Ein subjektiver Blick auf deutsche Nachkriegsgeschichte, der anrührt und manchmal auch abstößt, der die Zuschauer berührt und zur Stellungsnahme aufruft. Nur eines kann man dem Filmregisseur Oskar Roehler nicht vorwerfen: dass er hier eine langweilige Lektion deutscher Geschichte erteilt.

Außerdem in KINO am 15.3.: Wie zeigt ein Spielfilm die 3096 Tage Gefangenschaft der Natascha Kampusch? Warum fehlt der Literaturverfilmung von Nachtzug nach Lissabon trotz großem Starensemble die Magie? Und was erfährt man auf einer Berliner Ausstellung über den US-Regisseur Martin Scorsese?

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