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Kultur

Oscar Niemeyer: "Das Leben ist ein Hauch"

Er gilt als Jahrhundertarchitekt und als der letzte große Vertreter der architektonischen Moderne. Ein Nachruf auf den verstorbenen Brasilianer Oscar Niemeyer, der deutsche Wurzeln hatte.

Das elegante Ensemble der Regierungs-Bauten von Brasília, den Sitz der Vereinten Nationen in New York, Projekte in Rio de Janeiro, São Paulo, London, Paris und Berlin - Oscar Niemeyers Entwürfe sind weltbekannt, vielleicht bekannter als Niemeyer selbst.

Dabei dokumentieren unzählige Bildbände das malerische Werk des Jahrhundertarchitekten. "Zweckarchitektur stinkt", sagte Niemeyer einmal einer Kunstzeitung. Es ist der Respekt vor und die Liebe zur Natur, die das Wesen seiner Baukunst ausmachen.

Niemeyer gilt als der letzte große Vertreter der architektonischen Moderne, die seine Vorbilder - vor allem Le Corbusier, Mies van der Rohe und Alvar Aalto - begründeten. Gleichzeitig wird er wohl als erster großer Vertreter des Postmodernismus gelten. Denn seine Architektur entstand als ein Protest gegen den International Style durch die Kurve, wie er selbst schrieb.

Im hohen Alter erlebte er selbst mit, wie seine Gebäude die Welt und seine Nachfolger beeinflussen: Die aus dem Irak stammende Britin Zaha Hadid und der Niederländer Rem Koolhaas, beide wie Niemeyer Träger des renommierten Pritzker-Preises, sind zwei seiner wichtigsten Nachfolger.

Katholische Kindheit

1951 wurde dieses Gebäude in Sao Paulo nach Niemeyers Entwürfen gebaut (Foto: dpa)

Typisch Niemeyer: das Haus Copan in Sao Paulo

1907 wurde Oscar de Almeida Soares in eine streng katholische Familie in Rio de Janeiro geboren. Doch weder die sonntägliche Messe im Haus der Eltern seiner Mutter noch das katholische Barabiten-Gymnasium konnten ihn an die Religion binden: "Was für mich zählt, ist die Anfangsexplosion: Sterne und Planeten, die sich im unendlichen Raum bilden, und wir, die Tiere der Erde, die fortzubestehen versuchen." Eine Lehre, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgte.

Später nahm Niemeyer den deutschen Nachnamen seiner Großeltern väterlicherseits an - so wie sich einst der deutsche Architekt Ludwig Mies den "van der Rohe" seiner Mutter anhing.

Rio, New York und Minas Gerais

Ende der 20er-Jahre, inzwischen verheiratet und Vater einer Tochter, studierte Niemeyer, Architektur. "Weil ich das Zeichnen mag", begründete er seine Berufswahl. Nach dem Abschluss 1934 arbeitete Niemeyer im Büro von Lúcio Costa, dem späteren Stadtplaner von Brasília. Beide schlossen sich den Architekten um Le Corbusier an, die 1936 das Kultusministerium in Rio entwarfen. Der Schweizer Architekt hatte großen Einfluss auf die beiden jungen Brasilianer.

Der Architekt Le Corbusier (Foto: FLC / VG Bild-Kunst)

Niemeyers Vorbild: Le Corbusier

Der nur fünf Jahre ältere Lúcio Costa erkannte Niemeyers Talent: Nachdem er die Ausschreibung für den brasilianischen Pavillon der Weltausstellung 1939 in New York gewann, lud er den zweitplatzierten Niemeyer ein, den Bau gemeinsam neu zu entwerfen. Kurz darauf überließ er Niemeyer einen Auftrag des Bundesstaats Minas Gerais: ein Hotel in Ouro Preto, einem Zentrum des brasilianischen Barock.

Bei diesem Projekt knüpfte Niemeyer Kontakte zu Politikern - darunter auch der damalige Bürgermeister der Hauptstadt Belo Horizonte, Juscelino Kubitschek, der später als brasilianischer Präsident Brasília erbauen ließ - und setzte fortan weitere Großprojekte für sie um.

Technik als Fortschritt

Anders als die Romantiker der Organischen Architektur betrachtet Niemeyer die Technik als Fortschritt. Der Betonbau ermöglichte ihm erst die charakteristischen Kurven, mit denen er die Moderne ergänzte und gegen die strenge Rechtwinkligkeit des Rationalismus protestierte: "Ich mag keine geraden Winkel oder Linien, sie sind hart und unbeweglich, nur von Mensch gemacht. Ich liebe frei fließende, sensible Kurven, wie ich sie in den Hügeln meiner Heimat, in den geschwungenen Flüssen, in den Wellen der Ozeane oder auf dem Körper einer geliebten Frau finde. Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht - das krumme Universum von Einstein."

Die soziale Architektur, wie sie später im Sozialwohnungsbau vor allem in kommunistischen Ländern praktiziert wurde, lehnte er ab, obwohl er politisch der Linken nahestand. Niemeyer behielt die Anbindung seiner Entwürfe an den jeweiligen Ort als ein Leitmotiv bei.

Das Gebäude des Obersten Gerichtshofs in Brasilia (Foto: Reuters)

Der Oberste Gerichtshof in Brasilia

Ein Platz für Niemeyer

"Pampulha" gilt als Anfang seiner Architektur, gab seiner ersten Schaffensphase ihren Namen und machte Niemeyer weltbekannt. Es folgten wichtige Projekte im Ausland, wie das 1947 entworfene Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York oder das Wohngebäude auf V-förmigen Stelzen, das Niemeyer als Beitrag für die Internationale Bauausstellung am Berliner Hansaplatz Mitte der 50er-Jahre gebaut hat.

1956 kam der große Durchbruch: Juscelino Kubitschek engagierte Niemeyer, um die Bauten der neuen Hauptstadt Brasília zu entwerfen; Lúcio Costa übernahm die Stadtplanung. Nach vier Jahren Arbeit unter Hochdruck wurde im April 1960 die neue Hauptstadt Brasiliens mit den von Niemeyer entworfenen Palästen, Kirchen, Universitäten und Wohnblöcken eingeweiht. Brasília wurde nicht nur zum Symbol der Modernität Brasiliens, sondern auch der ganzen Modernen Architektur - die erste Stadt, die komplett nach den Prinzipien des modernistischen städtebaulichen Manifests errichtet wurde, der sogenannten Charta von Athen aus dem Jahre 1933. Für Brasilien markiert das Hauptstadtprojekt neben all seiner Hinwendung zur Modernität vor allem den Aufbau einer nationalen, kulturellen Identität. Niemeyer war und ist Teil dieses Projektes.

Nahezu unvergesslich: Oscar Niemeyer

Weder Niemeyers Stellenwert noch sein Weltruhm konnten verhindern, dass er sich 1966 gezwungen sah, sein Land zu verlassen: Ab 1964 herrschte in Brasilien eine Militärdiktatur, die Niemeyer boykottierte, der seit den 40er-Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens war.

Oscar Niemeyer (Foto: Juliana Zucolotto)

Oscar Niemeyer, zeitlebens ein Linker

Seiner politischen Überzeugung blieb er treu, obwohl sie ihm viele Probleme einbrachte. Denn als Kommunist und guter Freund von Fidel Castro durfte er nicht in die USA einreisen. Mit einem Visum, das der damalige französische Präsident Charles de Gaulle persönlich erwirkt hatte, wanderte er nach Paris aus.

Ende der 60er-Jahre durfte er dann wieder in Brasilien arbeiten. Doch seine Verbindungen ins Ausland blieben stark: Seine Tätigkeit führte ihn nach Algerien, Israel, Italien und Portugal. Vor allem aber war er in Frankreich tätig, wo er die Zentrale der Kommunistischen Partei Frankreichs in Paris erbaute.

Anfang der 80er-Jahre, im Alter von Mitte 70, kehrte er endgültig in seine Heimat zurück. Doch Niemeyer ruhte nicht: Sein Arbeitstag begann früh und endete spät - selbst im hohen Alter von über 100 Jahren übernahm er noch Projekte wie das Internationale Kulturzentrum Oscar Niemeyer im spanischen Avilés und die arabisch-südamerikanische Bibliothek in Algier.

"Wenn wir sterben, verschwinden wir"

Niemeyers architektonisches Erbe umfasst neben unzähligen Artikeln und Büchern über 500 Entwürfe, von denen gut die Hälfte tatsächlich realisiert wurde.

Tot ist nur, wer vergessen wird - lautet ein Aphorismus Immanuel Kants. Falls dem so wäre, dürfte der große brasilianische Architekt noch eine ganze Weile weiter leben. Doch Niemeyer selbst hielt es in seiner materialistischen Überzeugung wohl eher mit dem französischen Philosophen Jacques Lacan, der sagte: Wenn wir sterben, verschwinden wir. Denn für Niemeyer war das Leben immer nur ein Hauch.

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